«Nietzsches Sprache ist ein Weltaufgang»

An einem Studientag der Universität Bern näherten sich Pfarrpersonen und Interessierte der Literatur. Ob Franz Kafka, Philip Roth, Friedrich Nietzsche oder Fernando Pessoa: Literaturfans unter den Pfarrerinnen und Theologen kamen voll auf ihre Kosten.

Der wohl mächtigste Gegner der Theologie in der Moderne – und sehr lesenswert: Friedrich Nietzsche. (Bild: Wikicommons)

«Die Kirche muss sich von einer ‹Verwaltungssprache› befreien. Die Literatur ist deshalb die «Freundin der Theologie», erklärte der Dogmatiker Matthias Zeindler am Montagvormittag das Ziel des Studientags, zu dem sich rund 35 Personen im Kuppelraum im Hauptgebäude der Uni Bern eingefunden hatten. «Wir wollen das Sensorium für die Macht und die Möglichkeiten der Sprache schärfen», so Zeindler.

Doch gerade das Reden über Gott sei eine «paradoxe Aufgabe»: «Wir Theologen sollen über Gott sprechen, aber als Menschen sind wir gar nicht fähig, etwas über Gott zu sagen», erklärte er in Anlehnung an Karl Barth und konstatierte: «Wir sollten darum immer auch Sprachskeptiker sein. Und gerade hier kann die Literatur Hand bieten.»

Das Evangelium, «ein helles Ungeheuer»

Das anschliessende 90-minütige Referat des emeritierten Jenaer Systematikers Michael Trowitzsch glich einer theologisch-literarischen Kür. Sie sorgte nicht nur für intellektuelle Schwindelgefühle, sondern zeugte ebenso von sprachkünstlerischem Flair. So sprach er vom Evangelium als Wortereignis, «das die Welt in eine neue Sprache taucht. Ein helles Ungeheuer.»

Auch er setzte auf die Macht der Prosa und der Poesie, wenn es um das theologische Reden geht: «Die Sprache muss der Religionsverwaltung und dem Nichtssagenden abgezwängt werden.» Er forderte auf, Sprachbilder, Gleichnisse und Erzählkraft der biblischen Texte fruchtbar zu machen. Aber auch Poesie könne zum Ort «kleiner säkularer Epiphanien» werden: «Die Literatur kann Theologie in Demut versetzen.»

Trowitzschs Höhenflug brachte die eine oder andere Zuhörerin etwas ins Taumeln. Ein Zuhörer, der die Orientierung verloren hatte, beklagte die Praxisferne. Andererseits war es faszinierend, der wunderbaren Sprache zu folgen: «Ich habe sonst in meinem Pfarralltag wenig Möglichkeiten, mich mit Literarischem auseinanderzusetzen. Ich fand das Niveau anregend», meinte eine andere Teilnehmerin, die aus dem anderen Ende der Schweiz angereist war.

Nietzsche als theologischer Sparringspartner

Und auch einen Lesetipp hatte Trowitzsch: «Lesen Sie Nietzsche!» Dieser sei zwar der wohl mächtigste Gegner der Theologie in der Moderne, so Trowitzsch, doch seine Schriften seien von einer Sprachgewalt, von der Theologen nur lernen könnten: «Nietzsches Sprache ist ein Weltaufgang». Er schloss mit der Ermutigung, Theologie als «sprachliche Eroberungskunst» zu verstehen: «Ein Wort, ein Glanz, ein Flug, ein Feuer», zitierte er Benn, und erinnerte an die ästhetische Dichte der Passionsgeschichte: «Stille, Lärm, dann ein lauter Schrei.»

Nach dem intellektuellen Schwergewicht Trowitzsch nahm sich der Kurz-Beitrag zu Philip Roth schon fast anekdotisch leicht aus. Referent Frank Mathwig erfreute sich theologisch unbekümmert an Roths Spiel mit «Facts and Fiction». Roth beschreibe Loyalitätskonflikte und moralische Dilemmata – eine amerikanisch-jüdische Existenz, ständig mit einer europäischen Geschichte konfrontiert, die nicht die eigene sei: «Seine Protagonisten zweifeln, sind manisch und neurotisch. Sie fliehen in fiktive Welten.»

