Ausblick in ein neues Jahr

Bevor die Zukunft kommt

Wie verbringen wir die Zeit zwischen den Jahren? Die Redaktion erzählt.
Ein altes Jahr ist noch nicht vorbei, ein neues Jahr beginnt bald: Die Menschen feiern den Jahreswechsel in Bangkok. (Bild aus dem Archiv: Urs Flüeler/ Keystone)

Andres Eberhard
Redaktor

Die Vergangenheit ist passé, die Zukunft hat noch nicht begonnen. Der Sekundenzeiger dreht, aber es wird nicht morgen. Weil morgen immer noch im Dazwischen ist, und übermorgen auch. 

Fünf Tage lang dauert dieser schöne Zustand an. Erst einmal schliesse ich in dieser Zeit das Jahr ab. Ich bilanziere Einnahmen und Ausgaben, spende an wohltätige Organisationen, ordne Krankenkassenrückforderungsbelege ein und räume meinen Mail-Posteingang auf, indem ich den «Alles löschen»-Knopf grosszügig betätige.

Dann werfe ich einen Blick zurück. Was war gut, was nicht? Von da aus schmiede ich Pläne für jene Dinge, die ich beeinflussen kann – Job, Erziehung, Ferien, eigene Projekte. Ich male mir aus, wie die Zukunft hoffnungsvollerweise aussehen wird – ohne Grenzen, alles ist möglich. In ein extra dafür angeschafftes Notizbuch trage ich erreichbare Ziele fürs kommende Jahr ein und stelle oft mit Freuden fest, dass ich die letztjährigen erfüllt habe. 

Warum ich mir wohl nur zwischen den Jahren Zeit nehme, mein Leben aus der Vogelperspektive zu betrachten? Vermutlich, weil mich der Alltag ständig vorantreibt, dieses angelernte Gefühl, dass die anderen ja auch arbeiten, vorankommen, weil sie leisten und es sich so gehört.

Falls nach diesen Selbstbetrachtungen noch Zeit ist und mir die Kinder wohlgesinnt sind, erledige ich zwischen den Jahren ausserdem Aufgaben, die es im Alltag gar nicht erst auf die Prioritätenliste schaffen – weil ich weiss, dass ich ohnehin nicht dazu komme. Ein neues Kellerregal montieren. Eine Leselampe kaufen. Kochrezepte, die ich aus Zeitschriften gerissen habe, einordnen. 

Diese Tage erinnern mich daran, dass noch viel Schönes passieren kann. Ich spüre eine Vorfreude, wie ich sie als Kind oft hatte, die mir aber mit den Jahren abhandengekommen ist. Ohne eingespielte Routinen könnte ich meinen Alltag gar nicht bewältigen. Dieses kribbelige Gefühl, dass Dinge geschehen können, von denen ich jetzt noch nichts weiss, lässt mich hingegen lebendig fühlen. (eba)

Johanna Wedl
Redaktionsleiterin ref.ch

Zwischen Eisbären und Löwen

Ich verehre Weihnachten, aber ich verabscheue Silvester. Insofern sind die Tage zwischen den Jahren für mich mit gemischten Gefühlen verbunden. Die Kerzen ausgeblasen, die Geschenke ausgepackt, die Guetzli aufgegessen. Und nun? 

Zum Glück gibt es Freunde. Gelassen entziehen sie sich allen familiären Verpflichtungen, indem sie verreisen. Die Idee fanden wir so gut, dass wir uns ihnen angeschlossen haben, ja, uns aufdrängten mitzufahren, ohne ihr Einverständnis abzuwarten. 

Zwei, drei Mal waren wir im Engadin, ich erinnere mich an einen eiskalten Wintertag: Der Kinderwagen blieb im Tiefschnee stecken, die nächste Busstation war weit entfernt. Wir klopften an ein Häuschen, das wir am Wegrand sahen und baten um einen warmen Tee. Die Hausherrin führte uns in ihre einfache Stube. Nie schmeckte Filterkaffee besser. 

Präsent geblieben ist mir auch der Moment, als wir unter stahlblauem Himmel im Münchner Zoo flanierten, die Wintersonne wärmte die Glieder. Die Kinder waren beeindruckt von den Löwen, die nur ein Wassergraben von den Besuchern trennte, und sie sahen den Eisbären zu, wie diese mit ihren Pranken aus gefrorenen Blöcken Fisch herausschlugen.

Fort von Zuhause, mit Freunden um uns, scheinen mir die Tage zwischen den Jahren länger, unbeschwerter, freier. Was wird diesmal bleiben? (jow)

Heimito Nollé
Redaktor

Den Müll raustragen

Die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr haben für mich keine besondere Bedeutung. Ich habe vor längerer Zeit mehr oder weniger damit aufgehört, Weihnachten zu feiern. Daher brauche ich diese Tage auch nicht, um mich vom Feiertagsstress zu erholen. Es sind normale, unspektakuläre Tage. Oft nutze ich diese Zeit, um aufzuräumen – in der Wohnung, aber auch ein wenig in meinem Leben.

