Als Reformierter in Chile

«Ich kam mir vor wie ein Frührentner» 

Mit zwei kleinen Kindern und ohne Sprachkenntnisse wanderte der Ostschweizer Pfarrer Karl F. Appl vor 35 Jahren nach Südamerika aus. Obwohl die Zeit auch von Schwierigkeiten geprägt war, würde er das Abenteuer wieder wagen.
Der Theologe Karl F. Appl kehrt immer wieder nach Chile zurück. (Bild: Blanca Appl)

Herr Appl, Sie arbeiteten als reformierter Pfarrer im Toggenburg, als Sie Anfang der neunziger Jahre entschieden, nach Chile auszuwandern. Wie kam es dazu?
Im Pfarramt verantwortete ich die Zusammenarbeit mit Hilfswerken. Eine Kollegin der «Basler Mission» schickte mir Stellenausschreibungen, um sie in meiner Kirchgemeinde zu publizieren. So sah ich das Inserat, in dem ein Dozent für Kirchengeschichte in Chile gesucht wurde. Seit meiner Grundschulzeit ist Geschichte mein Lieblingsfach. Als sich die Gerüchte bestätigten, wonach ich die Schweiz verliess, gab es in der Gemeinde Tränen der Enttäuschung. Der junge Pfarrer, der seine Sache gut machte, ging nach zwei Jahren.

Sie reisten mit zwei kleinen Kindern in eine fremde Welt. Wie war das?
Wir kamen im März 1990 an, unsere Söhne waren damals acht Monate und drei Jahre alt. Man holte uns in Santiago de Chile am Flughafen ab, brachte uns zu einer «Schlummermutter» und kümmerte sich nicht mehr um uns. Uns fiel es schwer, Fuss zu fassen. Meiner damaligen Frau gelang es trotz intensiver Bemühungen nicht, eine bezahlte Arbeitsstelle zu finden, der älteste Sohn hatte starkes Heimweh.

Wie verlief Ihr beruflicher Einstieg? 
Zwei Wochen nach unserer Ankunft bestieg ich auf gut Glück einen Bus, von dem ich vermutete, er fahre zur Hochschule. Meine Sprachkenntnisse waren rudimentär. An der Theologischen Fakultät der «Comunidad Teologica Evangelica de Chile» gab es einen Kollegen der Presbyterianer aus den USA und einen aus Kanada. Auf einen Schlag kamen drei ausländische Mitarbeiter ins Haus, das überforderte die Hochschulleitung. Kurz zuvor hatte Pinochets Diktatur geendet, das Land wandelte sich stark. Es war ein unglücklicher Moment.

Wie ging es weiter? 
Anfangs hatte ich keinen konkreten Auftrag. Ich kam mir vor wie ein Frührentner: Ich stand auf, frühstückte, las die Zeitung. Dann hatte ich Spanischunterricht, ging einkaufen und besuchte Vorlesungen. Eines Tages sah mich der Dekan anlässlich der Synode in einer deutsch-spanisch lutherischen Kirche. Ich hielt ein Referat, das ihm gefiel und er veröffentlichte es in einem wissenschaftlichen Bulletin. Beruflich blühte ich auf. Mein familiäres Leben hat aber darunter gelitten, dass ich sehr viel arbeitete. Nach sechs Jahren kehrten wir zurück in die Schweiz, auch wegen unserer drei Söhne. Für sie versprachen wir uns in Europa bessere berufliche Perspektiven.

Zur Person

Karl F. Appl hat eine Ausbildung als Lehrer, er studierte in Marburg Theologie. Er arbeitete als reformierter Pfarrer in Nesslau, bevor ihn ein Engagement für die Basler Mission nach Chile führte. In Santiago übernahm Appl von 1990 – 1996 einen Lehrauftrag an der Theologischen Fakultät der «Comunidad Teologica Evangelica de Chile» (CTE). Er war Dozent für Kirchengeschichte und Dekan der Hochschule.

