«Die Menschen in Fukushima fühlen sich im Stich gelassen»

Acht Jahre nach dem Reaktorunglück von Fukushima kämpft die Bevölkerung noch immer mit den Folgen. Die Menschen hätten psychische Probleme und würden ausgegrenzt, sagen Yoshinobu Akashi, Pfarrer in der Präfektur, und die protestantische Friedensaktivistin Junko Kikuchi.

Ein Mann gedenkt der Opfer des Tsunamis vom 11. März 2011. (Bild: Keystone/Kimimasa Mayama)

Vor acht Jahren fegte ein Tsunami über die Küste der Präfektur Fukushima hinweg. Das Unglück verursachte mehrere Kernschmelzen in einem Atomkraftwerk, in deren Folge 150’000 Menschen aus der Region fliehen mussten. Wie ist die Situation heute?
Junko Kikuchi: Die Menschen sind verunsichert: Auf dem Gelände des Kraftwerks sind Arbeiten im Gang, immer mal wieder steigt Rauch auf. Hinzu kommt, dass unsere Messungen erhöhte Radioaktivität an den Küsten zeigen – vermutlich, weil damals und auch später noch mit Absicht kontaminiertes Wasser in den Pazifik geleitet wurde. Dennoch will die Regierung, dass die Bevölkerung in die evakuierten Kommunen zurückkehrt.

Wie gehen die Menschen mit dieser Situation um?
Yoshinobu Akashi: Die Bevölkerung ist tief gespalten, bis in die einzelnen Familien hinein. Stellen Sie sich vor, eine Familie musste damals fliehen und steht nun vor der Entscheidung, ob sie in die Heimat zurückkehren will. Der Vater spricht sich dafür aus, hat vielleicht schon Arbeit gefunden, doch seine Frau ist dagegen, weil sie die Kinder nicht gefährden will. Spannungen sind da vorprogrammiert. Viele Betroffene leiden auch unter psychischen Problemen. Sogar die Kleinsten gehen schon regelmässig zum Psychologen.

Erhält die Bevölkerung Unterstützung vom Staat?
Yoshinobu Akashi: Nach dem Reaktorunglück haben alle Einwohner der Evakuierungszone finanzielle Unterstützung und kostenlosen Wohnraum erhalten. Damit ist es nun vorbei. Einige Betroffene haben den Staat auf Schadensersatz verklagt, und tatsächlich hat die Regierung ihnen kleine Beträge bezahlt. Aber eher aus Mitleid denn aus Verantwortungsgefühl.

Junko Kikuchi: Unser jetziger Premierminister tut so, als würde ihn das alles nichts angehen. Als Tokyo sich für die Olympischen Sommerspiele 2020 bewarb, sagte er, Fukushima sei ja weit weg, und überhaupt sei das heute alles kein Problem mehr. «No problem – under control», das sagte er wörtlich. Viele fühlen sich darum vom Staat im Stich gelassen.

Herr Akashi, Sie arbeiten als Pfarrer in der Präfektur Fukushima. Wie können Sie den Menschen helfen?
Yoshinobu Akashi: Zum einen ganz praktisch: Ich betreibe ein Labor, in dem die Menschen Lebensmittel testen lassen können, von denen sie befürchten, sie könnten radioaktiv verseucht sein. Dadurch kann ich ihnen schon viele Ängste nehmen. Ausserdem stelle ich unser Gemeindehaus für Bürgerinitiativen oder Nichtregierungsorganisationen zur Verfügung. So schaffen wir eine Plattform, wo die Menschen sich austauschen können.

Warum ist das wichtig?
Yoshinobu Akashi: Wegen der Spaltung der Gesellschaft, die ich vorhin angesprochen habe. Das Wir-Gefühl fehlt, was auch dazu führt, dass die Menschen Mühe haben, anderen von ihren Erlebnissen zu berichten. Das muss sich wieder ändern. Was mir aber am allerwichtigsten ist: Als Pfarrer kann ich versuchen, den Menschen ihre Würde zurückzugeben.

Ich erinnere mich daran, dass Lastwagen mit Hilfsgütern an der Grenze zur Präfektur umkehrten – weil die Helfer Angst hatten vor der Strahlung. (Yoshinobu Akashi)

Wie meinen Sie das?
Yoshinobu Akashi: Sehen Sie, die Menschen in Japan behandeln Radioaktivität, als wäre sie etwas Ansteckendes – ein Virus. Die Geflüchteten wurden stigmatisiert, sie wurden gemieden, weil die Leute Angst hatten, sie könnten durch den Kontakt mit ihnen kontaminiert werden. In Fukushima lebten zudem viele von der Landwirtschaft. Jetzt kauft niemand mehr die Produkte aus Angst vor Verseuchung. Das ist schlecht für die Wirtschaft und nagt am Selbstbild der Bewohner.

