Evangelische Kirche in Deutschland

25-Jährige in Spitzenamt gewählt

Die Evangelische Kirche in Deutschland hat die Philosophie-Studentin Anna-Nicole Heinrich zur Synodenpräses gewählt. In einer Zeit des Mitgliederschwunds soll die 25-Jährige die beschlossene Zukunftsstrategie vorantreiben. «Raus aus der Bubble» ist dabei ihr Motto.

«Mein Handy explodiert gleich.» Mit diesen Worten bedankte sich Anna-Nicole Heinrich bei Twitter für die Gratulationen zu ihrer Wahl zur Synodenpräses der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) – und bei der Marburger Richterin und Kommunalpolitikerin Nadine Bernshausen, die ihr unterlag.

Anna-Nicole Heinrich ist die jüngste Präses in der Geschichte der EKD. (Bild: zVg. Bild Front: epd-bild/Tino Lex).

Überraschend wählte das deutsche Kirchenparlament die 25-jährige Studentin Heinrich an die Spitze. Sie ist die jüngste Präses in der Geschichte. Durch ihr Amt hat sie einen festen Platz im Rat der EKD und sitzt wie ihre prominenten Vorgängerinnen, die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt und die ehemalige FDP-Bundesministerin Irmgard Schwaetzer, auf Augenhöhe mit dem EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm.

Mit Beginn der neuen sechsjährigen Amtszeit der 13. Synode (siehe auch Kasten) hatte die bisherige Präses Schwaetzer nicht mehr kandidiert. Die 79-Jährige hatte die Synode fast acht Jahre lang geleitet.

«Durch Zufall» zum Glauben gekommen

Missbrauch, Sterbehilfe, neues Präsidium

Vom 6. bis zum 8. Mai konstituierte sich die 13. Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) auf ihrer ersten Tagung. Dabei wählte sie nicht nur Anna-Nicole Heinrich zur neuen Präses, sondern bestätigte auch die beiden Vizepräsides Elke König und Andreas Lange im Amt. Die 65-jährige Pädagogin König und der 56-jährige Theologe Lange gehören damit dem Synodenpräsidium weitere sechs Jahre an. Vier Beisitzer komplettieren das siebenköpfige Gremium.

In einem Bericht nahm zudem der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm zu einigen Themen Stellung, welche die Kirche derzeit beschäftigen. So sprach er sich für eine staatliche Mitwirkung an der Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der Kirche aus. Es gebe bei dem Thema einen Vertrauensverlust der Öffentlichkeit, sagte er. Solange das so sei, müsse die Kirche auch Angebote nutzen, die von aussen gemacht würden, um Aufarbeitung zu leisten.

Am Freitag war bekannt geworden, dass der im August eingesetzte Betroffenenbeirat der EKD, der die Aufklärung von Missbrauch begleiten soll, offenbar vor der Auflösung steht. Fünf der zwölf Mitglieder waren innerhalb der vergangenen Monate aus dem Gremium ausgetreten.

Zudem äusserte sich Bedford-Strohm ablehnend bezüglich einer möglichen Hilfe zum Suizid in kirchlichen Einrichtungen. «Als Kirche begleiten wir Sterbende auf ihrem letzten Weg unabhängig davon, wie dieser aussieht», sagte er. Eine kirchlich-diakonische Einrichtung sollte sich aber nicht selbst an der Organisation und Durchführung der Suizidassistenz beteiligen.

Das Thema Suizidhilfe wird in Deutschland derzeit heftig debattiert. Dies nachdem das Bundesverfassungsgericht im Februar 2020 das Verbot der geschäftsmässigen Sterbehilfe gekippt hat. (vbu/epd)

Anna-Nicole Heinrich studiert im Master Philosophie und verdient ihren Lebensunterhalt nach eigenen Worten mit einer Stelle bei der stellvertretenden Frauenbeauftragten der Universität Regensburg. Zum Glauben kam Heinrich «eher durch Zufall als durch Verstand und Sozialisation», erzählt sie. Ihre Eltern gehörten keiner Kirche an. Über den Religionsunterricht kam sie in Kontakt zu einer evangelischen Gemeinde. Im Grundschulalter wurde sie getauft.

Als stellvertretende Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend und als Jugenddelegierte in der vorhergehenden Synode sammelte sie bereits Erfahrung mit evangelischen Gremien. Die charismatische junge Frau vertrat selbstbewusst die Anliegen der Jüngeren, forderte Offenheit für neue Formen von Gottesdienst – auch digital. Und sie war Mitglied im Zukunftsteam der Synode, das unter anderem die Ideen für die Zukunft der Kirche formuliert hat.

Anna-Nicole Heinrich rief die Synodalen am Samstag in ihrer Vorstellungsrede auf, sich «raus aus der Bubble» zu bewegen – eine Anspielung auf das in der Kirche oft beklagte Schmoren im eigenen Saft. In den im November verabschiedeten Leitsätzen spricht sich die evangelische Kirche dafür aus, sich mehr zu öffnen mit Formaten, die auch kirchlich nicht gebundene Menschen ansprechen, und für Allianzen mit anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen. Heinrichs Wahl ist ein Zeichen für den Willen der Kirchenparlamentarier zum Aufbruch.

Ratswahlen im Herbst

«Historisch» nannte der Ratsvorsitzende die Entscheidung am Samstag und sicherte Heinrich eine «Welle der Unterstützung» zu. Das Team «Heinrich und Heinrich», wie Bedford-Strohm mit einem Augenzwinkern sagte, wird allerdings nur noch ein halbes Jahr bestehen. Denn Bedford-Strohm will im November bei der Herbsttagung der Synode nicht wieder als Ratsvorsitzender antreten. Dann stehen turnusmässig Ratswahlen an. Das 15-köpfige Gremium wird neu besetzt. Bislang steht nur Heinrich als neu gewählte Präses fest.

Wer die Nachfolge von Bedford-Strohm antritt, der noch zwei Jahre im Amt als bayerischer Landesbischof hat, ist unklar. Mit Bedford-Strohms bisheriger Stellvertreterin und westfälischer Präses Annette Kurschus (58) könnte nach Margot Kässmann zum zweiten Mal eine Frau an die Spitze des Rats gewählt werden.

Ein Sparprogramm steht an

Neben den Ratswahlen stehen im November auch Beratungen über den Haushalt auf der Tagesordnung. Auch dafür hat die letzte Synode Hausaufgaben hinterlassen. Denn laut der im November beschlossenen Finanzstrategie müssen bis zum Jahr 2030 rund 17 Millionen Euro eingespart werden. Wo der Rotstift angesetzt werden soll, hat die Synode noch nicht final entschieden.

Heinrich bekennt sich zu den geplanten Reformen. Die Zukunftsprozesse gehörten zu den wichtigsten Themen der neuen Amtsperiode, sagte sie dem Evangelischen Pressedienst (epd). «Wir müssen das Paket, das uns die letzte Synode gepackt hat, jetzt aufnehmen und uns Ziele setzen.» (epd)