«Die Krise ist bewältigt»

Als Claudia Bandixen 2012 die Leitung von Mission 21 übernahm, stand das Hilfswerk vor grossen Herausforderungen. Nun blickt die scheidende Direktorin auf die turbulenten Jahre zurück, spricht über Konkurrenz auf dem Spendenmarkt und darüber, was es bedeutet als Frau eine Führungsposition zu übernehmen.

Claudia Bandixen, Direktorin von Mission 21. (Bild: Dominik Plüss)

Frau Bandixen, Sie hören Ende August als Direktorin von Mission 21 auf und gehen mit 62 in Pension. Warum gerade jetzt?
Die wichtigste Frage war: Wann ist es am besten für Mission 21? Nun schien mir ein günstiger Moment gekommen. Das Werk hat sein Profil gefestigt, die Krisensituation ist bewältigt. Jetzt geht es um den Aufbau und nicht mehr um die Frage, ob es Mission 21 morgen überhaupt noch geben wird. 2012, als ich meinen Posten antrat, war das anders: Die Institution befand sich im freien Fall, es bestand die Gefahr, trotz guter Projekte alles zu verlieren. Meine damaligen Kollegen nannten den Stellenwechsel denn auch ein «Himmelfahrtskommando».

Wie haben Sie es geschafft, die Krise zu bewältigen?
Gewachsene Institutionen wie Mission 21 sind dank ihrer vielen Beziehungen ausserordentlich wertvoll, aber auch heikel. Es dauert Jahre, bis man sich problemlos in diesem Umfeld bewegen kann. Diese Zeit konnte das Werk aber einer neuen Führungsperson nicht einräumen. Ich hatte den Vorteil, dass ich Mission 21 seit langem kannte und damit verbunden war.

Was haben Sie konkret getan?
Wir mussten viele Stellen streichen. Der gute Umgang damit war herausfordernd. Ausserdem mussten wir unsere Ausrichtung sehr genau prüfen und festhalten, was eigentlich unser Kerngeschäft ist. Im Weiteren konnten wir nicht nur über die Qualität unserer Programme reden – wir mussten sie auch beweisen.

Und wie?
Wir haben uns die entsprechenden Labels geholt, zusammen mit mehreren internationalen Auszeichnungen. Das war ein wichtiger Schritt. Dennoch gibt es auch heute noch Herausforderungen. Offen ist beispielsweise, wie sich der Konkurrenzkampf unter den Hilfswerken auswirkt. Überleben nur die ganz Grossen? Gibt es Platz für eine Mission 21 mit ihrer KMU-Grösse? Es gibt immer mehr Player, und die kämpfen immer härter.

Es macht mir Sorgen, dass die Missionen durch ein zukünftiges Megahilfswerk leicht aus der Öffentlichkeit, auch der kirchlichen, weggetreten werden könnten.

Die beiden reformierten Hilfswerke Brot für alle und Heks haben im vergangenen Herbst ihre baldige Fusion bekanntgegeben. Was bedeutet das für Mission 21?
Ganz grundsätzlich: Wir Reformierten können stolz auf unsere Werke sein, zu denen ich im Übrigen auch die Mission der französischsprachigen Schweiz, das Département missionnaire (DM), zähle. Es wäre aber verfrüht, bereits heute über die möglichen Folgen einer Fusion zu sprechen. Festhalten kann ich nur, dass Mission 21 und DM den Kirchenbund und die Landeskirchen offiziell darum gebeten haben, dass nicht über die Missionen hinweg eine Fusion ausschliesslich wirschaftstechnisch vorangetrieben wird.

Können Sie das ausführen?
Nun, es macht mir Sorgen, dass die kleinen und basisnahen Missionen durch ein zukünftiges Megahilfswerk leicht aus der Öffentlichkeit, auch der kirchlichen, weggetreten werden könnten. Es steht ja nicht ein immer grösserer Spendenmarkt zur Verfügung, und auch in den Themen gibt es viele Überschneidungen. Es ist die Aufgabe des Kirchenbundes und der verschiedenen Landeskirchen, aber auch der einzelnen Werke, dass der Fusionsprozess das sorgfältig berücksichtigt.

