Vom Beten unter freiem Himmel und dem Umgang mit der AfD

In einer Woche beginnt in Dortmund der Deutsche Evangelische Kirchentag. Das grösste Treffen evangelischer Laien im deutschsprachigen Raum soll ein Fest des Glaubens werden. Gleichzeitig stehen aber auch wichtige politische Themen wie der Umgang mit den neuen Konservativen auf der Agenda.

Kirchentag bedeutet immer auch Feiern unter freiem Himmel. Hier eine Gruppe Jugendlicher am Kirchentag 2017 während der «Nacht der Lichter» in Wittenberg. (Bild: Keystone/Pierre Adenis)

Menschenmengen sind die Dortmunder gewohnt – die Stadt im Westen Deutschlands zieht regelmässig Tausende Fussballfans des Bundesliga-Spitzenklubs Borussia Dortmund an. Mit dem Meistertitel wurde es in diesem Jahr zwar nichts, doch Feiern im Freien mit geschätzt 100’000 Gästen ist dennoch möglich: Der evangelische Kirchentag 2019 ist vom 19. bis 23. Juni zu Gast in der Ruhrmetropole.

Kirchentag – das bedeutet: Spontanes Singen in der U-Bahn, Posaunenchöre, die Strassenmusik machen, und Beten unter freiem Himmel. Selten sind Gläubige in der Gesellschaft so sichtbar wie beim Kirchentag.

Das Treffen der evangelischen Laien bedeutet aber auch politischen Diskurs. «Es wird ein grosses Glaubensfest und gleichzeitig ein sehr politischer Kirchentag», sagt der Präsident der Veranstaltung, der Journalist und überzeugte Protestant Hans Leyendecker. So haben die Organisatoren mit der Kirchentagslosung «Was für ein Vertrauen» einen Nerv getroffen in Zeiten, in denen Vertrauen zu einer wichtigen politischen Ressource geworden und immer wieder von Vertrauenskrisen die Rede ist.

AfD-Politiker nicht erwünscht

Mit der Entscheidung, Politiker der Partei Alternative für Deutschland (AfD) nicht zu Kirchentagspodien einzuladen, haben die Veranstalter allerdings auch eine Debatte ausgelöst. Beim zurückliegenden Kirchentag 2017 in Berlin und Wittenberg hatte die AfD noch mitdiskutieren dürfen. Der Ausschluss gelte nur für Partei-Funktionäre und nicht für Bürger, die mit der AfD sympathisieren, betonte das Präsidium. Präsident Leyendecker selbst verteidigte die Entscheidung immer wieder mit den Worten, dass sich die Partei seit 2017 weiter radikalisiert habe.

Um aber im Gespräch zu bleiben mit allen, die aus Protest gegen die Regierung unter Angela Merkel mit der AfD liebäugeln, gibt es ein Barcamp mit dem Titel «Das soll doch mal gesagt werden dürfen». Der Name soll Programm sein. Auch die Themen «neuer Konservatismus» und «Angst» stehen auf der Agenda.

Unter den Rednern und Podien-Gästen sind viele Politiker aus der ersten Reihe: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU), der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne), Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nebst seinen drei Amtsvorgängern Joachim Gauck, Christian Wulff und Horst Köhler werden erwartet.

Dortmund – eine bunte Stadt

Dortmund sei genau der richtige Ort für die politische Kontroverse über gesellschaftlich relevante Themen, sagt Leyendecker. Hier spiegele sich die «bunte Vielfalt» der Gesellschaft. Kohle und Stahl haben Dortmund fast ein Jahrhundert lang als Stadt geprägt. Nach dem Niedergang der Kohle- und Stahl-Industrie scheinen die Dortmunder den wirtschaftlichen Strukturwandel geschafft zu haben. Doch die Stadt macht immer wieder negative Schlagzeilen wegen der rechten Szene im Stadtteil Dorstfeld.

Zu weiteren gesellschaftlichen Themen während des Kirchentages zählen Klimaschutz, Digitalisierung, sexualisierte Gewalt und feministische Theologie. Hinzu kommt ein üppiges Kulturprogramm mit 600 Veranstaltungen. Alle Veranstaltungen sollen zudem barrierefrei sein.

Zusätzliche Sicherheitsmassnahmen

Damit sich die mehr als 100’000 erwarteten Besucher in der Stadt und bei den Veranstaltungen sicher fühlen können, werden Tausende Einsatzkräfte für Ordnung sorgen. Veranstaltungsorte werden zusätzlich mit Betonklötzen und Lkw-Sperren abgesichert. Innerhalb der Innenstadt gilt an allen Veranstaltungstagen tagsüber ein Lkw-Fahrverbot.

Am Ende des Kirchentages werden sich Fussball und Glauben noch einmal ganz nahe kommen: Einer der beiden zentralen Abschlussgottesdienste wird im Stadion von Borussia Dortmund stattfinden. (epd)