Nach der Rückkehr in die Schweiz war Appl über zwanzig Jahre reformierter Pfarrer in Märstetten, vor fünf Jahren wurde er pensioniert. Für seine publizistische Arbeit über die chilenische Kirchengeschichte  hat die CTE dem 70-Jährigen kürzlich die Ehrendoktorwürde verliehen. Appl ist in zweiter Ehe verheiratet, er hat drei Söhne und fünf Enkelkinder. (jow)

In den 1990er-Jahren waren 80 Prozent der Bevölkerung Chiles katholisch, heute sind es rund 60 Prozent, etwa 20 Prozent sind evangelisch. Wie haben Sie als ökumenischer Mitarbeiter die kirchlichen Verhältnisse erlebt? 
Die gelebte Ökumene funktionierte recht gut. In Zeiten der Diktatur klagten die evangelisch-protestantischen Kirchen und Teile der römisch-katholischen Kirche Menschenrechtsverletzungen gemeinsam an. Das Verhältnis zwischen Pinochet und den Kirchen war komplex. Pinochet fand Verbündete bei einigen grösseren Pfingstkirchen, sie unterstützen seinen «Kampf gegen den Kommunismus». Im Gegenzug erhielten sie etwas mehr Anerkennung von staatlicher Seite. Nach dem Ende der Diktatur erinnerten sich die demokratisch gewählten Regierungen des Einsatzes der historischen evangelischen Kirchen für die Menschenrechte. In Anerkennung ihres Engagements wurde 2008 der 31. Oktober zum offiziellen Feiertag der Evangelischen und Protestantischen Kirchen erklärt.

Wie erlebten Sie schliesslich Ihren Abschied aus Chile und die Rückkehr in die Schweiz? 
Das war schwierig. Ich hatte eine etablierte Position an der Hochschule, baute als Dekan Brücken, wollte eine Religionsausbildung aufgleisen und neue Gelder erschliessen. Die Rückkehr in die Schweiz war ein kultureller Schock. Die Mission stellte uns eine Wohnung in Basel zur Verfügung. Ich wollte im Coop einkaufen, scheiterte aber daran, den Einkaufswagen aus der Schlange zu lösen, weil ich nicht wusste, dass es dafür eine Münze braucht. In Chile wurden die Waren schön verpackt und von Hilfskräften zum Auto getragen, man bekam sogar Hilfe beim Ausparkieren. In der Schweiz musst du für dich schauen.

Ein Mural ziert die Wand eines Innenhofes an der CTE in Santiago de Chile. (Bild: Privatarchiv Karl F. Appl)

Sie übernahmen dann eine reformierte Pfarrstelle in Märstetten. Wie war es, vom akademischen in ein praktisches Berufsumfeld zu wechseln?
Die Landung war sanft, weil ich begonnen hatte, mein Buch zur chilenischen Kirchengeschichte ins Deutsche zu übersetzen. Zudem hatte ich für die Mission 21 alle vier bis sechs Wochen einen Termin in Basel und war Berater in einer Lateinamerika-Gruppe. Mir fiel die Arbeit im Pfarramt auch leicht, weil ich das Gefühl hatte, in Chile viel gesehen zu haben.

Welches Fazit ziehen Sie aus Ihrem Lebensabschnitt im Ausland?
Ich kann es nur empfehlen, ein paar Wochen, Monate oder Jahre über den Tellerrand zu blicken. Das tägliche Leben zu organisieren, kann sehr mühsam sein. In Chile waren wir drei Tage ohne fliessend Wasser, und das mit einem Baby. Ein Auslandsaufenthalt öffnet den Horizont und führt zu mehr Dankbarkeit für das, was wir haben.

Redaktioneller Hinweis: 
Das Buch 
«Die Geschichte der evangelischen Kirchen in Chile» von Karl F. Appl ist herausgegeben vom Erlanger Verlag für Mission und Ökumene. Es ist für 16.80 Franken erhältlich. Die spanische Ausgabe «Bosquejo de la historia de las iglesias en Chile» erschien im Oktober 2024 in zweiter, erweiterter Auflage.

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