Bern

Die Kirche im Restaurant

In der neu entstehenden Siedlung Holliger in Bern wird bald ein Restaurant der etwas anderen Art eröffnet. Neben Essen gibt es im Dock 8 auch Beratungen oder Deutschkurse der Kirche. Denn die reformierte und die katholische Kirche sowie der Verein Wohnenbern haben dafür zusammengespannt.

Noch ist das Restaurant Dock8 im Rohbau. Im Februar 2022 soll es aber eröffnet werden. (Bild: zVg)

Christian Walti, Sie sind mit der reformierte Kirchgemeinde Frieden an Dock8 beteiligt. Was ist genau das Konzept dieses Orts?
Das Projekt ist ein Restaurant, das gleichzeitig ein öffentliches Wohnzimmer ist, ein Begegnungsort mitten im Quartier. Im hinteren Bereich hat es Büros, wo Beratungen stattfinden können, etwa zu Wohnfragen oder sozialen Problemen. Zudem gibt es keinen Konsumationszwang. Wir erhoffen uns davon, dass wir ganz verschiedenen Leuten einen Raum bieten können, in dem sie sich wohlfühlen.

Warum braucht es dieses öffentliche Wohnzimmer?
Die neue Siedlung Holliger wird viele neue Leute ins Quartier bringen. Wir finden, es brauche einen Begegnungsort, wo das neue und das alte Quartier zusammenwachsen können. Ausserdem hoffen wir, möglichst niedrigschwellig mit Menschen in Kontakt zu kommen. Wir sind nicht in einem Büro oder Kirchgemeindehaus, sondern bieten offene Räume zum Verweilen. Ausserdem finden wir von den beiden Kirchen, dass wir, wenn möglich, Kooperationen eingehen sollten. So können wir aus unserem Nischendasein herauskommen.

Nischendasein, was meinen Sie damit?
Es ist erwiesen, dass die Kirchen Mitglieder verlieren und damit oft auch ihre Positionen im Gemeinwesen verloren gehen. Mit unserem Projekt wollen wir wieder hinein ins Gemeinwesen und Teil davon werden. Dabei sind wir offen für Menschen, die keiner Religion angehören. Es macht doch Kirche aus, dass wir nahe bei den Menschen sind. In diesem Projekt geht es also um das Wesen der Kirche. Aber wir machen uns dadurch auch verletzlicher.

«Bei diesem Projekt geht es nicht ums Sparen, sondern um eine neue Art, Kirche zu sein.»

Warum?
Durch die Kooperation mit anderen geben wir ein Stück Kontrolle auf. Wir müssen die Räume mit anderen Institutionen teilen, das wird viele Gespräche verursachen. Ausserdem müssen wir offen bleiben für verschiedenste Menschen. Dadurch verändert sich vielleicht auch die Kirche.

Ist es auch ein Sparvorhaben, dass man mit anderen zusammenspannt?
Daran haben wir bei der Konzeption nicht gedacht. Zwar müssen wir bei den Liegenschaften in Bern sparen. Aber bei diesem Projekt geht es nicht darum, sondern um eine neue Art, Kirche zu sein. Wir wollen nah bei den Leuten sein, ohne uns aufzudrängen.

«Wir hoffen, dass sich die Leute mit dem Crowdfunding noch mehr mit dem Projekt identifizieren.»

Was können Sie als Kirche zu dem Projekt beitragen?
Zwei Mitarbeitende von uns werden dort ihr Büro haben, eine Sozialdiakonin und eine Pfarrperson. Und wir werden viele Veranstaltungen durchführen, die wir jetzt schon im Quartier anbieten, wie etwa Deutschkurse für Migrantinnen und Spielwochen für Kinder.

Das Projekt steht kurz vor der Eröffnung, im Februar 2022 soll es so weit sein. Nun machen Sie aber noch ein Crowdfunding – fehlt Ihnen noch Geld?
Wir haben zwar viel Geld bekommen von Stiftungen und den Kirchen. Trotzdem ist die Finanzierung immer noch knapp. Das Crowdfunding hat aber auch noch einen anderen Hintergedanken. Wenn jemand etwas Geld einzahlt, kann er oder sie einen Stuhl oder Tisch mit dem eigenen Namen versehen. So werden viele Menschen sagen können: Im Dock8 hat es immer einen Stuhl für mich. Wir hoffen, dass sich die Leute damit noch mehr mit dem Projekt identifizieren. Und bis jetzt läuft es sehr gut!

Christian Walti (39) ist Pfarrer in der reformierten Kirchgemeinde Frieden und in der Kirche im Haus der Religionen in der Stadt Bern.