Andreas Thöny, Kirchenratspräsident der reformierten Landeskirche Graubünden, ermunterte in seiner Eröffnungsansprache im Foyer des Theaters Chur quer zu denken, frei zu handeln und neu zu glauben. Die Reformation habe Staat und Gesellschaft in Graubünden verändert und die Entwicklung der modernen Gesellschaft beschleunigt. Die Betonung des eigenen Gewissens, aber auch die Forderung, dass alle Menschen gleich seien, habe die demokratische Kultur beeinflusst.
«Wie können wir heute die Botschaft des Evangeliums formulieren, damit es befreit?», fragte Thöny in die Runde, überzeugt, dass die Reformierte Kirche in Graubünden ein Netzwerk von Menschen ist, die aller Verschiedenheit zum Trotz ähnliche Wertvorstellungen haben. Zum Beispiel, indem sie die persönliche Freiheit hochhalten und diese auch anderen zugestehen.
Gemeinsames wichtiger als Differenzen
Der Stadtpräsident von Chur, Urs Marti, sprach in seinem Grusswort über das Verhältnis der Religionen und Konfessionen untereinander. «Ich gratuliere zu den Gemeinsamkeiten», sagte er und kam auf die erstaunliche Tatsache zu sprechen, dass die Reformation ausgerechnet in einer der ältesten Bischofsstädte nördlich der Alpen so stark angeschlagen hat. Chur habe Zeiten erlebt, in denen Kinder in der Schule nach Konfession getrennt wurden und das Bürgerrecht nur erwerben konnte, wer reformierten Glaubens war.
Die Zahlen von heute zeigten eine andere Entwicklung, sagte Marti. 12‘000 Reformierte und 15‘000 Katholiken lebten in Chur. Dazu 11‘000 Personen anderer, beziehungsweise ohne Konfession und Religion. Marti ermunterte zu einem positiven Miteinander der religiösen Gemeinschaften. «Die Kirchen leisten einen wichtigen Beitrag zum Allgemeinwohl, den der Staat so nicht leisten kann», sagte der Stadtpräsident. Reformieren heisse für ihn «besser machen, einfacher, menschlicher».
Gemeinden entscheiden über Konfession
Anders als in weiten Teilen Europas war in Graubünden die Reformation nicht eine Entscheidung der Obrigkeit, sondern der örtlichen Gemeinde. Das führte Dr. Georg Jäger in seinem Festvortrag am Freitagabend im voll besetzten Theatersaal aus. In Graubünden sei die Reformation darum friedlicher vonstattengegangen als andernorts. Ermöglicht wurde dies durch die Ilanzer Artikel von 1526, welche die Macht des Bischofs von Chur eindämmten und die Gemeinden und deren Mitglieder stärkten. Fortan sollte jede Gemeinde ihren Pfarrer selbst wählen und absetzen und damit auch entscheiden, welche Art Glaube das Dorfleben prägen sollte.
Als «unglaubliche Umbruchszeit» bezeichnete Jäger die Situation vor 500 Jahren, religiös, kulturell, wirtschaftlich und politisch. Die politische Lage war angespannt, die Türken standen vor den Toren Wiens und die Drei Bünde im Kampf ums Veltlin. Handel und Verkehr über die Alpen hatten markant zugenommen und die Pest zog mehrmals durchs Land. Die Anfänge der Reformation in Chur gehen nach Aussage von Jäger auf das Jahr 1519 zurück, als Chur durch ein Vorschlagsrecht für Priester erste Unabhängigkeit gegenüber dem Bischof erzielte.
Das aufstrebende Bürgertum fand in den reformatorischen Ideen eine Möglichkeit zur weiteren Emanzipation. Die 18 Thesen, die Johannes Comander in Anlehnung an Zwingli formulierte, wurden nebst der kirchlichen Erneuerung zum Kristallisationskern für mehr Unabhängigkeit. Massive Kritik an Ausbildung und Lebensführung der Priester beförderten den Wandel, sodass in Chur bereits 1538 das Nikolai-Kloster geschlossen und zur Lateinschule umfunktioniert wurde. Ein Jahr zuvor wurde im Auftrag der Drei Bünde die Rätische Synode gegründet.
Interesse am Thema
Das Thema «500 Jahre Reformation» habe im Laufe der Vorbereitungen zu einer interdisziplinären Zusammenarbeit geführt, sagte Leonie Liesch, die Direktorin von Chur Tourismus anlässlich der Medienorientierung. Allein in Chur widmen sich 16 Organisationen aus Kirche, Kultur, Bildung und Tourismus dem Thema. Beispiel dafür ist die Ausstellung über Jörg Jenatsch im Rätischen Museum, aber auch die Stadtführung auf den Spuren der Reformation, welche Chur Tourismus im Jubiläumsjahr anbietet. Die Premiere dazu fand ebenfalls am Stationenevent statt. Christian Ruch führte Gruppen von 70 und mehr Personen durch das Schneetreiben und stellte die turbulenten Geschehnisse rund um den Reformator Johannes Comander in einen europaweiten Kontext. In szenischen Einlagen konnten die Teilnehmenden miterleben, wie Comander auf der Hoftreppe in einen handfesten Streit mit einem Priester gerät. Am Brunnen vor der Martinskirche redete der Täufer Georg Blaurock, am Stock gehend, eindringlich auf Passanten ein. Auf dem Pfisterplatz sahen die Teilnehmenden Comander in Verzweiflung über die Pesterkrankung seiner Tochter.
Einen ganz anderen Zugang zum Thema ermöglichte Verena Buss, die im Rahmen der Samstagabendveranstaltung des Theaters Chur unter dem Titel «Die Wahrheit hat ein fröhlich Antlitz» dem Publikum weniger bekannte Texte des Reformators Huldrych Zwingli näher brachte. «Darf man für Erlösung von Sünde Geld verlangen?», fragte Verena Buss in den dunklen Theatersaal hinaus. Neben Gedanken zur Neugestaltung religiösen Lebens, bekam das Publikum einen verblüffend pragmatischen Zwingli zu hören.
Weiter zur Weltausstellung Reformation
Das Projekt «Europäischer Stationenweg», das 19 Länder und 67 Reformationsstädte miteinander verbindet, wolle zeigen, wie vielfältig evangelische Präsenz heute ist. Das sagte Pfarrer Jürgen Schilling, der den Truck und die Volunteers nach Chur begleitete, anlässlich des Gottesdienstes in der Martinskirche. Ziel des Geschichtenmobils ist die Weltausstellung Reformation, welche ab Mai 2017 unter dem Titel «Tore der Freiheit» in Wittenberg stattfinden wird. Dort werden auch die Geschichten aus Graubünden zu hören sein, die an diesem Wochenende gesammelt wurden.