Papierkram erledigen, den vollgestellten Schreibtisch aufräumen, liegengebliebene Bücher lesen, den Körper an der frischen Luft entschlacken – solche Dinge. Mir gefällt die Vorstellung, mit etwas weniger Ballast ins neue Jahr zu starten. Zugegeben habe ich dann nach der Rückkehr ins Büro auch meist nicht viel zu erzählen. Fragen mich die Kolleginnen und Kollegen, wie ich die freien Tage verbracht habe, kann ich in einem Satz antworten: «Ich habe den Müll rausgetragen». (no)

Barbara Schmutz
Redaktionsleiterin bref

Über die Zeit hinaus

Er stellt sich zuverlässig jedes Jahr ein – dieser Moment zwischen den Jahren. Er ist eine Einladung: Zum Ausfransen, zum Nachdenken, zum Aufräumen, zum Archivieren, zum Lesen, zum Fantasieren, zum Pföteln mit der Katze, zum Lachen mit den Freundinnen, zum stundenlang auf dem Sofa liegen und Löcher in die Luft gucken, zum Grimassen schneiden und dabei staunen, wie viele Muskeln ein Gesicht hat. 

Der Moment fühlt sich wie eine Ewigkeit an, obwohl er nur fünf Tage zählt, von Weihnachten bis Silvester.

Zeit genug, um in Fotoalben zu blättern, Stunden auf dem Estrich zu verbringen, den Geruch von Vergangenheit in der staubtrockenen Nase, den Küchenschrank zu entrümpeln und ihn dann im Viertelstundenrhythmus zu öffnen, weil die neue Übersichtlichkeit so schön anzusehen ist, dem Rotkehlchen zuzuschauen, das auf dem Apfelbaum vor dem Haus von bluttem Ast zu bluttem Ast hüpft, sich vorzustellen, wie es wohl wäre, als Schneeflocke auf dem Boden zu landen, fühlte es sich hart an oder weich?

Sich zu langweilen. Nie wird man dafür in den nächsten 365 Tagen mehr Zeit haben als in diesem Moment zwischen den Jahren. (baz)

Heinz Zürcher
Redaktor

Wer sieht es zuerst?

Es gab Zeiten, da wollte ich nach Weihnachten so früh wie möglich auf die Skipiste. Rauf und runter den ganzen Tag. So ging es viele Jahre, bis ich nach und nach ein wenig die Freude verlor.  Mal langweilte mich der Sport, mal ärgerten mich Pistenrowdys, mal fehlte der Schnee, mal die Nötchen im Portemonnaie.

Dann lernte ich meine Freundin kennen – und ihre Liebe für Italien, die auch im Winter nicht pausiert. Irgendwann schlug sie vor, über Silvester eine Woche in einem italienischen Küstenörtchen zu verbringen. 

Ich sagte zu, war aber noch skeptisch, als wir am 26. Dezember frühmorgens auf dem Zürcher HB dem Perron entlanggingen. Italien im Winter? Trifft man da auf Menschen? Und falls ja: Wie gut sind sie wohl drauf, wenn sich die Sonne – wenn überhaupt – nur bis am späteren Nachmittag zeigt, der Sommer so fern?  

Wir fuhren los durch die weiss-braun-graue Winterlandschaft, und mit jedem Kilometer, den es Richtung Süden ging, entfernten sich meine Gedanken von To-do-Listen und Rechnungseingängen und machten Platz für Bilder von Strandspaziergängen und Primi Piatti. Ich träumte vermutlich von einer Carbonara, als ich auf einmal zusammenzuckte:  «Ich sehe es!», rief meine Freundin. Das Meer, es war in Sicht. Wenig später erreichten wir unser Ziel. Wie ich schon bald erfahren sollte, ein typisch italienisches Ferienörtchen, das über die Festtage einen ganz besonderen Charme versprüht. 

Tagsüber war es teils so warm, dass wir im T-Shirt im Strandcafé sitzen konnten, neben uns das Geschnatter und Lachen der vorwiegend italienischen Touristen, vor uns Grossväter, die gut eingepackt mit ihren Enkelinnen Sandburgen bauten, während die Eltern den nächsten «Spritz» bestellten. Abends volle Gassen, dekoriert mit «Bling-Bling» und Kitsch, die Restaurants gefüllt mit Familien und Pärchen, die zusammen die Tage über Neujahr verbringen. Vor allem aber: das Meer, das ich so liebe. Die Weite, die Farben, der Klang der Wellen. Am Neujahrstag sprangen wir hinein.

Seither muss mir meine Freundin meine Skepsis nicht mehr nehmen, wenn wir nach Weihnachten den Zug besteigen und mit jeder Minute dem Meer etwas näherkommen. Dann steigt die Vorfreude – und die Spannung: Wer sieht es diesmal zuerst? (hz)

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