Stichwort Konkurrenz: Wie unterscheidet sich denn Mission 21 von anderen Hilfswerken?
Mission 21 hat dank der langen Präsenz vor Ort das Vertrauen ihrer Partner und der Menschen. Wo die Politik versagt, wo Gruppen aufeinander losgehen, bleibt sie bei den Menschen und handelt immer dem Leben verpflichtet. Wir leisten Bildungsarbeit, Gesundheitsarbeit oder Existenzsicherung wie viele andere auch, aber bei all dem können wir zusätzlich konfliktsensitiv und damit nachhaltiger wirken.

Können Sie ein Beispiel nennen?
In den Flüchtlingslagern in Nordnigeria lernen Muslime und Christen wieder miteinander zu reden und ihre Zukunft gemeinsam anzugehen, auch dadurch, dass ihre Kinder die gleiche Schule besuchen. Mission 21 ist eine Lerngemeinschaft aufgrund des christlichen Auftrages: Jeder Mensch ist gleich vor Gott. Niemandem darf das abgesprochen werden, auch nicht dem ärgsten Feind. Wenn ich das biblisch ausdrücken müsste, würde ich es mit «Schalom» bezeichnen. Schalom bedeutet weit mehr als «kein Krieg». Der Begriff umfasst eine Reich-Gottes-Vision, wo alle in einem ganzheitlichen Frieden leben können, in dem jeder hat, was er braucht, und dem anderen das Leben gönnt.

Es geht also nicht darum, die Menschen zum Christentum zu bekehren?
Wir stehen zu unserem Christsein. Wir tun, was uns überzeugt, und wir reden über unsere Werte und auch den Glauben. Aber Mission ist nicht Evangelisation. Sie ist zutiefst respektvoll gegenüber den Werten und den Überzeugungen anderer. Mission bedeutet: «Du kannst Christ sein oder nicht, in meinen Augen bist du ein Kind Gottes mit allen Rechten. Ich freue mich, dass es dich gibt, und will mit dir daran arbeiten, die Welt gut zu gestalten.»

Das war früher aber anders …
Da muss ich Ihnen ganz entschieden widersprechen. Wir sind 1815 gegen die Sklaverei gegründet worden, und als christliche Befreiungs- und Gerechtigkeitsbewegung sehen wir uns noch heute. Die Mission arbeitet unermüdlich, weil Gott alle als freie und gleiche Menschen geschaffen hat. Diese Unterstützung ist schon immer bedingungslos. Genau das ist zutiefst christlich: Gott liebt alle Menschen. Diese Wahrheit zu leben, ist ein hartes und forderndes Geschäft.

Sie haben Mission 21 nun acht Jahre lang geführt. Worauf sind Sie besonders stolz, wenn Sie auf diese Zeit zurückblicken?
Da gibt es vieles. Der Betrieb funktioniert sehr gut, wir haben eine erfreuliche Qualität in unseren Projekten und sind innovativ etwa mit unseren Jugendprogrammen. Vor allem wichtig ist mir, dass sich Mission 21 entschieden für Menschen einsetzt, auf die niemand achten will. Etwa die verfolgten Christen und moderaten Muslime in Nordnigeria, die über ein halbe Million Westkameruner, die vor Separatisten und der Regierung flüchten und um ihr Leben fürchten. Der konsequente Einsatz für die diskriminierten Frauen als Teil aller Programme.

Und was ist Ihnen weniger gelungen?
Was die finanziell stabile Aufstellung betrifft, ist ein Turnaround nur mittelbar gelungen. Dank des Verkaufs der Hotel AG 2018 konnten wir wichtige Nothilfefinanzierungen bewerkstelligen. Das rettete zwar viele Menschenleben, war aber institutionell mit Sicherheit nicht nachhaltig. Hier wird der neue Direktor Jochen Kirsch noch vieles bewirken müssen.

