«Als Präsident sollte man nicht zu allem seinen Senf geben»

Dreizehn Jahre lang stand Andreas Zeller einer der einflussreichsten Landeskirchen der Schweiz vor. Nun tritt der Synodalratspräsident der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn altershalber zurück. Im Interview spricht er über Führungsstil, dunkle Momente und einen Abschied, der nicht so verlief, wie geplant.

Andreas Zeller war über 20 Jahre Mitglied des Berner Synodalrats, 13 Jahre dessen Präsident. Nun nimmt er seinen Abschied. (Bild: Roshan Adhihetty)

Herr Zeller, Sie verlassen die Kirche in einer Zeit, in der wegen Corona kaum etwas so läuft wie gehabt. Wie geht es Ihnen damit?
Tatsächlich hatte ich mir meinen Abschied anders vorgestellt. Ich hatte eine Art Tournee vorbereitet mit über 30 zusätzlichen Besuchen, Gottesdiensten und Podien überall im Kirchengebiet. Ab Ende Februar wurde ein Auftritt nach dem anderen gecancelt. Das hat mir zunächst Mühe gemacht. Dann habe ich aber verstanden, dass wir als Kirche jetzt schlicht andere Aufgaben haben. Dank der Vorarbeit von Christian Tappenbeck – einem der besten Kirchenschreiber zwischen Gibraltar und Wladiwostok – konnten wir mit unserer Online-Hilfestellung schnell die Gemeinden informieren, eine Taskforce bilden und einen Grossteil der Angestellten vom «Haus der Kirche» ins Homeoffice schicken.

Wie empfanden Sie diese Zeit persönlich?
Als sehr bewegt und herausfordernd, aber auch lehrreich. Sie müssen sich vorstellen: Wenn der Bund am Freitagnachmittag um drei etwas beschlossen hat, klingelten um halb vier bei uns die Telefone und die Menschen in den Kirchgemeinden wollten wissen, was das für sie bedeutet. Es stellte sich die Frage, wie die Kasualien gehandhabt oder die Leute entschädigt werden, die wegen der Corona-Bestimmungen nicht arbeiten konnten – etwa Musikerinnen oder Sigristen. Daneben gab es zahlreiche Medienanfragen und insgesamt elf Gottesdienstübertragungen auf Telebärn, auf die wir sehr gute Reaktionen bekamen. Auch in den Pfarrämtern und der Sozialdiakonie ging wahnsinnig viel. Aber natürlich gab es ebenso schwierige Situationen.

Welche zum Beispiel?
Einige ältere Pfarrkollegen, die in der Vergangenheit Stellvertretungen übernommen hatten, konnten nicht verstehen, warum sie nun plötzlich nicht mehr arbeiten durften. Sie nahmen es persönlich. Für mich war jedoch klar, dass wir als Landeskirche die Verantwortung haben, die Pfarrerinnen und Pfarrer zu schützen – zumal wir seit diesem Jahr offiziell ihr Arbeitgeber sind.

Ich war zu Beginn gegen die Entflechtung von Staat und Kirche. Gerade auch wegen der Pfarrschaft: Was gibt es Sichereres als den Staat als Arbeitgeber?

Sie sprechen das neue Landeskirchengesetz an, das seit Anfang 2020 in Kraft ist. Dadurch werden Pfarrerinnen neu von der Kirche und nicht mehr vom Kanton angestellt. Welche Bedeutung hat das für die Kirche?
Ich muss vorausschicken, dass ich zu Beginn gegen die Entflechtung von Staat und Kirche war. Gerade auch wegen der Pfarrschaft: Was gibt es Sichereres als den Staat als Arbeitgeber? Aber der Spardruck, der uns vom Kanton auferlegt wurde, war irgendwann einfach zu gross. Es war klar, dass wir Hand bieten mussten für eine gute Lösung – wenn auch nicht um jeden Preis.

