Hochaltrigkeit: die Chance, das Leben bewusst abzuschliessen

Die ehemalige Zürcher Stadträtin Monika Stocker hat ein Lesebuch zur Hochaltrigkeit herausgegeben. Im Interview erklärt sie, wie es dazu gekommen ist – und warum der vierte Lebensabschnitt ein ganz besonderer ist.

Hochaltrigkeit bedeutet auch Lebensqualität.
Hochaltrigkeit bedeutet auch Lebensqualität. (Bild: wikimedia/Karen Beate Nøsterud - norden.org)

Monika Stocker, Sie sind noch nicht einmal 70 Jahre alt und machen einen äusserst vitalen Eindruck. Warum beschäftigen Sie sich mit der Hochaltrigkeit?
Es gibt immer gute Gründe, über die Hochaltrigkeit nachzudenken. In meinem Fall ist es gar nicht anders möglich: Ich bin Präsidentin eines Alters- und Pflegeheims in Zürich, präsidiere die Unabhängige Beschwerdestelle für das Alter (UBA) und bin aktiv in der Grossmütter-Revolution, Plattform und Think Tank für die Frauen der heutigen Grossmütter-Generation. Darüber hinaus bin ich der Meinung, dass man sich im dritten Lebensalter, das mit sechzig beginnt, mit dem vierten, der Zeit nach dem achtzigsten Geburtstag, beschäftigen sollte.

 

Sie haben für Ihr Buch zahlreiche Gespräche geführt mit alten und hochaltrigen Menschen. Stimmt der Satz, man ist so alt, wie man sich fühlt?
Der Satz stimmt nicht – man ist objektiv alt. Aber das Gefühl wird nicht alt. Auch ein 90-Jähriger ist immer noch eine Person, wenn er auch in einem alten Körper steckt. Was den Menschen kostbar macht, – nennen wir es Persönlichkeit –, bleibt auch im hohen Alter bestehen. In unserer Gesellschaft gewinnt man zuweilen den Eindruck, die Tüchtigkeit alleine sei es, die einen Menschen ausmacht. Das stimmt nicht: Der Mensch ist von Geburt an immer auch bedürftig. Wir sind abhängig von unserer Umwelt und von der Gesellschaft. Es ist noch niemand als Top-Manager auf die Welt gekommen!

 

Wie alt fühlen Sie sich?
Ich fühle mich heute mit 67 Jahren jünger als am Ende meiner Amtszeit als Stadträtin. Damals spürte ich Ermüdungserscheinungen. Auch als junge Frau fühlte ich mich oft gestresst. Damals galt es, Beruf, Politik und Familie unter einen Hut zu bringen und dabei hohen Erwartungen gerecht zu werden. Wenn man älter wird, kümmert man sich nicht mehr so sehr um die Erwartungen der anderen. Das ist auch das Lässige an der Grossmütter-Revolution: Das Bewusstsein, dass ich heute nicht mehr Weihnachtsguetzli backen muss, um als tüchtige Mutter oder Grossmutter wahrgenommen zu werden.

 

Jetzt, da Sie doch alles ein bisschen ruhiger nehmen könnten, kämpfen Sie für ein neues Grossmütter-Image. Warum?
Die heutigen Grossmütter – damit meinen wir die heute alten Frauen, ob sie nun Enkelkinder haben oder nicht – sind jene Generation, welche die Gleichstellung erkämpft hat. Als ich 20 Jahre alt war, gab es in der Schweiz noch kein Frauenstimmrecht; in einer einzigen Generation ist extrem viel passiert. Wir Grossmütter sind die neuen alten Frauen. Zudem ist das vierte Lebensalter weiblich. Einerseits weil die meisten alten und hochaltrigen Menschen Frauen sind und andererseits, weil auch die Pflegenden grösstenteils Frauen sind. Das gibt eine ganz spezifische Kultur. Care-Arbeit wird noch nicht genügend wertgeschätzt. Aus einem feministischen Blickwinkel lässt sich sagen: Betreuung ist eine weibliche Haltung. Sie sollte anerkannt werden, jenseits der ökonomisierbaren Lohnleistung. Menschen, die sich freiwillig um andere kümmern, sollten zum Beispiel etwas von ihrer Steuerrechnung oder Krankenkassenprämien absetzen können.

