Herr Memeti, wie fühlt es sich an, Schweizer des Jahres zu sein?
Ein Muslim wird Schweizer des Jahres, das ist ein Paradox, oder? (lacht). Im Ernst: Ich war total überrascht, als mich Chefredaktor Arthur Rutishauser vor drei Wochen anrief. Und natürlich sehr erfreut, dass die Öffentlichkeit meine Arbeit unterstützt.
Sicher sind auch die Schweizer Muslime stolz auf Sie?
Viele sind es, ja. Meine Gemeinde freut sich. Die Nachricht verbreitete sich sofort in den sozialen Medien. Ich habe viele Gratulationen erhalten, nicht nur aus der Schweiz, auch aus dem Kosovo, aus Mazedonien und Serbien. Andere Muslime haben weniger Freude. Ende Oktober wurde in meiner Moschee randaliert.
Warum das?
Ich predige den Islam als eine Religion der Erleichterung, eine Religion, in der es keinen Zwang gibt. Und es gibt extrem konservative Muslime, die damit nicht einverstanden sind.
Sind Sie nicht selber ein konservativer Muslim?
Ich sage bewusst extrem konservativ. Denn man kann gleichzeitig konservativ in seiner Religion sein und trotzdem progressiv in der Gesellschaft. Aber die Extremisten versuchen, aus Religion Politik zu machen. Das ist falsch. Die Zeiten, als Religion und Staat zusammen waren, sind vorbei. Mehr noch. Ich bin überzeugt: Gott will religiöse und kulturelle Vielfalt. Gott will Freiheit und Demokratie, wie wir sie heute haben. Im Islam ist die Würde des Menschen zentral. Dazu gehört auch seine Freiheit.
Die ganze Welt blickt zurzeit auf die schrecklichen Ereignisse in Paris. Die muslimischen Attentäter bekunden offensichtlich Mühe mit Demokratie und Meinungsfreiheit.
Ich bin tief betroffen und erschrocken über die Tat. Keine Karikatur des Propheten, und sei sie noch so beleidigend, rechtfertigt Gewalt. Die Meinungsfreiheit ist ein zentraler Wert unserer Gesellschaft.
Aber der Islam verbietet die Abbildung von Muhammad?
In der Tat ist es einem gläubigen Muslim nicht erlaubt, den Propheten abzubilden. Aber ein Karikaturist, der sich nicht als gläubigen Muslim versteht, kann das tun. Ich kann es ihm nicht aus religiösen Gründen verbieten. Ich kann rechtlich gegen ihn vorgehen, wenn ich glaube, er verstösst gegen das Diskrimierungsverbot oder seine Karikatur ist rassistisch.
Befürchten Sie ähnliche Anschläge in der Schweiz?
Insgesamt sind die Muslime in der Schweiz sehr gemässigt und gut integriert. Wer sich als Teil einer Gemeinschaft fühlt, hat auch weniger Anreiz, sich extremistischen Bewegungen wie dem Islamischen Staat anzuschliessen. Aber ich kann es nicht ausschliessen. Ich habe auch mit jungen Muslimen zu tun, die radikale Vorstellungen haben. Da versuche ich, mit ihnen ins Gespräch zu kommen und herauszufinden, um was es geht.
Und, worum geht es?
Viele Jugendliche wissen nicht, wer sie sind. Das macht sie anfällig für extremistische Positionen. Schon der Prophet sagte: «Gott zeigt sein Erbarmen nur denen, die sich selber kennen.» Ich habe noch nie von einem älteren Muslim gehört, der nach Syrien in den Jihad gereist wäre. Die Jüngeren müssen herausfinden, bin ich Schweizer, bin ich Muslim, wie bringe ich das zusammen?
Was tun Sie, um extremistische junge Menschen von ihren Ansichten abzubringen?
Als Imam und Seelsorger habe ich grosse Verantwortung dafür, dass ich die Muslime auf einem rechten, gemässigten Weg leite. Ich thematisiere dies in meinen Predigten, Vorträgen und persönlichen Gesprächen. Diese Verantwortung muss allen Imamen in der Schweiz bewusst sein. Wir müssen mit guten Worten schlechte Worte bekämpfen, denn schlechte Worte führen zu schlechten Taten. Das wichtigste Mittel gegen Radikalisierung ist aber, gut integriert zu sein, eine Arbeit zu haben und sich als Teil der Schweiz zu sehen.
Und wie sieht es mit der Wahrnehmung der Muslime in der Öffentlichkeit aus? Heisst es zurück auf Feld eins nach den jüngsten Anschlägen?
Leider ist es so, dass Muslime mit Extremisten in den gleichen Topf geworfen werden. Dabei sind die meisten Muslime genauso gegen Extremisten wie andere Schweizer.
Planen Sie Solidaritätsaktionen?
Um ehrlich zu sein, ist unsere Gemeinde gerade voll ausgelastet. Das Haus der Religionen selbst ist aber ein starkes Zeichen: Fünf Weltreligionen Seite an Seite. Wenn das physisch möglich ist, warum soll das ideologisch nicht klappen? Sobald wir mehr Zeit haben, möchten wir uns mit konkreten Projekten für ein friedliches Zusammenleben einsetzen.
Die Pegida-Bewegung soll auch in die Schweiz kommen. Bereitet das Ihnen Sorgen?
Das ist Unsinn. Die Schweiz braucht keine Pegida. Es gibt keine Islamisierung. Solange der Rechtsstaat funktioniert, gibt es Demokratie und Freiheit.
Ihre Moschee war, wie Sie erwähnt haben, Ziel von Randale. Befürchten Sie weitere Gewalttaten?
Nein, wir lassen uns nicht entmutigen. Dass ich Schweizer des Jahres wurde, ist für mich eine Bestätigung, dass wir auf dem richtigen Weg sind.
Sie haben unter anderem in Syrien studiert. Sind Sie besonders betroffen von der aktuellen Situation?
Meine Zeit in Syrien liegt lange zurück. 35 Jahre ist es her. Ich erinnere mich an offene, hilfsbereite Menschen. Leider ging die Revolution in die falsche Richtung. Die Gier von religiösen Kräften und politischen Machthabern hat sie zerstört.
Sollen wir 100 000 syrische Flüchtlinge aufnehmen, wie ein grüner Parlamentarier es unlängst forderte?
Nachhaltig ist am ehesten Hilfe vor Ort. Ich sehe Probleme, eine so grosse Menge an Flüchtlingen zu integrieren.
Als Imam predigen Sie einen gemässigten, doch orthodoxen Islam. Ihre eigene Tochter trägt aber kein Kopftuch. Haben Sie in ihrer Erziehung versagt?
(Lacht). Im Gegenteil. Ich bin stolz auf meine Tochter. Sie ist praktizierende Muslima. Aber was für mich das Wichtigste ist: Sie hat ihren eigenen Weg gemacht. Sie hat ihre Ausbildung als Lehrerin abgeschlossen. Sie wird Primarschüler unterrichten und trägt so zur Zukunft der Schweiz bei. Ehrlich gesagt, ist das Kopftuch überschätzt. Natürlich ist es ein religiöses Gebot. Aber dennoch ist es die individuelle Entscheidung jeder muslimischen Frau, ob sie das Kopftuch trägt oder nicht. Niemand ist perfekt. Sowieso, wir haben freie Religionswahl. Und das ist gut so.
Quelle: «Reformierte Presse» Nr. 3/2015