Herr Dölle, das Fraumünster in Zürich mit seinen Chagall-Fenstern ist wie kaum eine andere Kirche in der Schweiz ein Besuchermagnet. Warum wollen Sie trotzdem in diesen Selbstläufer investieren?
Das stimmt und freut uns natürlich. Trotzdem glauben wir, dass das Fraumünster sehr viel mehr bietet als die ausdrucksstarken Chagall-Fenster. Als reformierte Kirchgemeinde wollen wir, dass die halbe Million Besucher im Jahr auch etwas von unserem Glauben, unserer Geschichte, der Reformation an diesem Ort und von der Bedeutung dieser Kirche für die Stadtentwicklung erfährt.
Wie wollen Sie das zeigen?
Mit Investitionen in drei Projekte, die das Fraumünster nicht als Museum, sondern als ein über Jahrhunderte lebendiges Gotteshaus mit vielen kleinen und grossen Geschichten zeigen. Das Fraumüns-ter soll ein erlebbarer Ort werden, an dem die Fragen, die von den Besuchern aufgeworfen werden, beantwortet werden. Kommt der russisch-orthodoxe Tourist ins Fraumünster, sieht er ja gleich, dass da kein Kreuz hängt, kein Altar steht, generell eine eher aufgeräumte Stimmung herrscht. Auf solche Beobachtungen wollen wir antworten – und das interessiert die Touristen sogar mehr, als wir dachten: Eine von uns 2013 durchgeführte, umfassende Besucherbefragung ergab ein grosses Interesse an diesen Fragen.
Wann sind die Projekte umgesetzt?
Die drei Projekte finden im Frühjahr 2016, wenn der Münsterhof zum autofreien Kulturplatz wird, ihren Abschluss. Die Besucher erhalten dann Zugang zur Fraumünster-Krypta. Und ein komplett neues Besucher-
Informationssystem soll den Touristen das Wissen nicht einfach aufpfropfen, sondern es ihnen in kleinen Geschichten vermitteln. Und mit dem dritten Projekt wollen wir die Besucherströme nach einem neuen System durch das Fraumünster lenken. Dabei liegt unser besonderes Augenmerk auf der Lenkung und Information der vielen Gruppen aus aller Welt.
«Fakt ist: Wir mussten handeln. Es kam zu unschönen Szenen, wenn sich Gruppen in der Kirche gegenseitig behinderten.»
Warum bei den Gruppen?
Wir können nur ahnen, was den Gruppen, die aus dem Bus in die Kirche geführt werden, vermittelt wird. Als wir eine Zeitlang vermehrt hinhörten, was so erzählt wird, erfuhren wir, dass oft zusammenhanglos oberfläch-
liche Informationen vermittelt werden.
Wie wollen Sie dieses Problem lösen?
Es lässt sich lösen, indem wir künftig nur noch von uns ausgebildete oder akkreditierte Führerinnen und Führer zulassen werden. Weiter müssen sich Gruppen zuvor anmelden. Und künftig bieten wir eine mit erheblichen Investitionen entwickelte Audio-Guide-Führung an.
Das hört sich nach starker Kontrolle an. Passt das zur reformierten Kirche?
Wir werden alle Massnahmen so ausgestalten, dass sie dem Besucher kaum auffallen, und wenn, dann sicher nicht auf eine unsympathische Art. Fakt ist: Wir mussten handeln. Es kam zu
unschönen Szenen, wenn sich Gruppen in der Kirche gegenseitig behinderten und daneben Menschen sassen, die sich in einer stillen Andacht befanden. Mit der Anmeldung und Lenkung von Gruppen werden wir nun die Besucher über die Woche so verteilen, dass sich in der Kirche keine stressig-lauten Spitzen bilden. Diesen Auftrag sollten wir übrigens auch als Christen erfüllen.
«Wir arbeiten auf technischer wie auch auf pädagogischer Seite mit ausgewiesenen Profis zusammen.»
Wie meinen Sie das?
Die Fraumünster-Kirche hat eine öffentliche Aufgabe, sie ist sozusagen ein Service public der Stadt Zürich. Die jährlich 500 000 Besucher geben uns aber auch als Christen einen «Auftrag». Der Tourismus macht alle unsere Besucher zu einer Familie, zu einer Gemeinschaft des lebendigen Interesses an Spiritualität – unabhängig welcher Religion sie angehören. Wir wollen künftig die Chance nutzen, den Frieden zu vermitteln, der in unserem Glauben und unserer Tradition eingebettet ist.
Sie sprachen von Audio-Guides, die im Fraumünster zum Einsatz kommen.
Ja. Die Audio-Guides bieten wir allen Besuchern an, auch Kindern, mit einem auf sie abgestimmten Inhaltsprogramm. Bei Gruppen können diese Guides auch als Empfangsgerät bei sogenannten Flüsterführungen genutzt werden: Der Führer spricht leise ins Mikrophon, und die Gruppenteilnehmer hören seine Worte im Ohr. Damit kehrt nochmals mehr Ruhe in den Kirchenraum ein.
Wie stellen Sie sicher, dass die Beiträge auf den Audio-Guides ansprechend und inhaltlich korrekt sind?
Wir arbeiten auf technischer wie auch auf pädagogischer Seite mit ausgewiesenen Profis in ihrem Fach zusammen. Die redaktionellen Inhalte werden von Fraumünster-Pfarrer Niklaus Peter und dem Leiter der Zürcher Stadtarchäologie, Dölf Wild, entwickelt. Wir als Kirchenpflege stehen beratend zur Seite.
Neu wird auch die Krypta des Fraumünsters zugänglich werden. Was kann der Besucher dort erwarten?
Wir werden die Ausgrabungen mit Licht inszenieren und alle wichtigen Informationen so aufbereiten, dass der Besucher Interessantes zur Reformation, zur Baugeschichte, zur Stadtentwicklung an diesem Ort und zur Geschichte des Fraumünsters erfährt. Vieles wird gezeigt, auch die Stiftungsurkunde und die Gründungslegende.
Das Fraumünster gehört zum Programm von fast jedem Primarschüler im Kanton Zürich. Was planen Sie für Kinder?
Wie werden für Schulen und Kinder ein spezielles Programm anbieten. Es ist uns ein grosses Anliegen, möglichst viele Menschen zu erreichen. So ist es auch selbstverständlich, dass unsere Angebote mehrsprachig sind. Und die Audio-Guides können auch von seh- und hörbehinderten Mitmenschen benutzt werden. Weiter werden auch Führungen im Rollstuhl möglich sein.
Hans-Hinrich Dölle ist Vizepräsident der Kirchenpflege am Fraumünster in der Stadt Zürich. Er lebt seit über 23 Jahren in Zürich.