Fernando Pessoa und der metaphysische Schwebezustand

Auch Matthias Zeindlers Autor Fernando Pessoa kannte die Unsicherheit der Identitäten. Seine Werke schreiben «Alter Egos»: Lebendige Dichterpersönlichkeiten mit unterschiedlichen Weltsichten und Schreibstilen. Einer davon ist Hilfsbuchhalter Bernardo Soares, geboren zu einer Zeit, «in der die Mehrheit der jungen Leute den Glauben an Gott aus dem gleichen Grund verloren hatte, aus welchem ihre Vorfahren ihn hatten – ohne zu wissen warum.» So der erste Satz aus dem «Buch der Unruhe».  Pessoas Helden befinden sich in metaphysischen Schwebezustand: «Wenn Gott fehlt, wird die Welt eine ganz andere», so Zeindler.

Magdalene Frettlöh wiederum sah in ihrem Inputreferat die Nähe von Karl Barth zu Elazar Benyoëtzs Aphorismen: Der deutsch-jüdische Schriftsteller schreibe «Du sollst dir auf Gott keinen Reim machen», so wie Karl Barth die Theologie als die einzige Wissenschaft bezeichnete, die ihren Gott nicht kenne. Benyoëtzs «EinSätze» befreiten die deutsche Sprache aus der «floskelhaften Erstarrung.» Frettlöh zitierte dazu Benyoëtz: «Der Aphoristiker beginnt an dem Punkt, wo die Weisheit am Ende ist.»

Kafka, mit weit aufgerissenen Augen

In Trowitzschs Überlegungen zu Kafka wurde es dann ganz düster – und wieder sprachgewaltig: «Hinaus und hinab» – Kafkas Schreiben sei ein einziger «Wehe-Ruf» im Sinne von Nietzsche. Kafka sei ein Augenzeuge mit weit aufgerissenen Augen, er starre auf eine «grosse, aussätzige Unmöglichkeit», die beständig durch ihn hindurchstürze. Er sei durchlässig, ein Medium: «Der Dichter versucht seine Schritte abzumessen, doch der Boden gibt ihm keinen Halt und er ist mit einem Fuss im Tod» zitierte er Jean Cocteau.

Kafka schreibe aus dem Untergrund der Zeit über das moderne «Selbstgericht», in der der Mensch gleichzeitig zum Richter und Henker seiner selbst wurde: «Das Tier entwendet dem Herrn die Peitsche und peitscht sich selbst, um Herr zu werden.» Seine «Erstickungsräume» seien Vorboten der industriellen Menschenabfertigung und der seriellen Vernichtungslager. Kafkas Schreiben sei eine einzige «Vollzugsform der Traurigkeit der Welt».

Trowitzschs literarische Auseinandersetzung mit Kafka ging nah. So wie die anderen Kurz-Beiträge zu Roth, Pessoa und Benyoëtz: Die Leidenschaft der Referenten war mit Händen zu greifen, leider fehlte die Zeit fürs Fragen und Verdauen.

 Gott als «dumme Taube» – geht das?

In Workshops am Nachmittag wurde diskutiert, wie und ob Literatur in der Predigt Platz habe. Auch kontroverse Texte, wie jene von Fernando Pessoa, könnten Eingang in den Gottesdienst finden: Pessoas Alter Ego, der Meisterdichter Alberto Caeiro, beschreibt Jesus als lachendes Kind – dem ernsthaften Himmel auf die Erde entflohen, beschimpft es den Vater als «dumme Taube». «Ich denke, viele Predigtbesucher würden die Provokation schätzen», meinte ein Teilnehmer, «aber sie muss halt irgendwie in Bezug zur biblischen Botschaft stehen.»

Ein erstes Fazit

Mitorganisatorin Magdalene Frettlöh war zufrieden mit der Tagung: «Wir wollen ein Band zwischen Uni, Gesellschaft und Kirche knüpfen. Mit dem Studientag ist uns das gelungen. Mir liegt daran, die Theologie aus dem Elfenbeinturm zu holen.» Frettlöh dachte auch an eine Fortsetzung: «Spannend wäre der Einbezug von Schriftstellern. Ich würde etwa gerne mit Peter Stamm oder Jenny Erpenbeck diskutieren. Beide beziehen sich auf religiöse und biblische Motive.»

Die Aussicht auf eine Vertiefung wird Freunde der Prosa und Lyrik freuen. Und diese gibt’s, wie es scheint, unter Theologen und Pfarrerinnen nicht selten.

 

Der Studientag zu Theologie und Literatur wurde gemeinsam organisiert von der Systematikerin Magdalene Frettlöh (theologische Fakultät der Universität Bern), dem Ethiker Frank Mathwig (Evangelischer Kirchenbund) sowie von Matthias Zeindler (Leiter der Fachstelle Theologie der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn).