Dass im Christentum der Kapitalismus nicht nur negativ gesehen wird, zeigte Christoph Sückelberger einleitend am Freitagabend in einem Vortrag. So habe ihm ein Freund aus Nigeria, Mitglied einer charismatischen «Mega Church», gesagt, der Kapitalismus sei eine christliche Erfindung, weil er dem gläubigen Menschen Wohlstand und Reichtum verleihe.
Krieg dem Kapitalismus?
Umgekehrt habe Stückelberger kürzlich eine Weihnachtskarte eines indischen Theologieprofessors erhalten, auf der stehe: Das Christentum müsse Krieg gegen den Kapitalismus führen.
Was ist nun richtig? Dass die Lösung aus christlicher Sicht kaum in einer Extremposition sein könne, machte Stückelberger gleich zu Beginn klar. Heute sei man in diesen Fragen «pragmatisch».
Er skizzierte vor den rund 60 Zuhörern kurzweilig, wie Christen im Lauf der Geschichte jeweils auf Krisen und Probleme der Wirtschaft reagierten. Auf die Kolonisierung etwa mit einer humanen protestantischen Mission, wie es die Basler Mission versucht habe. Bei der Entkolonisierung wiederum habe die Befreiungstheologie eine wichtige Rolle gespielt.
Der Zins gemäss Calvin
Auf die Verelendung während der industriellen Revolution hätten Christen mit praktischer Diakonie dagegengehalten. Der Planwirtschaft kommunistischer Prägung versuchten sich die Kirchen zu entziehen und pochten auf individuelle Freiheit. «Bei der bis heute anhaltenden Globalisierung zeigen sich die Kirchen allerdings gespalten, weil sie den Vorgang uneinheitlich interpretieren.»
Er wies ausführlich auf Calvin hin, der im 16. Jahrhundert sieben Regeln für faires Wirtschaften aufstellte, zum Beispiel, wann Zinsnehmen legitim sei. «Zins ist gemäss Calvin dann erlaubt, wenn das Zinsgeschäft unter gleichberechtigten Partnern stattfindet», so Stückelberger. «Diese Art von Zins ist in einer modernen Wirtschaft notwendig, damit ein Unternehmen überhaupt einen Kredit aufnehmen kann.»
Und was sagt die Bibel über faires Wirtschaften? «Die Bibel ist unglaublich realistisch, sie hat ein präzises Menschenbild, auch im Zusammenhang mit Geld», meinte Stückelberger. Sie unterscheide deutlich zwischen Geld als «Gabe», die lebensfördernd sei, und als «Mammon», der zerstörend wirke.
Gerechtigkeit versus Freiheit
Daraus könne man ableiten, dass weder eine Verherrlichung noch eine Verteufelung des Kapitalismus, sondern vielmehr ein Ausbalancieren zwischen Gerechtigkeit und Freiheit angezeigt sei. Stückelberger: «Armut ist eine Verletzung der Würde des Menschen. Aber Diktatur eben auch.»
Wirtschaftlich «gutes» Handeln verankerte Stückelberger auf zwei Ebenen. Religiös, indem man Gottvertrauen habe und Ängste abbaue; ethisch, indem man empathisch, nachhaltig, fair und ehrlich wirtschafte. Es sei ein ständiges Aushandeln und Adjustieren innerhalb des marktwirtschaftlichen Systems notwendig: «Starke, faire Regeln für freie, nachhaltige Märkte.» Oder biblisch klipp und klar zusammengefasst: «Besser wenig mit Gerechtigkeit als reichen Ertrag mit Unrecht.» (Sprüche 16, 8).
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