Nun hat die Landeskirche neue Kompetenzen, aber auch neue Pflichten erhalten. Ist sie dafür gerüstet?
Ja. Wir bekamen für die Umsetzung des Gesetzes von der Synode fünf Vollzeitstellen bewilligt, die wir mit Spezialisten aus dem Personalwesen besetzt haben. Wir haben im Bereich Theologie in die Personalentwicklung investiert, weil wir die Pfarrschaft zielgerichtet begleiten wollen. Und wir haben einen zweiten Juristen eingestellt, um sie auch rechtlich korrekt führen zu können. Denn vormachen müssen wir uns nichts: Bei 500 Angestellten gibt es immer Konflikte. Da muss man juristisch so beschlagen sein, dass keine Fehler passieren.

Mit dem neuen Gesetz hat die Landeskirche auch mehr Macht erhalten – eigentlich etwas sehr Unreformiertes.
Es geht hier nicht um Macht. Vielmehr hat die Landeskirche die nötigen Mittel bekommen, um eine gute Arbeitgeberin zu sein. Aber es stimmt: Aus der Pfarrschaft gab es kritische Stimmen, die in diese Richtung zielten. Sie fanden, dass sie genauso verantwortlich sind für die Kirche wie der Synodalrat – oder sogar noch mehr. Ich kenne diese Haltung aus meiner eigenen Zeit im Pfarramt.

Wie meinen Sie das?
Nun, wenn es zwischen dem Pfarrer und seiner Gemeinde einigermassen gut funktioniert, dann ist das «die Kirche» – und nicht das, was auf kantonaler oder gar nationaler Ebene geschieht. Meine Frau sagt immer: «Vergiss nie, bevor du für den Synodalrat kandidiert hast, wusste ich als deine Frau noch nicht einmal, dass es so ein Gremium überhaupt gibt.» Bern ist weit weg – ausser es gibt ein Problem, dann soll Bern dieses bitteschön lösen.

Treffen Sie solche Auseinandersetzungen mit der Pfarrschaft – gerade auch, weil Sie selber einmal Teil davon waren?
Einen meiner schwärzesten Momente erlebte ich tatsächlich in diesem Spannungsfeld. Ich war 2015 an die Jahresversammlung des Pfarrvereins eingeladen, um über den Stand der Dinge in Bezug auf das Landeskirchengesetz zu informieren. Ich wurde ausgebuht und ausgepfiffen. Einzelne haben sich danach entschuldigt, und ich konnte auch ein wenig den Unmut und die Unsicherheit verstehen, die das Gesetz bei ihnen auslöste. Trotzdem hat es mich getroffen. Auch weil ich an diesem Tag meinen 60. Geburtstag feierte.

Grosse Freude habe ich an unserem «Haus der Kirche». Bei der Renovation war mir eine nüchterne Eleganz wichtig; Wandteppiche und Batiktücher wollte ich auf keinen Fall.

Sie kamen 1999 in den Synodalrat, seit 2007 sind Sie dessen Präsident. Wie hat sich die Kirche in diesen Jahren verändert?
Es hat sicherlich eine Professionalisierung sowie eine Profilierung stattgefunden. Nehmen wir nochmals die Pfarrschaft: Seit 1999 haben wir ein Pfarrleitbild eingeführt, die Dienstanweisung und den Stellenbeschrieb. Dadurch wurde klar, welche Aufgaben Pfarrerinnen und Pfarrer haben und wofür sie wie viele Stellenprozente aufwenden sollen. Auch wenn das nicht nur Freude auslöste: Diese Schritte waren nötig. Daneben hat sich aber auch die gesamte Organisationsstruktur der Landeskirche verändert.

Inwiefern?
Mein erstes Projekt als Synodalrat war eine massive Reorganisation. Hintergrund war, dass die Finanzen immer schlechter aussahen und wir anfangen mussten zu sparen. Konkret mussten zehn Prozent der Stellenpunkte abgebaut, die Fachstellen reduziert und verschiedene Hierarchiestufen abgeschafft werden. Auch der Synodalrat wurde von neun auf sieben Sitze reduziert. Die heutige Organisation entspricht weitgehend dem, was wir damals geschaffen haben. Darauf bin ich stolz – besonders auch, weil wir die ganze Geschichte ohne Entlassung vollziehen konnten.

