Von Kreuzen und Kleidern

Was hat der Scaletta-Mantel eines reformierten Bündner Pfarrers mit dem Petruskreuz auf dem T-Shirt einer Black-Metal-Band gemeinsam? Anna-Katharina Höpflinger erforscht die Vielschichtigkeit von Kleidung und Religion.

Anna-Katharina Höpflinger
Anna-Katharina Höpflinger. (Bild Universität Zürich)

Auf der Tramfahrt zum Interview sitzt mir ein dunkelhäutiger Mann in schwarzen Skinnyjeans gegenüber. Während er in sein Smartphone spricht, blitzen an seinen Fingern Ringe mit christlichen Kreuzen auf. Auch ihr, sagt die 38-jährige Religionswissenschaftlerin Anna-Katharina Höpflinger, fallen die vielen Kreuze auf, die heute getragen werden. Und ihre Vieldeutigkeit: Einerseits sind sie religiöse Zeichen, anderseits Modeaccessoires, die auch von Popstars wie Lady Gaga getragen werden. Die Interpretation solcher Zeichen, sagt die Forscherin, sei stark kontextbezogen: «Erst der Zusammenhang macht Kleider religiös.»

Anna-Katharina Höpflinger untersucht am Zentrum für Religion, Wirtschaft und Politik (ZRWP), an dem die Universität Zürich beteiligt ist, Kleidung und Religion als zwei unabhängige, aber miteinander interagierende Kommunikationssysteme. Kleidung ist für sie nicht nur etwas Textiles: «Man kann sie durchaus mit einer Sprache vergleichen, die ihre eigenen Regeln und Anwendungsbereiche hat», sagt sie. Zum Vorstellungsgespräch für einen Bankjob, zum Beispiel, gehe niemand in zerschlissenen Jeans.

Religion, so die Forscherin, könne man ebenfalls als eine Art von Kommunikation untersuchen, denn auch Religionen vermitteln Botschaften anhand von Symbolen, Texten und Handlungen. Diese Botschaften erschliessen sich oft nicht auf den ersten Blick – ihre Interpretation muss erlernt werden. «Dabei ergeben sich verschiedene Deutungsmöglichkeiten, wie das Beispiel mit den Fingerringen zeigt.» Anna-Katharina Höpflinger interessieren vor allem zwei Blickrichtungen: einerseits die Frage, wie Religion das Medium Kleidung benutzt, und anderseits, wie die Mode religiöse Elemente aufnimmt und inszeniert.

Wie Zorros Umhang

Als Beispiel dafür, wie Religion mit Kleidung umgeht, untersucht die Forscherin den Scaletta-Mantel, einen reformierten Talar, der nur noch in Graubünden getragen wird. Das Kleidungsstück verbindet sie selbst mit Kindheitserinnerungen. «Daheim im Bündnerland hing immer so ein Mantel im Schrank», sagt Höpflinger, die aus einer Pfarrerdynastie stammt.

Die Funktion des Scaletta-Mantels hat sich im Lauf der Zeit verändert. Im 17. und 18. Jahrhundert ist er ein gängiger Männerumhang gewesen. Im 19. Jahrhundert hat er sich zum Amtsgewand gewandelt und, in der schwarzen Variante, zum Beerdigungstalar.

Heute wird er von Bündner Pfarrerinnen und Pfarrern zum Gottesdienst getragen. «Interessant ist, wie mit diesem Mantel, der ein bisschen aussieht wie der Umhang von Zorro, religiöse Identität und gleichzeitig geografische Zugehörigkeit konstruiert wird», sagt die Forscherin. Identität und Zugehörigkeit zu einer religiösen Gemeinschaft, einem Land, einer spezifischen Art von Islam verschafft auch das – in Anna-Katharina Höpflingers Augen medial überstrapazierte – Kopftuch.

Doch Kopftuch sei nicht gleich Kopftuch: «Es gibt auch Kopftuchmoden.» Auch hier bringt die Forscherin ihren historischen Blick ins Spiel. Und rückt verzerrte Wahrnehmungen zurecht. In der heutigen Kopftuchdebatte gehe oft vergessen, dass die Verhüllung der Frau bis in die Antike zurückreiche und auch im Christentum lange Tradition gewesen sei.

Das Kopftuch gehört auch zu uns

Ältere Frauen in gewissen ländlichen Regionen der Schweiz hätten das Kopftuch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein getragen: «Das Kopftuch ist auch Teil unserer eigenen Kultur», sagt die Religionswissenschaftlerin. Wie weit die religiösen Kleidervorschriften für Frauen im Westeuropa des 16. Jahrhunderts gingen, illustriert Höpflinger mit einem Holzschnitt des Schweizer Künstlers Jost Ammann. Er zeigt eine Edelfrau aus Meissen in Trauerkleidung. Ihr Körper ist bis auf einen Sehschlitz Burka-ähnlichverhüllt.

Als Gegenbild zu dieser «ehrbaren europäischen Frau» schuf derselbe Künstler im gleichen Jahr, 1586, einen Holzschnitt mit dem Titel «Ein Türckische Hur». Die Dargestellte trägt wildes offenes Haar, ihr Decolleté ist tief ausgeschnitten, der Rock bis weit hinauf geschlitzt. Islamophobie, sagt die Forscherin, habe im Christentum eine lange Tradition: «Man konstruiert den Islam als das Andere, um das idealisierte Eigene abzugrenzen. Diese Mechanismen interessieren mich.»

