Islam als Landeskirche? Kirchenratspräsidenten beziehen Stellung

Im Nachgang zu den Anschlägen von Paris ist die Frage wieder auf dem Tisch: Sollen in der Schweiz muslimische Gemeinschaften öffentlich-rechtlich anerkannt werden? Die Antworten der reformierten Kirchenratspräsidenten von Bern-Jura-Solothurn, Zürich und Basel-Stadt fallen alles andere als einhellig aus.

Von links: Andreas Zeller (Synodalratspräsident Bern-Jura-Solothurn), Michel Müller (Kirchenratspräsident Zürich) und Lukas Kundert (Kirchenratspräsident Basel-Stadt). (Bilder: zVg)

Andreas Zeller, Synodalratspräsident der reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn

«Wir führen seit Jahren einen guten Dialog mit allen Religionen und haben auch bei der Schaffung des Hauses der Religionen mitgewirkt. Was aber die öffentlich-rechtliche Anerkennung von muslimischen Gemeinschaften betrifft, sind wir eher zurückhaltend. So bräuchte es in der Schweiz ausgebildete Imame, vergleichbar mit der landeskirchlichen Pfarrschaft. Weiter müssten sich die Gemeinschaften so organisieren, dass sie auch als legitime Verhandlungspartner gegenüber dem Staat auftreten können. Im Kanton Bern sind wir aktuell daran, das Verhältnis Kirche und Staat weiterzuentwickeln. Würde nun noch eine weitere Religion wie der Islam eine Anerkennung wollen, würde das wohl das Fuder überladen. Hinzu kommt, dass in der gegenwärtig aufgeheizten öffentlichen Debatte es politisch, das heisst in Volksabstimmungen, kaum möglich wäre, den Islam als öffentlich-rechtliche Religion in der Schweiz anzuerkennen. Aber letztendlich ist das auch nicht weiter tragisch: Wir sollten die Anerkennungs-Frage und die Radikalisierung von Personen mit islamischem Glauben nicht vermischen. Das eine hat nichts mit dem anderen zu tun.»

 

Michel Müller, Kirchenratspräsident der reformierten Kirchen Kanton Zürich

«Diese Frage haben wir als reformierte Kirche Zürich eigentlich bereits vor über zehn Jahren beantwortet, als im Kanton das neue Kirchengesetz aufgegleist wurde. Damals befürworteten wir die Möglichkeit der öffentlich-rechtlichen Anerkennung religiöser und insbesondere muslimischer Gemeinschaften – und dies tun wir auch heute noch. Wenn sich eine muslimische Gemeinschaft an die demokratischen und rechtsstaatlichen Regeln hält, gibt es nichts einzuwenden. Letztlich ist es eine Tatsache, dass Muslime in der Schweiz leben und ihren Glauben auch leben wollen. Eine Anerkennung würde auch dazu beitragen, dass sich diese Menschen noch stärker in der Schweiz zuhause fühlen. Was mich aber in der aktuellen Debatte stört, und ich als höchst problematisch erachte, ist der hergestellte Zusammenhang zwischen den Anschlägen von Paris und einer Debatte um eine öffentlich-rechtliche Anerkennung von islamischen Gemeinschaften. Denn: Der Umkehrschluss wäre ja, dass wenn muslimische Gemeinschaften nicht anerkannt würden, diese dann potenziell gewalttätig werden.»

 

Lukas Kundert, Kirchenratspräsident der reformierten Kirche Basel-Stadt

«Das österreichische Modell zeigt, dass es erfolgreich ist, wenn man muslimische Gemeinschaften gleichstellt. Es stellt sich allerdings die Frage des Weges einer Gleichstellung. So müssen sich die muslimischen Gemeinschaften so formieren, dass sie ein verlässliches Gegenüber sind. Dann wäre eine öffentlich-rechtliche Anerkennung auch als Abschluss einer Integration zu sehen, als eine Art Gütesiegel. Ich wünsche mir, dass Politiker sich öffentlich zur Anerkennung von muslimischen Gemeinschaften bekennen und zugleich klarmachen, was die Rechte und Pflichten eines solchen Schrittes beinhalten. Letztlich muss aber die Initiative um eine Anerkennung seitens der muslimischen Gemeinschaften kommen. Auch denke ich mir, dass wir mit den Kräften des europäischen Islams, insbesondere aus dem Balkan, das Gespräch suchen sollten. Sie stehen in einer kaiserlich-königlichen und aufgeklärten Tradition. Wenn wir diesen Islam stärken, könnte ihm auch binnenislamisch eine Mittlerrolle zukommen.»