Mega-Wallfahrt

«Die Teilnahme an der Arba’in hat mich in meinem Glauben herausgefordert»

Die Theologieprofessorin Christine Schliesser ist zur grössten muslimischen Pilgerfahrt in den Irak gereist. Über 20 Millionen Schiiten wandern dabei nach Kerbala zum Schrein des Imam Hussein. Die gelebte Religiosität hat Schliesser am meisten beeindruckt.
An der Pilgerfahrt Arba'in im Irak nehmen 20 Millionen Menschen teil. Es ist eine grosse Demonstration des Glaubens. (Bild: Christine Schliesser)

Frau Schliesser, was kommt Ihnen als erstes in den Sinn, wenn ich sage: «Arba’in»?
Die Hitze und die vielen gastfreundlichen Menschen. Tagsüber war es 50 Grad Celsius heiss und nachts immerhin nur 44. Deshalb sind nachts alle unterwegs. Die vierspurige Strasse in Kerbala war vollgepackt mit erschöpften, aber erwartungsfrohen Pilgerinnen und Pilgern – nichts für Klaustrophobiker.

Dunkelheit und Enge – wie war die Stimmung auf der Strasse?
Ich hatte erwartet, dass eine getragene Stimmung herrschen würde. Immerhin ist die Arba’in ein Trauerfest und die Menschen tragen alle schwarz. Doch es war eher wie ein Volksfest. Mit einem Unterschied: Alles geschieht sehr zielgerichtet, weil die Menge vom ersten Schritt an auf den Imam Hussein-Schrein zustrebt.

Tausende Menschen drängen sich auf den Strassen Kerbalas. Alle drängen sie auf den Imam Hussein-Schrein zu. (Bild: Christine Schliesser)

Bilder der Wallfahrt zeigen, dass sich die Männer unablässig auf die Brust schlagen. Irritierend aus unserer Sicht. Wie war es vor Ort?
Es hat sich angefühlt wie ein Flashmob. Sie müssen sich vorstellen, dass sie eingeklemmt in der Menge mitgehen und plötzlich fangen ein paar Leute an zu tanzen. Oder sie stampfen rhythmisch oder schlagen sich auf die Brust. Das hat etwas unglaublich Mitreissendes und oft breitet sich in der Menge aus, was sie gerade tun. Für mich als Theologin interessant war, dass das alles spirituelle Praktiken sind, die eine tiefere Bedeutung haben, und alle Teilnehmenden wissen, was sie zu tun haben.

Konnten Sie verstehen, was Sie da sahen oder brauchten Sie quasi einen Übersetzer?
Das Treiben und die Fremdheit beeindruckten mich. Und je tiefer ich eintauchte, umso mehr Parallelen zum eigenen christlichen Glauben erkannte ich. Pilgern und das Konzept der Busse gibt es ja auch bei uns. In der riesigen Gastfreundschaft habe ich viel aus dem Christentum wiedererkannt und fühlte mich gleichzeitig auch herausgefordert.

Inwiefern?
Ich stand einer viel stärkeren Verkörperlichung der Religion gegenüber, als ich es aus meinem Glauben kannte. Die Frömmigkeit der Menschen dort ist so sehr im Handeln sichtbar. Damit meine ich nicht nur die Pilgernden, die über 80 Kilometer durch die Wüste wandern. Sondern auch die Menschen, die am Strassenrand dicht an dicht Stände aufgebaut haben und gratis Essen verteilen, einen Schlafplatz anbieten oder wundgelaufene Füsse versorgen. Die Leute dort geben ja oft nicht aus ihrem Überfluss, sondern sie lassen sich den Glauben etwas kosten, körperlich und finanziell. Er darf sie etwas kosten.

Sie hatten mir vor Ihrer Abreise gesagt, Sie würden auch gerne etwas mitnehmen für das Gemeindeleben zuhause. Haben Sie etwas gefunden?
Nicht nur etwas. Was mir gut gefiel war, dass die Wallfahrt nicht zentral organisiert ist, sondern sozusagen bottom-up. Einzelne Gruppen bereiten sich das ganze Jahr darauf vor, einen Stand zu haben. Sie sammeln beispielsweise Spenden, um an der Arba’in Fleischspiesse zu grillieren und gratis an die Pilgernden zu verteilen. Ich war auch berührt von der grossen Sprachfähigkeit der Menschen gegenüber ihrem Glauben. Ein junger Mann hat mir in fünf Minuten in eigenen Worten zusammengefasst, weshalb der Glaube für ihn wichtig ist. Das würde ich in der Schweiz auch gerne fördern.

Fleisch braten, Wunden versorgen, einen Schlafplatz bieten: Am Strassenrand kümmern sich Freiwillige um das Wohl der Pilgerinnen und Pilger – ohne Geld dafür zu verlangen. (Bild: Christine Schliesser)

Das Ziel der über 20 Millionen Menschen ist der Imam Hussein-Schrein in Kerbala. Konnten Sie ihn auch betreten?
Ja und das war für mich besonders spannend. Je näher man zum Schrein kommt, desto enger wird es in der Menge. Wir mussten uns mit den Armen unterhaken, um im Gedränge nicht getrennt zu werden. Auch die Stimmung wechselt: Sie ist nicht mehr gelöst und erwartungsfroh, sondern sehr ernsthaft und immer wieder brechen Männer, Frauen und Kinder in Tränen aus. Es wird sehr emotional. Wer den innersten Bereich erreicht, reibt Hände, Gesicht und Kleidungsstücke an der Abschrankung vor dem Grab des Imams, um etwas von dort mitzunehmen.

In Kerbala hat auch er Leichnam des iranischen Ayatollahs Ali Khamenei Halt gemacht. Merkt man etwas vom Einfluss Irans bei der Pilgerfahrt im Irak?
Man spürt eine starke iranische Präsenz, auch wenn niemand darüber spricht. Überall sind Bilder Ali Khameneis zu sehen sowie Karikaturen, die US-Präsident Trump und Israels Ministerpräsident Netanjahu mit Schweineschnauzen zeigen. Diese Bilder stehen oft direkt neben Darstellungen von Imam Hussein, dem Enkelsohn von Mohammed. Dieser zog in der Schlacht in Kerbala 680 n.Chr. den Tod vor, anstatt sich seinem übermächtigen Gegner, den er als ungerechten Tyrannen ansah, zu beugen. Das ist dort ein sehr starkes Narrativ, das häufig erzählt wird.

Sie sind Theologin, Friedens- und Versöhnungsforscherin – wird das Erlebte sich in Ihrer Arbeit niederschlagen?
Um möglichst viel von der Arba’in festzuhalten, habe ich ein Reisetagebuch geführt. Die Eindrücke und Inspirationen werden mich in den nächsten Monaten und sogar Jahren beschäftigen, da bin ich sicher. Insbesondere die Art und Weise, wie Religion eine so starke gemeinschafts- und friedensfördernde Kraft über alle Grenzen hinweg entfaltet, hat mich tief beeindruckt.

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