Causa Locher

Was bisher geschah

Am Mittwochnachmittag informiert die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz (EKS) über die Anschuldigungen gegen den ehemaligen Präsidenten Gottfried Locher wegen mutmasslicher Grenzverletzungen. Die Ereignisse hatten die Kirche im vergangenen Jahr kräftig durchgerüttelt. Ein Rückblick.

Im Präsidium bestätigt: Gottfried Locher erhält bei den Erneuerungswahlen 2018 zwar nicht jede Stimme, er wird aber doch klar wiedergewählt. (Bild: Keystone / Ennio Leanza)
November 2019
Erste Kontaktaufnahme

Eine ehemalige Mitarbeiterin des Kirchenbundes – heute Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz (EKS) – meldet sich bei der Vizepräsidentin des Rates, Esther Gaillard. Der Inhalt dieses Gespräches ist nicht bekannt. Anzunehmen ist jedoch, dass die Frau von mutmasslichen Grenzverletzungen durch Ratspräsident Gottfried Locher berichtet. Dies weil Gaillard daraufhin Ratsmitglied Sabine Brändlin beizieht, die in der EKS für dieses Thema zuständig ist.

Januar 2020
Die Abklärungen beginnen

Im Januar 2020 findet ein erstes Gespräch zwischen Sabine Brändlin und der ehemaligen Mitarbeiterin statt. Weitere Gespräche, auch im Beisein der Anwältin der Frau, folgen.

Januar bis März 2020
Der Krisenstab wird aktiv

Esther Gaillard und Sabine Brändlin ziehen zwei externe Anwälte und eine PR-Agentur bei. Der Krisenstab beschliesst unter anderem, den Gesamtrat nicht über die Geschehnisse zu informieren. Dies auch, weil die ehemalige Mitarbeiterin noch nicht entschieden hat, wie sie verfahren möchte.

Januar bis März 2020
Die Beziehung

Sabine Brändlin teilt den Mitgliedern des Krisenstabs mit, dass sie selbst in der Vergangenheit eine Beziehung mit Locher hatte. Sämtliche Beteiligten verneinen indes eine Befangenheit Brändlins, wie später die GPK schreiben wird.

27. März 2020
Eingang der Beschwerde

Die ehemalige Mitarbeiterin entscheidet sich dazu, eine formelle Beschwerde bei der EKS einzureichen. Diese geht bei Esther Gaillard ein. Am 9. April beantragt die Vizepräsidentin eine ausserordentliche Ratssitzung.

13. April 2020
Information des Gesamtrates

Am Ostermontag trifft sich der Rat zur vereinbarten Sitzung, die wegen Corona online stattfindet. Bei dieser Gelegenheit wird der Rat über die Beschwerde informiert, Gottfried Locher tritt in den Ausstand. Ihm wird das rechtliche Gehör bis 17. April gewährt. Brändlin und Gaillard werden rückwirkend für die Bearbeitung des Geschäfts mandatiert, die bisherigen Massnahmen genehmigt. Zudem beschliesst der Rat einen Richtungsentscheid für eine externe Untersuchung sowie eine provisorische Suspendierung des Präsidenten. Letzteres wird aber nicht in die Tat umgesetzt.

17. April 2020
Brändlin tritt in den Ausstand

In einer weiteren Ratssitzung stellt Sabine Brändlin die Frage nach ihrer eventuellen Befangenheit aufgrund ihrer Beziehung zu Gottfried Locher. Die Befangenheit wird festgestellt. Ab diesem Zeitpunkt befindet sich auch Brändlin im Ausstand.

Divergenzen

Am 24. April 2020 gibt Sabine Brändlin in einer Medienmitteilung ihren Rücktritt bekannt. Von den Ereignissen unmittelbar davor gibt es aber unterschiedliche Versionen. Wie später bekannt wird, betreffen die Divergenzen vor allem die Gründe für den Rücktritt sowie dessen Kommunikation (siehe auch Artikel vom 20. Juni). Demnach war für Brändlin die Suspendierung des Präsidenten sowie die Information der Öffentlichkeit zwingend.

Anfang Mai 2020
Die GPK

Im weiteren Verlauf werden das Synodebüro sowie die GPK informiert. Letztere beschliesst die formelle Prüfung des Rücktrittes von Sabine Brändlin. Mehrere Anhörungen finden statt. Später wird der Bericht der GPK in einigen wesentlichen Punkten von der Darstellung des Rates abweichen. So ist dort von einem «zerbrochenen Vertrauensverhältnis im Vizepräsidium», von «einem tiefen Graben zwischen verschiedenen Ratsmitgliedern betreffend Vorgehen und Behandlung der Beschwerde» und von einem «belasteten Zusammenwirken zwischen Rat und Geschäftsstelle» zu lesen. Der Rat wird dem Bericht in diesen Punkten an der Synode vom 15. Juni vehement widersprechen.

