«Das Schweigen der Glocken war eine geniale Idee»

Vor genau 100 Jahren blieben die Glocken der reformierten Kirche in Wipkingen still. Damit protestierte die Kirche für einen Pazifisten und Kriegsdienstverweigerer. Die Aktion sorgte für einen Skandal. Der Journalist Peter Egloff erinnert sich an seine Recherche vor 40 Jahren.

Peter Egloff hat sich intensiv mit dem Glockenstreik in Wipkingen auseinandergesetzt. (Bild: zvg)

Herr Egloff, Sie sind vor fast 40 Jahren in der Zentralbibliothek Zürich auf den «Wipkinger Glockenstreik» gestossen. Daraus haben Sie einen Artikel für das Tagesanzeiger-Magazin im Jahr 1980 verfasst. Was hat Sie damals an der Geschichte so fasziniert?
Als Student stiess ich bei meiner Recherche für eine Seminararbeizufällig auf eine Broschüre. Sie trug den seltsamen Titel: «Warum die Kirchenpflege Wipkingen am 1. August 1917 nicht geläutet hat.» Es war die gedruckte Rechtfertigungsrede des Wipkinger Pfarrers Ernst Altwegg, die er vor der Kirchgemeindeversammlung hielt. Die Schrift führte mich mitten in die sozialen Konflikte der Schweiz des Ersten Weltkrieges: Exportindustrie, Banken und Landwirtschaft profitierten vom Krieg, die Arbeiterschaft verarmte zusehends. In Zürich-Aussersihl wurde gehungert. Und sie thematisierte das Problem «Dienstverweigerung und Berufsverbote».

 

Sie schrieben damals über ein Ereignis, das über 60 Jahre zurücklag. Warum?
Weil der Text die bis heute aktuelle Frage aufwirft: Wie politisch darf, soll, muss die Kirche sein? Als ich 1980 meinen Artikel für das Tagesanzeiger-Magazin schrieb, war die Schweiz zudem das letzte Land Westeuropas, das noch keinen zivilen Ersatzdienst für den Militärdienst kannte. Dienstverweigerer wurden bei uns nach wie vor kriminalisiert und für Monate – und in Einzelfällen gar über ein Jahr lang – eingesperrt und mit Berufsverboten belegt. Seit 1917 hatte sich da nichts bewegt. Zürich nahm in dieser Hinsicht unter dem damaligen Erziehungsdirektor Alfred Gilgen einen traurigen Spitzenplatz ein.

 

Zentrale Figur und Verantwortlicher des Glockenstreiks war der reformierte Pfarrer Ernst Altwegg. Was trieb ihn an?
Der Glockenstreik-Beschluss geht nicht auf Pfarrer Altwegg zurück, sondern war eine Idee des sozialdemokratischen Präsidenten der Wipkinger Kirchenpflege, Louis Streuli. Pfarrer Altwegg und die Mehrheit der Wipkinger Kirchenpflege waren Teil der religiös-sozialen Bewegung um den Theologieprofessor Leonhard Ragaz. Dieser vertrat einen föderalistisch-genossenschaftlichen und pazifistischen Sozialismus, der im Evangelium gründet. Diese Überzeugung war sicherlich der Antrieb für den Glockenstreik.

 

Was war Pfarrer Altwegg für ein Mensch?
Pfarrer Altwegg starb 1955. Ich kann darum nur auf den Kirchenboten verweisen, wo er im Nekrolog als «unerschrockener Kämpfer» und als «kantige und doch liebenswerte Charaktergestalt von Format» geschildert wurde. Nach der Publikation meines Artikels im Tagesanzeiger-Magazin erhielt ich noch die Zuschrift einer hochbetagten Konfirmandin Altweggs. Darin äusserte sie sich mit rührenden Worten über sein väterlich-gütiges, verständnisvolles und grosszügiges Wesen.

 

Ein Protest von Kirchenvertretern – das erweckt heute kaum mehr Aufmerksamkeit. Warum war der damalige Glockenstreik-Protest so aussergewöhnlich?
Die Präsenz der Kirche und die Symbolik ihrer Äusserungen im öffentlichen Leben war damals und noch bis nach der Mitte des letzten Jahrhunderts viel gewichtiger und selbstverständlicher als heute. Auch die akustische Präsenz und das Glockenläuten als Teil lokaler Identität, das am 1. August symbolisch nochmals stärker aufgeladen war, trug seinen Teil zur Dynamik bei. Etwas davon hat sich bis in die Gegenwart erhalten: Radio SRF1 hat es bis dato jedenfalls nicht gewagt, die Samstagabend-Sendung «Glocken der Heimat» abzuschaffen. Das Schweigen der Wipkinger Glocken war also sehr beredt, sehr hörbar, kurz: es war eine geniale Idee!

