Am Sonntag ruht der Gottesdienst

Der reformierte Gottesdienst findet seit eh und je am Sonntagmorgen statt. Eine Stadtzürcher Kirchgemeinde lässt den Sonntag nun aber sein und feiert ab September nur noch am Freitagabend.

Die Kirche im Sihlfeld, auch «Monolith» genannt, empfängt bald zur «Fyrabigchile» am Freitag.
Die Kirche im Sihlfeld, auch «Monolith» genannt, empfängt bald zur «Fyrabigchile» am Freitag. (Bild: Reformierte Kirchgemeinde Sihlfeld)

Ganz unscheinbar stand im Februar-Gemeindeblatt einer Stadtzürcher Kirchgemeinde: «Ab September werden in unserer Kirche keine Gottesdienste am Sonntagmorgen mehr gefeiert, sondern nur noch am Freitagabend.»

Eine einfache Mitteilung, und doch ist sie revolutionär, denn der Sonntag ist bezüglich Gottesdienst bei den reformierten Kirchen nicht irgendein Tag, sondern DER Tag. In der Zürcher Kirchenordnung, Artikel 41, heisst es klar: «Die Kirchenpflege setzt die Zeit des Gottesdienstes am Sonntagvormittag aufgrund der örtlichen Gegebenheiten fest. Sie kann den Sonntagsgottesdienst einmal im Monat auf den Vorabend oder auf den Sonntagabend verlegen.» Von anderen Wochentagen steht nichts. Ähnliche Bestimmungen findet man auch bei anderen Kantonalkirchen.

Mehr Leute am Freitagabend

Warum verlegt die Kirchgemeinde Sihlfeld als vermutlich erste Schweizer Kirchgemeinde den Gottesdienst vom Sonntag auf den Freitag? Pfarrer Thomas Schüpbach von der Kirchgemeinde begründet: «Mehr als die Hälfte unserer Mitglieder sind zwischen 20- und 40-jährig und haben am Sonntagmorgen keine Zeit für Gottesdienste.» Der Freitagabend sei für sie viel besser. An einen normalen Sonntag-Gottesdienst kämen «zwölf bis 20 treue Senioren».

Beim Testlauf für den Freitagsgottesdienst seien aber rund 100 Personen gekommen, und auch an einem Samstagabend besuchten mehr Menschen den Gottesdienst. «Wir haben einfach angepackt und nicht lange diskutiert, ob die Verlegung auf den Freitag konform mit der Kirchenordnung ist», sagt Schüpbach zur Friktion mit der Kirchenordnung.

Kein Zusammenhang mit Fusion

Die Kirchgemeinde Sihlfeld soll 2019 in einer einzigen Stadtzürcher Kirchgemeinde aufgehen. Gemäss Schüpbach hat der Entscheid, nur noch am Freitagabend Gottesdienste zu feiern, keinen Zusammenhang mit den Fusionsplänen. «Unsere Kirchenpflege hat das bereits vor einem Jahr so entschieden. Die Kirchgemeindeversammlung hätte es verhindern können, aber daran denkt hier niemand. Wir haben viel Goodwill für das Projekt. Und wer kann dagegen sein, wenn wir auf eine andere Art mehr Leute erreichen?» Laut Schüpbach geht es jetzt darum, den Gottesdienst am Freitagabend bekannt zu machen, und diese Woche ist eine Facebook-Site aufgeschaltet worden.

Immerhin: Wenn die Fusion in Zürich 2019 vollzogen ist, wird auch die Zürcher Kirchenordnung wieder eingehalten, weil in der sehr grossen Kirchgemeinde Zürich ganz sicher auch Gottesdienste am Sonntag durchgeführt werden. Dann darf im Sihlfeld ganz legal am Freitagabend gefeiert werden.