Islam als Landeskirche? – Landeskirchen: «Ja, aber»

Nach den Anschlägen von Paris fordern Schweizer Muslime als Gegenmassnahme die öffentlich-rechtliche Anerkennung muslimischer Gemeinschaften. Vertreter der Landeskirchen reagieren auf die Forderung reserviert. Als «nicht dringlich» taxiert der Schweizerische Evangelische Kirchenbund die Anerkennungsfrage.

Die «Muslimcharta» betont die lange Tradition religiöser Toleranz auf dem Balkan. (Bild: Wikimedia/Agência Brasil)

Für Farhad Afshar, Präsident der Koordination Islamischer Organisationen Schweiz (Kios), ist es höchste Zeit für die öffentlich-rechtliche Anerkennung des Islams, wie die Aargauer Zeitung (13. Januar) und 20 Minuten (12. und 14. Januar) berichten. Dies als Massnahme der Integration gegen Radikalisierungstendenzen. Zudem fordert Afshar in der Schweiz ausgebildete Imame für die Schweizer Moscheen. Und muslimische Seelsorger in den Schweizer Gefängnissen.

Quirin Weber, Dozent für Religionsverfassungsrecht an der Universität Luzern, unterstützt die Forderung Afshars. Die öffentlich-rechtliche Anerkennung muslimischer Gemeinschaften sei sinnvoll, «weil die Öffentlichkeit von Religionen offene, demokratische Gemeinschaften schützt». Angesichts der gegenwärtigen Entwicklung erhalte die Forderung der Muslime nun grössere Dringlichkeit. Weber ist Mitautor einer Studie, die die öffentlich-rechtliche Anerkennung muslimischer Religionsgemeinschaften bejaht. Er gibt aber zu bedenken, dass die Anerkennungsfrage sich in den Kantonen entscheidet. Dieser Prozess sei rechtlicher und politischer Natur. «Am Ende entscheiden die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger des jeweiligen Kantons.»

Für evangelischen Kirchenbund ist Anerkennung «nicht dringlich»

Der Schweizerische Evangelische Kirchenbund (SEK) ist nicht der Ansicht, die Anerkennung der Muslime sei wegen der aktuellen Entwicklung dringlicher. In der Schweiz seien die allermeisten Muslime gut integriert, teilte die Beauftragte für Kommunikation des SEK, Anne Durrer, auf Anfrage mit. «Aus unserer Sicht ist die Frage der Integration die wichtigste.» Der Kirchenbund glaubt auch nicht, dass eine Anerkennung muslimischer Gemeinschaften der Pegida-Bewegung den Wind aus den Segeln nehmen könnte. Die Juden seien in vielen Kantonen öffentlich-rechtlich anerkannt. «Es gibt trotzdem antisemitische Äusserungen.» Der SEK lege «als Kirche» den Fokus auf den interreligiösen Dialog. «Die Frage der Anerkennung müssen die staatlichen Behörden und die religiösen Gemeinschaften klären.»

Anerkennung hat politisch kaum Chancen

René Pahud de Mortanges, Direktor des Instituts für Religionsrecht an der Universität Freiburg (Schweiz), geht davon aus, dass die Voraussetzungen für einen erfolgreichen Anerkennungsprozess derzeit eher nicht erfüllt sind. Damit eine Anerkennung der Muslime in einem Kanton politisch Chancen hätte, müssten diese «von der breiteren Öffentlichkeit als gesellschaftlich integriert wahrgenommen werden», so Pahud de Mortanges. «Die öffentlich-rechtliche oder öffentliche Anerkennung ist ja ein politischer Ausdruck davon, dass Mitglieder einer Religionsgemeinschaft als Bestandteil der Gesellschaft wahrgenommen werden.»

Die Gründung des islamfeindlichen Vereins Pegida Schweiz am Freitag, 9. Januar, zeige eher, dass dies im Moment nicht der Fall sei. «Mit der Vereinsgründung wird offenbar ein Unbehagen gegenüber Muslimen in der Schweiz artikuliert und ein erhöhter Bedarf nach Klärung des Status der Muslime in diesem Land indiziert.» Politik und Wissenschaft seien nun gefordert, so Pahud de Mortanges.

Zurückhaltend nahm Charles Morerod, Bischof von Lausanne, Genf und Freiburg, Stellung: «Die Frage der Anerkennung des Islam müsste vertieft angegangen werden, eine rasche Antwort ist nicht möglich.» Die Arbeitsgruppe Islam der Schweizer Bischofskonferenz (SBK) werde sich «baldmöglichst» mit der besorgniserregenden aktuellen Lage vertieft auseinandersetzen und sich dann auch dazu äussern, versprach der Westschweizer Bischof. Morerod ist innerhalb der SBK zuständig für den Dialog mit dem Islam.

Zentrum für Islam notwendig

Weber und Pahud de Mortanges sind angesichts islamfeindlicher Strömungen in der Bevölkerung und der Gefahr des Islamismus überzeugt, dass das an der Universität Freiburg (Schweiz) geplante «Schweizerische Zentrum für Islam und Gesellschaft» jetzt erst recht notwendig sei. «Imame haben ihren islamischen Glauben im gesellschaftlichen Kontext zu interpretieren.» Nur so könnten antiaufklärerische Tendenzen, Fundamentalismen und Totalitarismen verhindert werden, sagte Weber.

Mit seinem Weiterbildungsangebot wolle das Zentrum eine Unterstützung zur Integration der Muslime in die schweizerische Gesellschaft liefern, sagte Pahud de Mortanges gegenüber kath.ch. «Und mit der Vermittlung von Kenntnissen über den Islam und die Muslime möchte es andererseits auch einer breiteren Öffentlichkeit ermöglichen, Ängste gegenüber dem Islam abzubauen.» In diesem Sinne könnte das Zentrum auch einen Beitrag gegen islamfeindliche Stimmungen leisten, ist der Direktor des Instituts für Religionsrecht überzeugt. Der Forscher beteiligt seit 2014 an den Planungsarbeiten für das künftige Zentrum. (kath.ch)

 


 

Sollen muslimische Gemeinschaften in der Schweiz öffentlich-rechtlich anerkannt werden? Die Antworten von reformierten Kirchenratspräsidenten lesen Sie am Donnerstag auf ref.ch.