An der Vorbereitungssitzung, die am 16. Mai mit Betroffenen, Behörden- und Kirchenvertretern sowie dem Bauernverband, weiteren Organisationen und Historikern in Bern stattfand, seien grundsätzliche Fragen geklärt worden, sagte Vereinspräsident Walter Zwahlen. Es herrsche wieder «eine offene Situation». Hauptgrund für das Umdenken sei die Teilnahme von Bundesrätin Simonetta Sommaruga an der ersten Sitzung des Runden Tischs, die laut dem Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartement (EJPD) am 13. Juni stattfinden soll. Der Verein «netzwerk verdingt», den ehemalige Verdingkinder gegründet haben, zog deshalb seine Ankündigung, nicht am Treffen teilzunehmen, zurück.
Die meisten Opferorganisationen zeigten sich mit der Vorbereitungssitzung zufrieden, darunter der Verein "Rehabilitierung der Administrativ Versorgten" (RAVIA) und der Verein Fremdplatziert, wie Vertreter auf Anfrage sagten. Anders der Betroffene Sergio Devecchi. Der ehemalige Präsident der Integras (Schweizerischer Fachverband für Sozial- und Sonderpädagogik) forderte, Sommaruga solle den Runden Tisch selbst einrichten und nicht einfach delegieren. Ein Grusswort der Bundesrätin reiche nicht. Der Runde Tisch sei zum Scheitern verurteilt, so Devecchi. Deshalb werde er Mitte Juni auch nicht am Anlass teilnehmen. «Ich würde sonst bei anderen Betroffenen als Verräter dastehen.»
Der Bundesrat will die Geschichte der Verdingkinder und anderer Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen aufarbeiten. Hierzu wurde Ständerat Hansruedi Stadler im Dezember vom Bundesrat zum Delegierten ernannt. Er soll sich um sämtliche offenen Fragen kümmern. Justizministerin Sommaruga hatte sich am 11. April an einem Gedenkanlass in Bern im Namen der Landesregierung bei ehemaligen Verdingkindern und allen anderen Opfern von Zwangsmassnahmen entschuldigt. Im Jahre 2010 hatte sich bereits Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf bei Opfern fürsorgerischer Zwangsmassnahmen entschuldigt. Damals ging es in erster Linie um Menschen, die ohne Gerichtsurteil «administrativ versorgt» wurden.