Die Solothurner Filmtage zeigen Kino auf Sinnsuche

Das Festival zeigt eine lebendige Schweizer Filmszene, die sich mit Religion und Sinnfragen beschäftigt. Aus dem Kino wird ein Ort der Reflexion über den Sinn des Lebens.

Filmemacherinnen kennen keine Scheu vor der Religion. (Bild: Pressekonferenz der Solothurner Filmtage)

An den Solothurner Filmtagen feiert Religion eine kleine Renaissance. Das Festival zeigt dieses Jahr auffallend viele Filme, die sich mit Religion und Spiritualität beschäftigen – oder die grosse Frage nach dem Sinn des Lebens stellen.

«Wir wussten, dass Stefan Haupts Zwingli in die Kinos kommt, aber mit einer derartigen Häufung religiöser Fragen hatten wir nicht gerechnet», sagt Seraina Rohrer, Direktorin der Filmtage. Unter den 165 Filmen, die das Festival zeigen wird, habe sich das Thema eher zufällig herauskristallisiert.

Das Festival hat eine Liste mit über 13 Filmen zusammengestellt, die sich manchmal im engeren, manchmal im weiteren Sinn mit religiösen Fragen beschäftigen. Es sei keine vollständige Liste, sagt Rohrer. Sie zeige aber, wie abwechslungsreich Filmemacherinnen in ihren Werken Sinnfragen nachgehen.

Das Spektrum dieser Filme ist so breit wie die Definition des Religionsbegriffes. Es reicht vom Historienepos Zwingli über Simon Jaquemets Drama Der Unschuldige, das im freikirchlichen Milieu angesiedelt ist, bis zu poetischen, ästhetischen Filmen wie Le voyage de Bashô und Architektur der Unendlichkeit.

  • Der Spielfilm «Der Unschuldige» handelt von einer strenggläubige Christin, deren Leben aus den Fugen gerät, als ein ehemaliger Geliebter wieder auftaucht. (Bild: Ascot Elite)

Früher Arthouse, heute Blockbuster

In den vergangenen Jahren dominierten an den Filmtagen eher globale Themen wie Flucht und Migration oder private Dramen, die sich hinter verschlossenen Türen abspielten, sagt Rohrer. «Wir leben in einer Zeit, in der es wichtig ist zu fragen, wohin wir wollen», erklärt sich die Festivaldirektorin das neu entfachte Interesse der Filmkünstler an Glaubensfragen.

Ähnlich sieht das die Religionswissenschaftlerin Natalie Fritz, die sich auf Film und Medien spezialisiert hat: «Globalisierung und Migration schaffen weltweit Verunsicherung, da sehnen sich die Menschen nach Orientierung.» Sie beobachtet schon länger, wie sich Filmschaffende vermehrt existenziellen Fragen widmen. Zunächst geschah dies nur in unabhängigen Arthouse-Filmen. Unterdessen seien Religion und Spiritualität mit Blockbustern wie Wim Wenders Papst Franziskus oder Haupts Zwingli endgültig auf die grosse Leinwand zurückgekehrt.

«Kino ist freier als Kirche»

Der Kinosaal werde zunehmend zu einem Ort der Reflexion, sagt Religionswissenschaftlerin Fritz. Dabei habe das Kino gegenüber der Kirche einen entscheidenden Vorteil: «Das Kino ist freier als die Kirche.» Filmemacherinnen seien an keinen Kanon und keine institutionalisierten Traditionen gebunden. Es liege in ihrer individuellen Freiheit, wie sie ein Thema umsetzen.

So inszeniert sich zum Beispiel der dänische Regisseur Lars von Trier gerne als konvertierter Katholik. Bei seinen Filmen aber lasse er sich deswegen nicht einschränken, sagt Fritz. Seine Geschichten spielen zwar mit dem Katholizismus, entsprechen jedoch nicht unbedingt der römischen Lehrmeinung.

Eine weitere Stärke des Kinos liege in seiner Erzähltechnik: «Der Film hat die Möglichkeit, einen Rahmen, ein sogenanntes Framing, visuell zu setzen», sagt Fritz. Filmemacherinnen zeigen den Zuschauern neue Perspektiven, indem sie die Kamera bewusst auf einen Ausschnitt der Realität oder einer möglichen Realität halten, in welche sie das Publikum hineinversetzen wollen.

In einer unübersichtlichen Welt könne das Medium Film so nach Werten wie Menschlichkeit oder Nächstenliebe fragen und Orientierung vermitteln, ohne unmittelbare Lösungen bieten zu müssen.

Kinogänger müssen selber Antworten finden

«Filme wagen sich heutzutage vermehrt an komplexe Fragen, gerade weil es keine eindeutigen Antworten gibt», sagt Festivaldirektorin Rohrer. Darin liege der Reiz für die Künstler. «Sie können sich daran reiben und abarbeiten.» Im Film ginge es nicht um die Suche nach absoluten Antworten. Sondern um die Herausforderung, über existentielle Fragen nachzudenken und neue Einsichten zu gewinnen.

Für Kinogänger bedeutet dies: Sie begeben sich für die Dauer der Filme in andere Realitäten – und müssen selber Antworten entdecken.

Die 54. Solothurner Filmtage finden vom 24. bis 31. Januar 2019 statt. Weitere Informationen zum Festival und zum Programm finden Sie hier: solothurnerfilmtage.ch.


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