Abendmahlsdilemma in 30 Sekunden

Was tun als Reformierter, wenn beim katholischen Gottesdienst zur Kommunion geladen wird? Eigentlich darf man ja nicht. Oder doch? Christian Schenk über den Umgang mit dem Abendmahlsdilemma.

Christian Schenk.
Christian Schenk. (Bild: notabene)

Drei Viertel meiner Familie sind katholisch. So kommt es, dass ich als reformierter Viertel unserer Familie hin und wieder als Gast im katholischen Gottesdienst sitze. Und weil man bei den Katholiken während der Gottesdienste eben nicht nur sitzt und singt, sondern auch sonst allerlei zu tun hat, tue ich das ebenfalls und mittlerweile schon recht routiniert: Man steht immer mal wieder auf, reicht einander quer über die Bänke hinweg die Hand zum Friedensgruss, antwortet bei den Fürbitten mit «Wir bitten dich, erhöre uns» und stopft möglichst schnell möglichst viel ins Opferkörbchen, wenn es durch die Reihen zirkuliert. So geht das. Und so anders ist es im Grunde ja auch nicht, wie dann, wenn ich ein konfessionelles Heimspiel habe und meine katholischen Familienmitglieder die geübten Gäste geben.

Keine Bagatelle

Nun kommt aber unweigerlich der Moment, in dem im katholischen Gottesdienst zur Kommunion geladen wird. Und jetzt wird es kompliziert. Vor allem deshalb, weil ich weiss, dass es kompliziert ist. Dass nämlich nicht alle dasselbe meinen, wenn sie Abendmahl oder Kommunion feiern, und dass nicht jeder jeden dazu einladen kann oder darf, auch wenn er noch wollte; und nicht alle die Einladung annehmen dürfen, weil sie damit doch andeuten würden, sie verstünden dasselbe wie der, der sie einlädt, was aber nicht stimmte; oder noch schlimmer, man würde sich arrogant über die Differenzen hinwegsetzen, sie als Bagatelle abqualifizieren, wohlwissend, dass die andern sie als matchentscheidend für ihr Verständnis von Kirche werten.

Eben: Und so schwirren die Vorbehalte und Einschränkungen, die es seit 500 Jahren zu diesem Thema gibt – und die ich als Kirchenprofi nun ja wirklich auch kennen muss – durch den Kopf, und mir bleiben keine dreissig Sekunden, mich zu entscheiden, ob ich jetzt sitzenbleibe oder mich einreihe in die Kolonne der Frauen und Männer und meiner Familie, die sich das «Brot des Lebens» (wie der Pastoralassistent vorne beim Altar sagt) reichen lässt.

Mein ökumenisches Abendmahlsdilemma endet eigentlich immer gleich, und Entscheidungsinstanz ist eher die Bauch- und Herzgegend als der Kopf: Ich nehme die Einladung an. Wie könnte ich anders, wenn da einer ist, der ausdrücklich «alle», die da versammelt sind, herzlich zu Tisch lädt? Wenn das so gemeint ist, dann vergess ich den komplizierten Rest und nehme und esse, wie geheissen.


Christian Schenk ist Redaktor bei «notabene», der Zeitschrift für die Mitarbeitenden der Zürcher Landeskirche. Der Beitrag stammt aus «notabene» 7/2014.