 

Wie reagierte eigentlich die Bevölkerung auf das Verstummen der Glocken?
Sehr gespalten, darum kam es ja auch zum Skandal. Wipkingen war erst 1893 eingemeindet, also Teil der Stadt Zürich geworden. Die Bevölkerungsstruktur veränderte sich durch den Zuzug von Arbeiterinnen und Arbeitern stark. Exponenten der alteingesessenen, bürgerlich-konservativen Einwohnerschaft fühlten sich durch den Glockenstreik-Beschluss sehr provoziert und verlangten eine Intervention des Stadtpräsidenten. Als diese ausblieb, griffen sie zur Selbsthilfe. Etwa 40 Wipkinger unter Führung des Wirts des traditionellen Gasthauses «Ankerhof» brachen die Türen zum Kirchturm auf und erzwangen das 1. August-Läuten. Und weil sie ihre Tat nachher in der Kirche feuchtfröhlich feierten, kam es zum Stadtskandal. Wie gespalten die Bevölkerung war, zeigt auch das knappe Abstimmungsresultat der Kirchgemeindeversammlung nach Pfarrer Altweggs Rede: mit 182 Ja gegen 176 Nein wurde dem Glockenstreik-Beschluss nachträglich zugestimmt.

 

War es ungewöhnlich, dass sich die Kirche damals in die Politik einmischte?
Ich habe keine einschlägigen, vertieften historischen Studien betrieben. Aber soweit ich sehe, waren und sind Politik und Kirche immer wieder und fast unvermeidlich auf die eine oder andere Art verhängt und verbandelt, auf welcher Seite und in welcher Art auch immer. Denken Sie nur an Luthers Positionen im deutschen Bauernkrieg, an die Bilder von Kanonen segnenden Bischöfen oder an die Rolle der Kirchen im Balkankrieg, im zerfallenden Jugoslawien. Aber auch eine Kirche, die sich deklariert aus politischen Fragen heraushält, macht meines Erachtens implizit Politik.

 

Am diesjährigen 1. August wird Pfarrer Altweggs Rede in Wipkingen vorgetragen, mit welcher der Pfarrer damals den Glockenstreik begründete. Welche Stelle finden Sie besonders stark?
Diese nachfolgende Stelle. Ich denke, sie braucht keinen Kommentar. Pfarrer Altwegg richtet sich darin direkt an die «Kirchenchristen»: «Sie predigen wohl Gott; sie predigen die Wahrheit, die Gerechtigkeit und die Bruderliebe; aber sie glauben in Wirklichkeit nicht daran. Das heisst: sie glauben nicht, dass man mit der Wahrheit, der Gerechtigkeit, der Bruderliebe im praktischen Leben bestehen könne. Vor allem glauben sie nicht, dass man damit im Geschäfts- und Erwerbs- und im politischen Leben auskommen könne. Da muss man nach ihrer Meinung klug sein wie die Schlangen. Sie haben nicht den Mut, eine Geschäftsmoral zu verwerfen, die eigentlich keine Moral mehr ist. Sondern halten es für selbstverständlich, dass im Geschäftsleben in letzter Linie der Profit ausschlaggebend sei. Oder dass im politischen Leben jedes Volk mit allen Mitteln einer listigen Diplomatie und schliesslich der bewaffneten Gewalt sich zu behaupten und möglichst gut zu stellen suche. Darum schweigen diese Christen zu allen Härten und Ungerechtigkeiten der sozialen Verhältnisse. Sie schweigen zu der Vergewaltigung und Ausplünderung der einen Klasse durch eine andere. Sie schweigen zu den offenbaren Auswüchsen des Erwerbs- und Geschäftslebens. Sie schweigen zu allen Brutalitäten, mit denen die Staaten sich behaupten zu müssen meinen. Sie schweigen – und verlangen vor allem von ihren Pfarrern, dass sie dazu schweigen sollen. ‹Diese Dinge gehen euch nichts an. Das ist Politik. Und Politik hat mit der Religion nichts zu tun.›»

 

Was halten Sie davon, die Aktion von damals zu wiederholen?
Mit einer solchen Aktion würde heute niemand mehr zum Nachdenken gebracht oder gar provoziert werden können. Im Gegenteil: Heute stellt ja für viele Menschen das Läuten eine Provokation dar. Aufgrund von Lärmklagen aus der Umgebung bleiben heutzutage die Wipkinger Glocken in der Nacht stumm. Gegen das Tosen und Dröhnen der berüchtigten Rosengarten-Westtangente kommen die Anwohner mit Reklamationen allerdings nicht an.

Peter Egloff wurde 1950 in Zürich geboren. Nach einem Studium der Volkskunde, Europäischen Volksliteratur und Soziologie war er als freier Journalist, IKRK-Delegierter, Redaktor bei Schweizer Radio DRS und Programmleiter der Televisiun Rumantscha tätig. Seit 2002 ist er wieder freier Journalist und Publizist. (bat)

Veranstaltungshinweis

Mit einer szenischen Lesung am Originalschauplatz mit den Schauspielern Hanspeter Müller-Drossaart und Isabel Schaerer erinnert die evangelisch-­reformierte Kirchgemeinde Zürich‐Wipkingen am 1. August um 20 Uhr an der Wibichstrasse 43 an den Glockenstreik. Der Eintritt ist frei. Anschliessend sind Besucherinnen und Besucher zu einer Jubiläums-­Wurst vom Grill eingeladen. Mitbeteiligt an der Lesung ist auch die Zeitschrift Neue Wege, welche im 111. Jahrgang erscheint und in der Tradition der religiös-soziale Bewegung von Leonhard Ragaz steht. In der aktuellen Nummer 7-8 findet sich der vollständige Text der Altwegg-Rede mit erklärenden Anmerkungen als Sonderbeilage. (bat)