 

Sie haben selber zwei Enkelkinder. Wie gehen Sie persönlich mit der Rolle als Grossmutter um?
Ich unterstütze meine Tochter im Notfall und bei besonderen Anlässen. Was ich indes nicht will, ist eine Agenda voller Hütedienste. Ich möchte meine Grosskinder verwöhnen, nicht erziehen. Wenn man jede Woche im Dienst ist, muss man das Regime der Eltern leben. Ich habe lange gekämpft für ein ausreichendes Betreuungsangebot – jetzt sollen die Jungen auch davon profitieren. Zum ersten Mal gibt es in der Stadt Zürich genügend Krippenplätze.

 

Jetzt haben wir über die aktive Zeit als Grossmutter gesprochen. Die Hochaltrigkeit ist indes oft von körperlichen Gebrechen und einer grossen Abhängigkeit geprägt. Kann man ihr trotzdem etwas Positives abgewinnen?
Wer hochaltrig ist, hat die Chance, das Leben bewusst abzuschliessen. Heute wird dieses Privileg immer mehr Menschen zuteil. Unsere Vorfahren mussten in der Regel früher sterben und durften diese Phase gar nicht erleben. Mit neunzig Jahren steht man nicht mehr unter Druck. Man darf dann durchaus sagen: Ich bin einfach müde. Mit sechzig ist man meist noch nicht dort angekommen. Im heutigen Seniorenkult wird das Bild des tüchtigen Alten zelebriert. Wahrgenommen wird, wer möglichst noch Chinesisch lernt oder Reisen unternimmt. Die Hochaltrigkeit distanziert sich von solchen Bildern.

 

Das tönt alles sehr positiv. Die Realität, wie sie auch im Buch geschildert wird, sieht oft anders aus, Stichwort Altersuizid.
Ich habe persönlich eine liberale Haltung. Sehr gefährlich wäre aber der gesellschaftliche Druck im Sinne von: Jemand wird zu teuer oder zu kompliziert. Das Bild, dass die Jungen für die Alten bluten müssen, stimmt nicht. Die Hochaltrigen haben immer auch Steuern bezahlt, sie zahlen hohe Krankenkassenprämien, konsumieren… Seit 1974 hatten wir hierzulande keine prozentuale Erhöhung bei den Lohnnebenkosten. Der Grossteil der staatlichen Ausgaben für die AHV wird über die Mehrwertsteuer bewältigt, woran sich alle gleichermassen beteiligen.

 

Wie planen Sie persönlich den vierten Lebensabschnitt?
Mein Mann und ich haben gerade in diesen Tagen einen Vorsorgeauftrag ausgefüllt. Darin haben wir festgehalten, dass wir hinsichtlich einer allfälligen Pflegebedürftigkeit nicht vom anderen erwarten, rund um die Uhr zu Hause betreut zu werden. Man muss sich genug früh mit solchen Fragen beschäftigen. Als Präsidentin der UBA (der Unabhängigen Beschwerdestelle gegen Gewalt im Alter) sehe ich Übergriffe auf Pflegebedürftige; sie passieren nicht aus Boshaftigkeit, sondern schlicht aus Überforderung.

 

Welche Rolle spielt für Sie der Glaube?
Für mich ist die religiöse Dimension sehr wichtig. Ich spüre die Energie meiner verstorbenen Eltern und meines leider zu früh verstorbenen Bruders, von Freundinnen und Freunden. Das gibt mir die Zuversicht, dass ein Teil von mir auch nach meinem Tod bleiben wird. Und hoffentlich eines Tages auch meinen Kindern spürbar ist.

 

Sandra Hohendahl-Tesch/reformiert.info

 

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».