26. Mai 2020
Auftrag an Rudin Cantieni

Der Rat will die Vorkommnisse extern untersuchen lassen und erteilt einen entsprechenden Auftrag an die Anwaltskanzlei Rudin Cantieni.

Gottfried Locher tritt zurück

Der Präsident demissioniert. Seine Handlungsfähigkeit sei zuletzt wegen eines laufenden Geschäfts (gemeint ist die Beschwerde, Anm. d. Red.) eingeschränkt gewesen, teilt die EKS in diesem Zusammenhang mit. Später wird bekannt, dass Locher eine Abfindung erhalten hat. Über deren Höhe wurde Stillschweigen vereinbart.

Weitere Vorwürfe

Der «Tages-Anzeiger» berichtet online von sieben Frauen, die sich an verschiedene Kirchenfunktionäre gewandt und ihnen von mutmasslichen Grenzverletzungen berichtet haben sollen. Es ist das erste Mal, dass die Rücktritte aus dem Rat der EKS öffentlich mit diesem Thema in Verbindung gebracht werden. Von der Beschwerde gegen Gottfried Locher ist zu diesem Zeitpunkt noch nichts bekannt.

Synode schafft Klarheit

An der Sommersynode der EKS kommt endlich etwas Licht ins Dunkel: So informiert der Rat einerseits über die frühere Beziehung zwischen Sabine Brändlin und Gottfried Locher, andererseits über die vorliegende Beschwerde der ehemaligen Mitarbeiterin. Die Vorwürfe müssen massiv sein: «Bis kurz vor Einreichung der Beschwerde war nicht klar, ob auch eine Strafklage eingereicht würde», hält der Rat fest. Zudem entscheidet die Synode, dass eine nicht-ständige Kommission die Vorfälle untersuchen soll; die Anwaltskanzlei Rudin Cantieni untersteht dieser Kommission und soll ihr Bericht erstatten.

Untersuchungskommission steht

Die EKS beginnt im Herbst 2020, die Krise aufzuarbeiten. An der Synode Mitte September werden die Mitglieder einer nicht-ständigen Kommission bestimmt, die mit der Untersuchung der Ereignisse beauftragt wird. Präsidiert wird das Gremium von der Waadtländer Synodalratspräsidentin Marie-Claude Ischer, Vizepräsident ist Roland Stach (Reformierte Kirchen Bern-Jura-Solothurn).

Die Meldestelle

Gibt es noch mehr Anschuldigungen gegen Gottfried Locher? Das will die EKS wissen. Sie schafft eine Meldestelle, bei der auch anonym Nachrichten eingehen können. Betroffene können entweder den EKS-Ombudsmann oder eine Anwältin kontaktieren.

Neue Präsidentin

Rita Famos heisst die Nachfolgerin von Gottfried Locher. Sie wird an der virtuellen Synode vom 2. November mit 47 von 78 Stimmen zur neuen Präsidentin gewählt und führt die EKS für die restliche Amtszeit bis Ende 2022.

Angelegenheit vertagt

Weiter wird an der virtuellen November-Synode unter anderem die Fusion der Hilfswerke Heks und Brot für alle beschlossen. Offen bleiben dagegen die Rechnung 2019 und die zweite Lesung für die neue Geschäftsordnung. Gottfried Locher, der zur Synode eingeladen worden ist, bleibt der Veranstaltung fern. Die Verabschiedung von Sabine Brändlin muss aus zeitlichen Gründen vertagt werden.

Aufarbeitung dauert länger

Der Untersuchungsbericht zur Aufarbeitung der Affäre Locher verzögert sich. Die Analyse der Vorkommnisse sei komplex, auch aufgrund der Corona-Pandemie verzögere sich das Papier, teilt die EKS mit.

Klarheit schaffen

In einem ausführlichen Interview nimmt Synodepräsidentin Evelyn Borer Stellung zur Frage, warum die Aufarbeitung der Affäre Locher mehr Zeit braucht und wie es um die bisherigen Arbeiten steht.

Abschluss absehbar

Die EKS hält ihre Sommersynode ab. Die neue Geschäftsordnung wird gutgeheissen, sie tritt auf den 1. Oktober 2021 in Kraft. Zudem wird die Rechnung 2019 abgenommen. Die Abnahme der Rechnung 2020 dagegen wird auf die ausserordentliche Synode vom September 2021 verschoben. Sie enthält eine Rückstellung in der Höhe von 145’000 Franken. Dabei geht es um eine Forderung im Zusammenhang mit der Grenzverletzung-Untersuchung.

Vorwürfe bestätigt

Erstmals räumt die EKS ein, dass die Anschuldigungen gegen Locher zutreffen. Die Untersuchung habe ergeben, dass die Vorwürfe glaubhaft seien. Die EKS kritisiert, Locher habe sich darüber hinaus unprofessionell verhalten, weil er während der Untersuchung jegliche Zusammenarbeit verweigert hatte.

Die Aufarbeitung der Ereignisse ist nicht abschliessend. Bei neuen Entwicklungen ergänzt die Redaktion diese Chronologie.