Clooney im Himmel

Doch was ist eigentlich heute das Eigene? Ist es jene Form von Religion, wie sie in einem aktuellen Werbespot daherkommt? Darin wird Hollywoodstar George Clooney beim Kauf von Kaffeekapseln von einem Piano erschlagen. Vor dem Himmelstor gibt ihm Gott eine zweite Chance: Wenn er ihm die Kapseln überlässt, darf er zurück ins Leben. «Spannend», findet Anna-Katharina Höpflinger, dass Religion in diesem Spot aufgenommen werde und durch die Art, wie der Himmel dargestellt sei, auch neues Wissen entstehe.

Man stelle sich den Himmel vor, wie ihn Clooney erlebt: Gott im massgeschneiderten weissen Anzug, die Engel als lächelnde Topmodels. «Moderne Massenmedien», sagt die Forscherin, «beeinflussen nicht nur die Art, wie wir uns anziehen, sondern auch, was wir unter Religion verstehen und wie wir uns religiösen Traditionen und religiöser Kleidung gegenüber positionieren.»

Quasi als eine Gegenbewegung zu dieser globalisierten, konsumistischen Form von Religionsdarstellung sieht die Forscherin Black Metal, eine extreme Subkultur der Heavy-Metal-Szene. Die von morbid-provokativer Symbolik geprägte Kleidung repräsentiere die Weltsicht ihrer Anhänger. Auffallend sei, wie stark Black-Metal-Anhänger religiöse Symbole aufnähmen – und diese uminterpretieren.

Das christliche Petruskreuz etwa wird kurzerhand als Repräsentation einer antireligiösen Einstellung umgedeutet. Anna-Katharina Höpflinger: «Wie das Kreuz als Modeschmuck ist auch dies ein Beispiel dafür, wie Kleidung religiöse Zeichen zitiert, ohne selbst eine religiöse Funktion einzunehmen.»

Was fällt ihrem Forscherinnenblick auf, wenn sie durch unsere Strassen flaniert? Dass ihr, antwortet sie lächelnd, gemessen am medialen Hype nur wenige Frauen mit Kopftuch begegneten. Erstaunlich findet sie indes, wie uniformiert besonders junge Leute heute angezogen seien. Unsere Bekleidungsvorstellungen, erläutert sie, seien noch immer stark von christlicher Moral geprägt. Und diese wird heute unter anderem von Hollywoodfilmen transportiert.

Neben den vielen Kreuzen in unterschiedlichsten Formen fallen ihr auch die aufwendigen Auslagen der Brautkleidläden auf. Man feiere Hochzeiten wieder vermehrt religiös, stellt sie fest. Und auch hier übten etwa Kinofilme einen starken Einfluss aus: Dort schreitet die Braut unter feierlichen Klängen am Arm ihres Vaters zum Altar – im weissen Brautkleid, der Farbe der Jungfräulichkeit in unserer Kultur.

Brautkleider und Fantasykostüme

Die Forscherin selber trägt an diesem Nachmittag Jeans und T-Shirt, beide in Schwarz, dazu ein orangefarbenes Jäckchen. Einfach und praktisch müssten ihre Kleider sei, sagt die Postdoktorandin und Mutter von zwei kleinen Kindern. Blassorange Nägel und eine dezent grünliche Mèche im Haar deuten indes an, dass sie einen nicht ganz so konformen Zugang zu Kleidung und Körper pflegt, wie es auf den ersten Blick scheint.

Sie nähe tatsächlich selber Kleider, verrät sie. Keine Alltagskleider allerdings, das wäre ihr zu langweilig, sondern Hochzeitskleider für Kolleginnen. Und komplizierte Fantasykostüme bis hin zu Outfits für Orks, die humanoiden Gestalten aus Tolkiens «Herr der Ringe».

Je länger das Gespräch dauert, desto klarer zeigt sich: Die junge Religionswissenschaftlerin ist fasziniert von der Fülle und Vielschichtigkeit ihres Stoffs. Sie betrachtet ihn nicht nur als theoretischen Forschungsgegenstand, sondern experimentiert damit auch in ihrem Privatleben. Einmal, erzählt sie schmunzelnd, habe sie einen Toleranztest gemacht: Sie wollte sehen, was passiert, wenn sie in einem Reifrock in ein Tram steige – einer so genannten Tournüre, bei der das Gesäss mittels meterlangen Stahlbändern aufgebauscht wird, was entsprechend viel Platz beansprucht. Es habe nicht funktioniert, berichtet sie: «Man wird blöd angeschaut, und ich kam auch gar nicht richtig durch die Tramtüren.»

Als Forscherin plädiert Anna-Katharina Höpflinger dafür, das Thema Religion und Kleidung stärker auszuloten. Dabei gehe es um mehr als Textilien – nämlich um Identität, Regulierung, Macht, Legitimation: «Kleider haben auch viel mit Körper- und Gendervorstellungen zu tun.» Zum Beispiel mit der Frage, wem der eigene Körper gehöre und wer Menschen vorschreibe, was sie damit tun dürfen.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Magazin 2/14, der Zeitschrift der Universität Zürich.