Am Thema Sterben scheiden sich die Geister
Die Lebenserwartung in der Schweiz ist allein in den letzten 20 Jahren um rund drei Jahre gestiegen. Männer, die 81 Jahre, und Frauen, die 85 Jahre alt werden, entsprechen heute dem Durchschnitt. Sterben ist zwar nicht vermeidbar, doch die moderne Medizin kann das Leben immer erfolgreicher verlängern. Der Theologe, Ethiker und Gerontologe Heinz Rüegger stellt in einer Vortragsreihe im Auftrag von Pro Senectute Aargau jedoch die Frage, ob das überhaupt wünschenswert ist.
Er schlägt vor, den Tod als Teil des Alterns zu verstehen. Die moderne Medizin bemühe sich den Tod zu verhindern, doch: «Es geht nicht darum, um jeden Preis mit 94 Jahren noch eine Chemotherapie zu beginnen», sagt er. Viele Menschen hätten Angst, die Ärzte liessen sie «zu gegebener Zeit nicht mehr sterben». Dabei sei es auch die Aufgabe des medizinischen Personals, ein «gutes Sterben» zu erleichtern.
Was ist lebenswert?
Die IG Risikogruppe Schweiz repräsentiert Menschen mit Behinderung und chronisch Kranke. Sie wehrt sich gegen gewisse Aussagen im Vortrag. So heisst es dort beispielsweise, alte Menschen sollten den jungen Platz machen und ihnen das Leben überlassen.
Auf «X», vormals Twitter, hat sich die IG entschieden gegen die Vorträge positioniert. Dort schreibt sie unter anderem: «Kein Senior, der sich einer Chemotherapie unterzieht, nimmt einem jungen Menschen seinen Platz weg.» Sie fordert Pro Senectute Aargau auf, die Veranstaltungsreihe sofort zu beenden. Online sammelt die IG Unterschriften für eine Petition mit dem Titel «Hände weg von unseren Grosseltern». Bei Redaktionsschluss hatten 181 Personen die Petition unterzeichnet.
Gründerin der Interessensgemeinschaft ist Eveline Siegenthaler. Sie bleibt lieber im Hintergrund. Doch auf Anfrage sagt sie, einzig der Patient dürfe darüber entscheiden, ab wann ein Leben nicht mehr lebenswert sei. Von den Vorträgen hat sie durch ein regionales Online-Medium erfahren. Sie hatte den Eindruck, Heinz Rüegger manipuliere Senioren bei der Entscheidung, ob sie angesichts einer schweren Erkrankung eine medizinische Therapie in Anspruch nehmen sollen. «Laut allgemein gültigen Richtlinien ist es im Bereich Sozialberatung und Seelsorge nicht erlaubt, Klienten suggestiv zu beeinflussen», sagt Siegenthaler. Mit Pro Senectute als Organisatorin und einem Theologen als Redner stellten die Aussagen eine Grenzverletzung dar.
Provokanter Titel, seriöse Quellen
Auf den Protest gegen seine Vorträge angesprochen, sagt Gerontologe Rüegger, er wisse davon nichts. «Man hat sich weder bei mir noch bei Pro Senectute Aargau gemeldet», ergänzt er. Die Abende seien ein grosser Erfolg: «Es sind jeweils rund 300 Personen erschienen.» Auch der letzte Vortrag Mitte April werde stattfinden.
Rüeggers Vortrag stützt sich auf eine Studie, die im renommierten Wissenschaftsjournal «The Lancet» erschienen ist. Darin heisst es unter anderem: «Tod, Sterben und Trauer sind aus dem Gleichgewicht geraten. Mit dem Tod werden heute viele Menschen im Rahmen der Gesundheitsversorgung konfrontiert. Familien und Gemeinschaften spielen im Zusammenhang von Tod, Sterben und Trauer nur noch eine untergeordnete Rolle. Beziehungen und Netzwerke werden durch Fachleute und vorgegebene Abläufe ersetzt.»
Die Wissenschaftler formulieren fünf Punkte, um Sterben und Tod wieder den Platz zu verschaffen, der angemessen sei. Dazu gehört, dass Sterben nicht nur als ein physiologisches Ereignis verstanden werden dürfe, sondern wieder als spiritueller Prozess. Ebenso müsse der Wert des Todes wieder akzeptiert werden: Tod ermögliche Wachstum und Veränderung. Er zeige einem die eigene Vergänglichkeit auf und bringe Trauernde in Kontakt mit anderen Menschen, wodurch sie die Wichtigkeit menschlicher Beziehungen erfahren würden.
Den Titel seines Vortrags – «Sterben ist gesund» – hat Rüegger ebenfalls dem Lancet-Bericht entnommen. Er sagt: «Natürlich ist er provozierend.» Aber das Publikum habe verstanden, worum es gehe.