Frau Brändlin, wie tönt für Sie der Titel «Genozid-Gedenken: Armenierinnen und Armenier danken Schweizerinnen und Schweizern»? Wie weit darf geschlechtergerechte Sprache gehen?
Mir ist die geschlechtergerechte Sprache selbstverständlich ein grosses Anliegen. Aber sie darf nicht ad absurdum geführt werden. Ich verstehe das Dilemma im Journalismus. Ein Titel muss kurz und knackig sein. Da geht meine Welt nicht unter, wenn nicht in jedem Fall beide Geschlechter genannt sind. In einem Fliesstext hingegen ist es keine Hexerei, eine geschlechtergerechte Sprache zu verwenden. Der SEK wird im nächsten Jahr einen Leitfaden zur geschlechtergerechten Sprache herausgeben. Ich hoffe, dass da ein kreativer und leichter Umgang mit der Sprache angeregt wird.
Also suchen Sie einen Mittelweg?
Grundsätzlich geht es bei der ganzen Frage der geschlechtergerechten Sprache ja darum, dass nicht ein Geschlecht, meist das weibliche, sprachlich vergessen oder verschwiegen wird. Damit dieses Anliegen berücksichtigt wird, braucht es in meinen Augen an den entscheidenden Punkten eines Textes die explizite Nennung beider Geschlechter. In einem Text kann aber auch abgewechselt werden, damit eine Leserin oder ein Zuhörer das Anliegen der geschlechtergerechten Sprache berücksichtigt sieht.
Sie sind Mitverfasserin der «Aargauer Liturgien», die zum Reformationsjubiläum erscheinen. Inwieweit fliesst da Ihre feministische Seite in die Arbeit? Wie kann die Liturgie bei traditionellen Gebeten wie das «Unser Vater» einer geschlechtergerechten Sprache gerecht werden?
Bei den Aargauer Liturgien suchen wir eine Balance zwischen den überlieferten Texten und der Tradition und unseren heutigen Ansprüchen an eine verständliche und geschlechtergerechte Sprache. Eine Umformulierung des «Unser Vater» in ein «Unsere Mutter und unser Vater» hat mich noch nie überzeugt. Ich habe ein grosses feministisches Herz – aber ebenso ein grosses Herz für unserer kirchliche Tradition. Ich will mich von dieser Tradition nicht abschneiden, nur weil sie in einer alten Sprache verfasst ist. Bei den Texten, die wir jedoch neu formulieren, wird selbstverständlich eine geschlechtergerechte Sprache verwendet. Wir suchen dabei nach Formulierungen, die nicht durch geschlechtergerechte Sprache stocken. Das Beten darf nicht stockend sein, sondern soll die Betenden in die Hinwendung zu Gott führen.
Es gibt auch in der Rollenverteilung eine Tradition. Die Frau steht hinter dem Herd, erzieht die Kinder, putzt. Der Mann «verdient die Brötchen». Die neue «Tradition» nennt sich heute «Gender». Nach ihr werden wir alle geschlechtslos geboren. Es wird demnach von der Gesellschaft bestimmt. Es gibt aber Experimente, die zeigen, dass Kinder auch ohne Äusseren Einfluss geschlechtertypische Verhalten zeigen.
Gender meint für mich nicht, dass wir geschlechtslos auf die Welt kommen. Gender fragt danach, wie Geschlechtszuschreibungen kulturell geprägt werden. Wir werden durch die Welt, in der wir leben, zu Frauen und Männern gemacht, aber wir wurden von Gott auch als Frauen und Männern erschaffen. Die Zweigeschlechtlichkeit ist gut und schön. Wichtig ist mir, dass die biologischen Unterschiede nicht dazu gebraucht werden, um das eine oder das andere Geschlecht von einer Lebensentfaltung zu hindern, nur weil es nicht der konventionellen Vorstellung entspricht. Und um auf Ihre erste Frage zurückzukommen: Die biologische Zweigeschlechtlichkeit soll eben auch sprachlich zum Ausdruck kommen.
Mir scheinen manche Feministinnen sehr radikal. Sie kämpfen gegen eine einst kompromisslose patriarchale Welt auf ebenso kompromisslose Art und Weise. Muss Radikalität mit Radikalität bezwungen werden? Mir scheint ein «radikaler Mittelweg» eher Gottes Wunsch nachzukommen…
In manchen Situationen braucht es ein sehr deutliches Auftreten und klare Kritik, um sich gegen Missstände zu wehren. Wird ein Anliegen aufgenommen und nachhaltig umgesetzt, kann die Tonlage selbstverständlich auch moderater werden. Aber denken Sie daran: Ohne Frauen, die in der Kirche vehement für die Gleichberechtigung gekämpft und dafür auch viel Anfeindung ertragen haben, hätten wir in unserer Kirche auch heute noch keine Pfarrerinnen.
Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».
Francesca Trento/ref.ch