Es gibt Arten des Unterwegs-Sein, die man selbst nie wählen würde, weil nur schon die Vorstellung fürchterliche Bilder bereithält. Kreuzfahrten beispielsweise, oder Carreisen. Und dann sitze ich im goldig lackierten Reisecar, am Samstagmorgen im Stop-and-Go-Verkehr von Zürich und denke: Eigentlich ganz lustig. Das liegt auch an den Mitreisenden, davon später mehr.
Vor mir liegt die «Tagestour auf den Spuren des Reformators Zwingli mit dem busfahrenden Pfarrer Hans Martin Enz» (Ausschreibung) und den Etappen Wildhaus im Toggenburg (Zwinglis Geburtshaus), Einsiedeln (Zwinglis Zeit als Katholik) und das Kloster Kappel am Albis (Zwinglis Todesort). Ein Tag Reformationsgeschichte kompakt; Zopf, Kaffee und Mittagessen im Restaurant-Stübli inklusive.
Portugal, Brasilien und Finnland rollen dem Geburtsort von Zwingli entgegen
Pfarrer Enz informiert durchs Mikrofon die rund zwei Dutzend Reisenden im Oberdeck über die bevorstehende erste Etappe in Wildhaus, dann erläutert er Lüftungsdüse und Sitz. Letzteres interessiert die Reisenden sehr: Düsen werden gerichtet und Sitzpositionen ausprobiert, der Ausgelassenheit nach müsste die Reise in den Europa-Park nach Rust führen. Zwei Dutzend Menschen aus dem Zürcher Zentrum für Migrationskirchen (mit dabei: Korea, Brasilien, Portugal, Finnland und Sri Lanka) rollen dem Geburtsort von Huldrych Zwingli entgegen. Viel gute Laune also für einen Tag, der einer Person gilt, die für ihren Glauben starb.
Bei der Ankunft regnet’s. Vorbei am von der Sonne geschwärzten Geburtshaus von Zwingli in das gegenüberliegende Restaurant. Kaffee und Zopf werden gereicht, dabei erzählt eine Frau aus Zwinglis Leben und seinen Errungenschaften. Sie spricht anwaltschaftlich und richtet an uns den Appell, Zwingli doch bitteschön nicht als «Haudegen» zu sehen.
Weiter geht‘s ins Haus von Zwingli. Dort wird erst mal gezählt: Im ersten Stock dürfen nicht mehr als sechs Personen zeitgleich stehen, sonst droht der Holzboden einzubrechen. Auch sollte den Kopf einziehen, wer die kleinen Zimmer – ausgestattet vom Landesmuseum mit Möbeln aus Zwinglis Zeit – betritt. Vor dem Haus noch ein Gruppenfoto, dann wieder in den Bus. Nächste Station: Einsiedeln.
Kulinarische Perle der Reformation
Zum Mittagessen im Stübli des Restaurants Tulipan unmittelbar am Klosterplatz wird zur Vorspeise die legendäre Kappeler Milchsuppe gereicht (zu meiner Überraschung eine wahre kulinarische Perle der Reformation). Zu Tisch erzählt Reiseleiter und Pfarrer Hans Martin Enz (Bild unten), warum er Bus fährt und solche Reisen organisiert. Enz, in Gilet und mit dem Gesicht eines Bergführers, wählt seine Worte mit Bedacht. Die Hälfte der Woche arbeite er als Pfarrer in Arbon, in der übrigen Zeit fahre er mit dem Car oder mit dem Postauto durch die Gegend. Seine Jobs würden sich ideal ergänzen, und keinen möchte er missen.
Nach dem Mittagessen bittet Enz die Teilnehmenden, sich nach der Klosterführung wieder pünktlich zum Bus zu begeben. Über den Klosterplatz gelangen wir zum Seiteneingang des Klosters, wo Bruder Gabriel über die Klostergeschichte spricht und davon, dass auch der junge Zwingli einmal einer von ihnen war. Über Gänge und Treppen geht’s hinauf in die Stiftsbibliothek.
Auf die barocke Überwältigungsarchitektur antwortet die Reisegruppe mit Raunen. Dann greift Bruder Gabriel die kostbare Zwingli-Bibel aus dem Regal und schlägt sie auf. Für einen kurzen Augenblick werden einige der Reisegruppe zu Fans: Mit ziemlich viel Euphorie suchen sie die Nähe zur Bibel, blättern und berühren sie. Minuten später und sichtlich irritiert über das Fantum kündigt Bruder Gabriel an, die Bibel nun wieder zu schliessen und ins Regal zu stellen.
Zur vereinbarten Zeit sitzen nur wenige im Bus. Im Wissen um die Anziehungskraft der Schwarzen Madonna in der Klosterkirche hat Pfarrer Enz die verspätete Rückkehr bereits eingeplant. Fünfzehn Minuten später geht’s weiter durch hügelige Landschaften und vorbei an Häusern mit Helikopterlandeplätzen und Seeanstoss zum Kloster Kappel am Albis. Pfarrer Enz hält den Bus am Strassenrand in einer Kurve unweit des Klosters und mahnt zur Vorsicht beim Ausstieg auf die trottoirfreie Strasse.
Über eine Treppe gelangen wir zu zwei grossen, alleinstehenden Bäumen, darunter Zwinglis Gedenkstein in der Herbstsonne. Hier in der Nähe hat Zwingli also mit den Katholiken die legendäre Kappeler Milchsuppe gelöffelt, und hier ist er zwei Jahre später, auf dem Schlachtfeld für seinen Glauben, gestorben.
Nach der Führung im Kloster Kappel fahren wir heimwärts. Zehn Stunden nach dem Einstieg steht der Bus wieder vor dem Zentrum für Migrationskirchen im Westen der Stadt Zürich. Das Wetter nun perfekt, die Stimmung sowieso.

Der Reiseleiter und reformierte Pfarrer Hans Martin Enz bietet anlässlich des bevorstehenden Reformationsjubiläums massgeschneiderte Carfahrten zum Thema an. Auskunft und Anmeldung bei Hans Martin Enz, Telefon +41 71 440 44 30, Mobile +41 76 561 44 30 oder E-Mail hmenz@sunrise.ch




