«Der Antisemitismus war schon immer da»

Yves Kugelmann, Chefredaktor des jüdischen Wochenmagazins «Tachles», spricht Klartext zu den Reaktionen auf den Gaza-Konflikt. Und er erläutert den Unterschied von jüdischen Feindbildern in der muslimischen Gesellschaft und in Europa.

Yves Kugelmann. Bild: zVg/tachles

Herr Kugelmann, im Zusammenhang mit dem Gazakonflikt wird in den Medien oft eine Zunahme des Antisemitismus beklagt. Was ist Ihre Einschätzung?
Kann man wirklich von Zunahme sprechen? Offensichtlich ist, dass zurzeit die Emotionen hochgehen. Das zeigte sich etwa auf den Kundgebungen oder in den sozialen Medien. Das ist nicht erstaunlich, und man muss es ernstnehmen. Zugleich sind soziale Medien kein primär ernstzunehmender Parameter, sondern einer von vielen. Vor allem aber ist das ja alles nicht neu. Früher kamen diese Schmähungen, öffentliche oder anonyme Drohungen, per Post oder Telefon. Deshalb gibt es ja auch diese Sicherheitsvorkehrungen in jeder jüdischen Institution in Europa. Das gehört einfach dazu und muss nicht im Zusammenhang mit Israel sein.

 

Gibt es nicht diese unheilige Allianz von Antisemitismus und Israelkritik?
Die gibt es sicher, das ist offensichtlich. Es gibt das eine als Folge des anderen und umgekehrt – und es gibt berechtigte, schmerzhafte Kritik. Auf der anderen Seite gibt es eine totale Instrumentalisierung des Antisemitismus, für den sich ja in der Regel niemand interessiert, der aber immer da war. Im Moment wird er von der Öffentlichkeit oder Funktionären und Politikern neu entdeckt und derart hochgespült, dass man meinen könnte, über Nacht habe sich die ganze Welt verändert. Es ist logisch, dass man in Zeiten eines Konflikts besser darauf hinweisen und die Attacken kumulieren kann. Doch diese generelle Überraschung, auch von jüdischen Exponenten, ist schon erstaunlich und zeigt, wie wenig Kompetenz im Umgang damit vorhanden ist. Es ist doch so: Die Anschläge, Attacken, Morde, brennenden Synagogen, Kampagnen der letzten Jahrzehnte in Europa, auch in der Schweiz, sind in Vergessenheit geraten. Wenn jetzt ein paar Steine fliegen und virulente antisemitische Äusserungen um sich greifen, steht dies in keinem Verhältnis zu diesen Vorkommnissen.

 

Was meinen Sie mit Instrumentalisierung? Wer instrumentalisiert den Antisemitismus?
Viele stürzen sich jetzt auf einmal auf das Thema, Zeitungen sind voll mit halbpatzigen Texten von Leuten, die auf einmal den Antisemitismus für sich entdeckt haben. Auf einmal wird wieder die vermeintliche jüdisch-christliche Tradition oder sogar Symbiose angerufen oder hochstilisiert, die es so aber offensichtlich nie gab und die herangedichtet wird, um damit gegen die Muslime ins Feld ziehen zu können. Wenn es eine bikulturelle Tradition jemals gab, dann zwischen Muslimen und Juden. Es gibt zwar tatsächlich Antisemitismus in der muslimischen Bevölkerung, teils eskaliert und massiv in arabischen Staaten. Und es gibt unter Migranten Problembereiche, auf die geschaut werden muss. Dass aber antisemitische Gewalttaten seit dem Zweiten  Weltkrieg immer noch mehrheitlich rechtsextremen – in Deutschland auch oft linksextremen – Hintergrund haben, entgleitet jedoch vielen bereits wieder.

 

Aber es gibt doch einen speziell muslimischen Antisemitismus.
Einen muslimischen Antisemitismus gibt es nicht. Es gibt Antisemitismus unter Muslimen. Und dann gibt es antijüdische Propaganda oder Äusserungen von muslimischer Seite. In den letzten Jahren natürlich oft in Verbindung mit Israel. Die jüdischen Feindbilder in muslimischen Gesellschaften allerdings sind viel banaler als in Europa, wo sie in der Kultur verankert sind. Sie sind politisch aufgeladen – übrigens auch umgekehrt die Stereotype gegenüber Arabern, ohne das eine mit dem anderen gleichstellen zu wollen. Inzwischen gibt es Generationen, die nur mit dieser Propaganda aufwachsen sind, die durch digitale Technik starke Verbreitung und Virulenz gefunden hat, die von arabischen Politikern auch gerne geschürt wird und sicherlich auch in Migranten- gemeinschaften wirken kann. Sicherlich ist ein Element, dass die Kompetenz im Umgang mit fremden Kulturen in den letzten Jahren in der Region Nahost gelitten hat. Juden kennen keine Muslime mehr und Muslime kennen keine Juden mehr.

 

War das früher besser?
Früher gab es einen gesellschaftlichen Austausch zwischen Israeli und Arabern, Juden und Muslimen. Es gab ein – nicht immer einfaches – Zusammenleben, Gewerbe, Handel, Begegnung abseits der politischen Situation. Gerade auch in den besetzten Gebieten. Heute ist das ja strikte getrennt.

 

Israel wird für seine Politik viel heftiger kritisiert als andere Länder. Ist das nicht auch eine Form von Antisemitismus?
Israel steht vor allem stärker als andere Länder im Fokus der öffentlichen Beobachtung. Das hat viele Gründe und ist nicht kausal antisemitisch, sondern zuerst mal geprägt durch die Religion, die kulturelle Geschichte des Landes, Geopolitik, Machtinteressen der Hegemonialmächte und Historie der Staatsgründung. Immerhin sind die drei abrahamitischen Religionen in Israel zuhause, und dieser Ort ist essenziell für alle drei, viel essenzieller als zum Beispiel Libyen oder der Irak.

 

Wie kann man das Verhältnis von Nichtjuden und Juden verbessern?
Zuerst durch Begegnung, Gespräch, Dialog, Austausch an der Basis. Die elitären Dialogskulturen von Funktionären und politischen Gruppen könnten indessen bis auf Ausnahmen aufgelöst werden.

 

Und wie kann das Verhältnis von Israel zu Palästina verbessert werden?
Im Fall von Gaza hätte schon längst eine Lösung gefunden werden müssen und können. Da sind alle Parteien verantwortlich, auch die internationale Gemeinschaft, deren Politik vor allem interessengeleitet ist. Der Nahe Osten hat Krieg und Konflikt ja nicht erfunden, und es gibt viele Beispiele der soliden Konfliktlösung in der jüngeren Geschichte. Das Drama ist, dass niemand wirklich an einer Lösung interessiert ist. Viele wollen und brauchen diesen Konflikt. Ob die jüngste Eskalation da etwas ändert, bleibt zu bezweifeln, ebenso wie die immer dringlichere Frage, ob überhaupt noch eine Lösung greifbar ist.

 

Das Interview erschien in der Reformierten Presse vom 8. August 2014.