«Das Haus der Religionen ist spannend, aber keine Wohlfühloase»

Seit fünf Jahren leben Aleviten, Buddhisten, Christen, Hindus und Muslime in Bern unter einem Dach. Im Haus der Religionen haben sie ihre sakralen Räume, auch die Juden, Bahai und Sikhs sind beteiligt. Konflikte gibt es um Räucherstäbchen, aber dennoch sei es eine «gelebte Utopie», sagt Noch-Geschäftsleiter David Leutwyler.

Geschäftsführer David Leutwyler verlässt das Haus der Religionen nach fünf Jahren.

David Leutwyler, vor fünf Jahren wurde das Haus der Religionen eröffnet. Damals wollten Tausende das neue Religionszentrum anschauen und kennenlernen. Hat dieser Andrang angehalten?
In den ersten Monaten haben wir darauf gewartet, dass der Ansturm zurückgeht, damit wir endlich arbeiten können. Aber das ist nie passiert. Führungen und Workshops sind bis April 2020 ausgebucht. Die Leute wollen mehr wissen über Menschen aus verschiedenen Kulturen und mit verschiedenen Religionen.

Wie erklären Sie sich das grosse Interesse an diesen Themen?
Ich glaube, es ist Ausdruck einer Ungewissheit. In den Medien sieht man ja vor allem Beispiele, bei denen das Zusammenleben nicht funktioniert, in Europa oder weltweit. Ich finde, wir haben zu wenige Orte, wo wir uns über diese Fragen des Zusammenlebens austauschen können. Deshalb kommen so viele Menschen zu uns.

Wird das Haus der Religionen bei so vielen Besuchern nicht zu einer Ausstellung?
Wir haben uns extrem Mühe gegeben, dass das nicht passiert. Die Ursprungsidee des Haus der Religionen war ja, dass es in erster Linie Sakralräume für die Gläubigen gibt. Und so werden sie heute auch genutzt.

Ist denn zwischen diesen Gemeinschaften auch wirklich ein Miteinander entstanden?
Es ist «work in progress». Aufgrund der hohen Nachfrage hat die innere Entwicklung tatsächlich etwas gelitten. Aber es gelingt uns je länger, je besser. Zudem brauchen Beziehungen und Vertrauen auch Zeit. Freundschaften entstehen nicht an einem Abend. Aber zum Glück ist das Haus für die nächsten 80 Jahre gebaut und nicht nur für fünf.

Bestimmen denn auch alle Gemeinschaften mit? Oder anders gefragt: Besteht nicht die Gefahr, dass die «Schweizer» über die Gemeinschaften bestimmen?
Immerhin ist das Team interreligiös zusammengesetzt und der Vorstand – sozusagen die Exekutive – besteht aus Vertretern der Religionsgemeinschaften. Auch im Gesamtbetrieb ist das Bewusstsein stark gestiegen, dass man wegkommt von dieser Einseitigkeit. Der Imam und der Hindupriester haben nun gemeinsam die Initiative ergriffen im Bereich der interreligiösen Seelsorge. Oder erst gerade diskutierten vier alevitische Frauen über das Frausein im Alevitentum. Mindestens die Hälfte des Publikums bestand aus Aleviten. Die Aktivitäten kommen von allen Gemeinschaften aus.

In einem Bericht über das Haus der Religionen hiess es, es sei jetzt schon eine «gelebte Utopie». Stimmt das?
Ja, auf jeden Fall. Es klingt einfach ein bisschen zu harmonisch. Es ist auch anstrengend. Wenn man das interreligiöse Zusammenleben ernst nimmt, wirft es viele Fragen auf, auch für die eigenen Identität. Das ist anspruchsvoll und «e Chrampf». Deshalb ist das Haus der Religionen keine Wohlfühloase – aber sehr spannend.

Wo gibt es denn Konflikte?
Zum Beispiel beim Geruch von Räucherstäbchen. Der hält sich ja nicht an Raumgrenzen. Auch politische Veränderungen im Herkunftsland der Menschen können eine Herausforderung sein. Als zum Beispiel in Äthiopien ein neuer Präsident an die Macht kam, hat das auch die Menschen hier beschäftigt.

Sie selber verlassen das Haus der Religionen bald. Wenn Sie auf die letzten fünf Jahre zurückschauen, was war da Ihr Highlight?
Die Begegnungen mit so vielen verschiedenen Menschen. Man trifft jemanden, der erst seit drei Wochen in der Schweiz ist und versucht, in gebrochenem Englisch Orientierung zu finden. Einige Stunden später empfängt man den EU-Botschafter. Es gibt hier jeden Tag einen «Thrill», eine grosse Spannung.

Auch wenn Sie nicht mehr dabei sein werden – wohin soll es gehen mit dem Haus der Religionen?
Es gibt so viele Optionen! Die Menschen, die sich hier beteiligen, haben so viele Ressourcen, die Gesellschaft hat gleichzeitig so viele Ansprüche. Im Bereich Bildung, kulturelle Programme oder Integrationsarbeit gibt es unzählige Möglichkeiten. Das ist eine tolle Ausgangslage. Aber dann gibt’s eine pragmatische Seite, die Finanzen sind knapp. Da muss man Ideen und Realität zusammenbringen. Grundsätzlich ist die Konsolidierung nach innen sicher zentral, dass man sich austauscht, sich gegenseitig unterstützt und die kommenden Herausforderungen gemeinsam meistern kann.