Bei einer Frau in einer Leitungsposition denken die Menschen ganz schnell, dass sie ledig und kinderlos sein muss, oder sie bedauern
den Ehemann mit einem solchen «Weib».

Spielte es für Ihre Arbeit eine Rolle, dass Sie eine Frau sind?
Selbstverständlich. Überall ist die Welt dann in Ordnung, wenn sie so ist, wie wir sie kennen. Und was wir kennen, ist immer noch der starke Mann an der Spitze. Entsprechend hat es wohl ziemliche Erleichterung ausgelöst, dass mein Nachfolger ein Mann ist. Aber selbstverständlich ist Jochen Kirsch auch Feminist und wird konsequent den Weg zugunsten der Frauen weiterverfolgen.

Erleichterung in den Partnerorganisationen oder auch in der Schweiz?
Auch in der Schweiz. Die Rollenbilder für Frauen sind zwar Gott sei Dank heute nicht mehr so klar. Das heisst aber auch, dass sich eine Frau individuell überlegen muss, ob sie die berufliche Laufbahn oder die Familie priorisiert oder ob sie alles gleichzeitig machen will. Das allerdings ist nach wie vor fast unmöglich. Als Mann wächst man dagegen in ein traditionelles Rollenbild mit allen Rechten hinein, ohne dass ein zusätzliches Hinterfragen der eigenen Rolle erwartet wird. Bei einer Frau in einer Leitungsposition denken die Menschen ganz schnell, dass sie ledig und kinderlos sein muss, oder sie bedauern den Ehemann mit einem solchen «Weib». Von einer echten und stärkenden Partnerschaft gehen nur wenige aus.

Wie haben Sie selbst die Mehrfachbelastung bewältigt?
Ich habe das grosse Glück, mit einem Mann verheiratet zu sein, der meine Eigenständigkeit immer respektiert und unterstützt hat. Zeitlich war das nicht immer einfach. Es bedeutete, keine Zeit für Freundschaften zu haben und die Hausarbeit fast vollständig zu delegieren. Nur so war es möglich, mit einer 80-Stunden Woche als Paar verantwortlich für fünf junge Menschen zu sein, davon drei eigene Kinder.

Nun sind die Kinder erwachsen und Sie selbst gehen in Pension. Was haben Sie jetzt vor?
Gemeinsam haben mein Mann und ich geplant, insgesamt 18 Monate zu Fuss, auf dem Velo, im Zug oder Auto und mit dem Flugzeug unterwegs zu sein von Indien nach Basel.

Sie kandidieren aber auch für den Nationalrat auf der Aargauer Seniorenliste. Was machen Sie, wenn Sie gewählt werden?
Dann werden wir umdenken und ich werde die Chance ergreifen, mich im Parlament konsequent für die Rechte von Kirchen und das Verständnis von Religionsgemeinschaften einzusetzen. Wichtig wäre mir aber auch das Engagement für Marginalisierte, besonders für alte Menschen.

Und wie geht es weiter mit Mission 21?
Das Wichtigste ist, dass wir tatsächlich unserer Mission, unserem Auftrag, treu bleiben können – gemeinsam mit den Landeskirchen und den Partnern. Ich bin erleichtert darüber, dass ihnen klar ist, dass die Mission ohne sie nicht bestehen kann und dass unser Auftrag auch ihr Auftrag ist. Ich habe das Vertrauen, dass es weitergeht mit Mission 21. In welche Richtung, das müssen jetzt andere entscheiden.

Claudia Bandixen arbeitete in den Neunzigerjahren für die Basler Mission in Chile, später war sie als Kirchenerneuerin der Reformierten Landeskirche Aargau und zehn Jahre lang als deren Präsidentin tätig. 2012 übernahm sie die Leitung von Mission 21. Mit 62 Jahren lässt sich die Theologin nun frühpensionieren.