Auf welche weiteren Projekte blicken Sie gerne zurück?
Das Jahr 2017 mit dem Reformationsjubiläum und der Vision «Von Gott bewegt. Den Menschen verpflichtet» war natürlich ein Highlight, wenn auch ein anstrengendes. Grosse Freude habe ich ausserdem an unserem «Haus der Kirche». Waren die Gesamtkirchlichen Dienste vorher über die ganze Stadt verteilt, konnten wir hier ab 2012 das gesamte Team zusammenführen. In dem Haus am Altenberg war vorher eine Pflegeschule untergebracht, und wo sich heute mein Büro befindet, schliefen früher die Oberschwestern. Es war düster und überall standen Betten mit Puppen darin, an denen die Pflegerinnen üben konnten. Doch der Architekt hat damals schon vor seinem inneren Auge die Helligkeit gesehen, die das Gebäude heute ausmacht. Mir selbst war bei der Renovation eine nüchterne Eleganz wichtig; Wandteppiche und Batiktücher wollte ich auf keinen Fall.

Wichtig ist, dass man im Alltag präsent und ansprechbar ist und sich allen Angestellten gegenüber gleich verhält. Nur mit Integrität kann man dem Druck standhalten, den so ein öffentliches Amt mit sich bringt.

Zum Amt des Synodalratspräsidenten gehört auch das Politisieren. Hat Ihnen das Spass gemacht?
Absolut. Ich diskutiere gern, ich händele gern, auch mit den Vertretern der anderen Kantonalkirchen. Aber ich versuche dabei immer, lösungsorientiert zu sein und nicht einfach die Macht und Grösse der Berner Kirche auszuspielen. Reformiert sein bedeutet für mich Dialog, und als Präsident hat man die Aufgabe, diesen voranzutreiben. Man schmiedet Allianzen und führt verschiedene Parteien zusammen. Das alles geschieht mehrheitlich hinter den Kulissen.

Aber die Repräsentanz in der Öffentlichkeit ist doch auch wichtig?
Sie kommt als Sahnehäubchen obendrauf. Man sollte aber als Präsident nicht zu allem seinen Senf geben. An diese Devise halte ich mich bis heute. Wichtig ist, dass man im Alltag präsent und ansprechbar ist und sich allen Angestellten gegenüber gleich verhält. Nur mit Integrität kann man dem Druck standhalten, den so ein öffentliches Amt mit sich bringt.

Ende September haben Sie Ihren letzten Arbeitstag als Synodalratspräsident. Werden Sie den Schwerpunkt von der Politik nun wieder mehr auf die Theologie verlagern?
Ich werde zwar regelmässig predigen, aber eine Rückkehr ins Pfarramt kommt für mich nicht infrage. Auch nicht im Rahmen einer Stellvertretung. Ich spüre mittlerweile eine gewisse Müdigkeit und mag mich nicht mehr derart binden. Stattdessen habe ich vor, mich wieder mehr zu bewegen – in den letzten Jahren bin ich viel zu viel am Schreibtisch gesessen. Ich bin ausserdem kirchengeschichtlich interessiert und könnte mir vorstellen, einmal etwas in dieser Richtung zu publizieren.

Die Wahl von Andreas Zellers Nachfolgerin oder Nachfolger findet während der Synode vom 18. und 19. August statt. Es kandidieren die Berner Synodalrätin Judith Pörksen Roder und der Bieler Gemeinderat Cédric Némitz. Beide stellen sich am Dienstagabend, 11. August, ab 18.30 Uhr in einem Hearing den Fragen der Synodalen. Das Hearing wird in einem Livestream übertragen. Andreas Zeller bleibt noch bis Ende September im Amt.