Aargauer Reformierte sollen Gemeinde frei wählen können

Im Aargau nimmt man einen zweiten Anlauf, in Baselland hat man mit der neuen Verfassung gerade den Grundstein dazu gelegt: Die freie Wahl der Kirchgemeinde ist derzeit in einigen reformierten Kirchen Thema.

Kirchenmitglied in der Nachbarsgemeinde, nicht in der Wohngemeinde: Das soll im Aargau bald möglich sein. (Bild: Keystone / Gaetan Bally)

Im Aargau war man sich schon 2007 einig, dass jedes Mitglied selber entscheiden können soll, zu welcher Kirchgemeinde es gehören will. Aber der Beschluss wurde aufgehoben, da er rechtliche Lücken aufwies. Jetzt will die Landeskirche die freie Gemeindewahl aber nochmals angehen. Einzige Voraussetzung: Der Kanton muss die Steuersoftware anpassen. Dies ist voraussichtlich übernächstes Jahr der Fall.

Diese Flexibilisierung entspreche einem Bedürfnis, meint Frank Worbs, Kommunikationsverantwortlicher der Reformierten Landeskirche Aargau. Er habe viele Nachrichten erhalten von Menschen, die gerne die Gemeinde wechseln möchten. Gerade Menschen, die eng mit der Kirche verbunden seien, wollten bewusst entscheiden, wo sie sich engagieren.

Gute Erfahrungen in Schaffhausen

Das bestätigt auch ein Blick in den Kanton Schaffhausen. Dort ist es seit 2002 möglich, seine Kirchgemeinde innerhalb des Kantons selbst zu wählen. Laut Kirchenratsschreiberin Gabriele Higel wird dieses Angebot von jenen Menschen genutzt, die eine besondere Beziehung zu einer bestimmten Kirchgemeinde haben und auch nach einem Umzug weiterhin dort beheimatet bleiben möchten. Das sei gerade bei älteren Personen der Fall, wenn sie ins Altersheim im Nachbardorf ziehen würden. Ende 2018 zählte die Schaffhauser Kirche 339 solche Wahlkirchgemeinde­mitglieder. Das sind 1,2 Prozent aller ­Mitglieder.

Eine Konkurrenzsituation zwischen den Kirchgemeinden sei dabei nicht entstanden, betont Gabriele Higel. Vielleicht gebe es Wechsel, weil einzelnen Personen der Frömmigkeitsstil ihrer Kirchgemeinde nicht gefallen habe. Aber es seien nicht viele und ausserdem sei das legitim. Gabriele Higel schätzt das System deshalb sehr; es gebe den Mitgliedern mehr Wahlfreiheit.

Pragmatische Lösungen bei Konflikten

In einem Extremfall könnte die freie Gemeindewahl aber durchaus zu Problemen führen. Wenn ein Konflikt besteht, zum Beispiel mit einem Pfarrer, dann könnten sich viele Mitglieder gleichzeitig dazu entschliessen, die Gemeinde zu wechseln. Das hätte finanzielle Einbus­sen zur Folge und könnte gerade bei kleinen Gemeinden existenzbedrohend sein. Frank Worbs räumt ein, dass dies den Mitgliedern neben der Abwahl des Pfarrers ein neues Machtinstrument an die Hand gebe. Er geht aber nicht davon aus, dass es häufig genutzt werden wird. ­

So sind im Aargau für einen solchen Fall keine Vorkehrungen geplant. Auch in Schaffhausen gibt es keine Regelung für solche Konflikte. Vielmehr würden mögliche Fälle laut Gabriele ­Higel individuell geprüft und «pragmatisch ­gelöst».

Dieser Beitrag erschien erstmals in bref, dem Magazin der Reformierten.