«Das Reformationsjubiläum sollte kein Jekami-Projekt sein»

Martin Heller hat gemeinsam mit Barbara Weber das Zürcher Reformationsjubiläum kuratiert, das vor wenigen Wochen zu Ende ging. Welches Fazit er zieht und warum das Jubiläum auch eine Art Zwingli-PR-Kampagne war, erzählt Heller im Interview.

Martin Heller, Co-Kurator des Zürcher Reformationsjubiläums. (Bild: Markus Bertschi)

Herr Heller, das Zürcher Reformationsjubiläum ist abgeschlossen. Vermissen Sie Zwingli schon ein bisschen?
(lacht) Nein, nein. Das nicht. Ein Plakat mit den Zwingli-Luxemburgerli in unserem Büro erinnert mich jeden Tag an ihn. Ich bin Zwingli durch das Kuratorium des Reformationsjubiläums tatsächlich näher gekommen. Barbara Weber und ich haben tatkräftig versucht, sein Image zu verbessern.

Inwiefern?
Zwingli oder zwinglianisch steht in Zürich oft für alles Negative, alles Anti-Lustvolle. Dieses Zerrbild wollten wir aufweichen. Und zeigen, dass Zwingli historisch sowie kulturell eine wichtige und spannende Persönlichkeit für Zürich ist.

Welches Zwingli-Bild wollten Sie vermitteln?
Das eines ungemein kraftvollen, klugen, vielschichtigen und weitblickenden Weltverstehers.

Wie haben Sie das umgesetzt?
Dem Verein «500 Jahre Zürcher Reformation» als politischem Träger des Jubiläums war es wichtig, dass das Programm nicht missionarisch daherkam, sondern säkular ausgerichtet war. Diese Vorgabe eröffnete Barbara Weber und mir einen grossen Spielraum.

Zürich feiert die Reformation mit einem säkularen Programm – das erstaunt. Hatte die Kirche denn gar kein Mitspracherecht?
Die Zürcher Landeskirche war Teil der Trägerschaft. Zudem nahm Stefan Grotefeld, der in der Kirche die Abteilung Lebenswelten leitet, auch die Geschäftsleitung des Jubiläums wahr. Gelegenheiten zur Meinungsäusserung gab es also viele. Daneben bestanden natürlich zahlreiche Kontakte zu Reformationshistorikern wie Peter Opitz und zu Pfarrerinnen und Pfarrern wie Christoph Sigrist, Catherine McMillan oder Niklaus Peter. Insgesamt war uns immer wichtig, dass es kein Jekami-Projekt wird. Wir wollten selber Akzente setzen können. Und zwar solche, die auch ein Publikum finden.

Wie haben die Kulturschaffenden auf Ihre Anfrage, ob sie etwas zum Reformationsjubiläum beitragen wollen, reagiert?
Oft mit Skepsis, was mit den eingangs erwähnten Klischees zu tun hatte. Es brauchte immer wieder Gespräche, in denen wir aufzeigen konnten, dass dieses Jubiläum eine Chance bietet, eigene Perspektiven auf die Reformation zu entwickeln.

Mit einem Budget von rund 13,5 Millionen Franken stand Ihnen ein gut gefüllter Geldtopf zur Verfügung. War es für viele Kulturschaffende nicht primär ein finanzieller Anreiz, mitzumachen?
Gewiss spielt Geld immer auch eine Rolle. Aber wir haben die Projektideen, die auf uns zukamen, sorgfältig geprüft und keineswegs alle akzeptiert. Insgesamt war dahinter ein ehrliches Interesse zu spüren, sich mit Zwingli und der Reformation auseinanderzusetzen.

War es schwierig, die Zürcher Bevölkerung für die Angebote zu begeistern?
Das hing ganz von den Institutionen ab, mit denen wir zusammenspannten. Das Landesmuseum zum Beispiel hat so oder so sein Stammpublikum, das auch offen war für die Ausstellung «Gott und die Bilder». Die Kunsthalle wiederum schaffte es mit The Church, ihr Publikum zu erweitern. Und wenn Sie im Opernhaus in glanzvoller Besetzung Mendelssohns Oratorium Elias aufführen, ist das Haus sowieso voll. Für kleinere Einrichtungen oder Gruppierungen war die Kommunikation aber sicher eine Herausforderung.

Wird das Reformationsjubiläum bei den Zürcher Kulturschaffenden Spuren hinterlassen?
Das müssten Sie die einzelnen schon selbst fragen. Wenn nur schon alle, die am Projekt beteiligt waren, das zwinglianische Zürich als eine Herausforderung bis in die Gegenwart hinein verstehen würden, wäre viel gewonnen.

Welchen Einfluss hatte die Arbeit fürs Jubiläum auf Sie persönlich?
Mir wurde bewusst, wie prägend die Reformation für Zürich war. Und ich habe die Stadt, in der ich seit 1986 immer wieder lebe, ganz neu kennengelernt – bis hin zu den grauen Kirchen im Epizentrum der Reformation, mitten in der Altstadt. Der gelebten Kirche allerdings bin ich nicht wirklich näher gekommen.

Martin Heller war Direktor des Museums für Gestaltung Zürich. Danach leitete der Kulturunternehmer und Kurator u.a. als künstlerischer Direktor die Schweizerische Landesausstellung Expo.02 sowie Linz 2009 – Kulturhauptstadt Europas.

Barbara Weber studierte Regie an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg. Fünf Jahre lang war sie Co-Direktorin des Theaters Neumarkt. Seit 2013 ist sie als freie Kuratorin, Regisseurin und Produzentin tätig.