Und wie machen Sie das nun konkret – den Menschen ihre Würde wiedergeben?
Yoshinobu Akashi: Ich gehe hin und höre ihnen zu. Ich versuche eine Beziehung zu ihnen aufzubauen. Und auch wenn es nach einer Kleinigkeit klingt: Ich versuche Dinge zu finden, über die sie lachen können.

Das Erdbeben von Kobe 1995, bei dem über 4500 Menschen starben, gilt rückblickend als Geburtsstunde der Zivilgesellschaft in Japan: Die Bürger organisierten sich und riefen zahlreiche Hilfsorganisationen ins Leben. War etwas Ähnliches auch nach Fukushima zu beobachten?
Yoshinobu Akashi: Diese Frage ist schwierig zu beantworten. Nach dem Tsunami meldeten sich zwar sehr viele Freiwillige, doch nur ein Bruchteil wagte sich nach Fukushima, weil die Angst vor Strahlung gross war. Ich erinnere mich auch daran, dass Lastwagen mit Hilfsgütern an der Grenze zur Präfektur umkehrten – aus demselben Grund.

Junko Kikuchi: Früher ging der Protest von NGO oder Gewerkschaften aus. Mit Fukushima hat sich das verändert: Es bildete sich eine Widerstandsbewegung, in der auch Einzelne gegen Atomenergie auf die Strasse gingen, etwa eine Mutter mit Kinderwagen oder ein Rentner im Rollstuhl.

Nun sind acht Jahre vergangen. Wie steht die japanische Gesellschaft heute zum Thema Kernkraft?
Yoshinobu Akashi: Mein Eindruck ist, dass der Protest leiser geworden ist. Die Regierung setzt wieder auf Atomenergie und es gibt zwar immer noch regelmässig Demonstrationen vor dem Kanzleramt, doch den meisten Menschen ist das mittlerweile egal. Ihnen wäre es wohl am liebsten, das Thema Fukushima wäre erledigt.

Die Kirche sollte hingehen, zuhören und die Menschen auf ihrem Weg begleiten. Nach der Reise fühle ich mich in dieser Auffassung gestärkt. (Junko Kikuchi)

Und die Kirchen?
Yoshinobu Akashi: Christen machen nur etwa ein bis zwei Prozent der Bevölkerung aus, die Kirchen haben in politischen Belangen also wenig Macht. Ausserdem gibt es in unseren Kirchen viele sehr unterschiedliche Flügel. Die Konservativen etwa unterstützen die Politik der Regierung.

Machen wir zum Schluss noch einen Themenwechsel: Ihr Aufenthalt in der Schweiz stand unter dem Motto «Entdeckungsreise zu einer anderen Reformation – das Erbe Huldrych Zwinglis». Was nehmen Sie mit von dieser Reise?
Yoshinobu Akashi: Ich kannte Zwingli vorher gar nicht, nur Luther und Calvin. Dass er die Reformation so stark mitgeprägt hat, war mir nicht klar.

Junko Kikuchi: Mir gefällt, dass Zwingli sehr realitätsbezogen war. Während Luther einsam die Bibel studierte, schaute Zwingli hinaus in die Welt und war nahe bei den Menschen. Das möchte ich gerne mit nach Hause nehmen, und da kann ich auch einen Bogen zu Fukushima schlagen: Die Kirche sollte hingehen, zuhören und die Menschen auf ihrem Weg begleiten. Nach der Reise fühle ich mich in dieser Auffassung gestärkt.

 

Pfarrer Yoshinobu Akashi gehört zur United Church of Christ in Japan und arbeitet als Pfarrer in der Präfektur Fukushima. Junko Kikuchi ist beim National Christian Council in Japan (NCCJ) tätig, einem protestantischen Dachverband, der auch Mitglied beim Weltkirchenrat ist.

Die beiden besuchten die Schweiz als Teil einer japanischen Delegation, die hier an der Tagung über das Wirken von Huldrych Zwingli teilnahm. Diese fand vom 29. April bis zum 6. Mai statt und wurde vom Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund (SEK), der Reformierten Kirche Aargau sowie der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) organisiert. (vbu)