Wahlen in den USA

«Vielleicht ist das jetzt die letzte Chance»

Die USA stehen vor entscheidenden Wahlen. Der Meinungsforscher Robert P. Jones warnt vor einem Abgleiten in den Faschismus und erklärt, welche Rolle die Religion dabei spielt.
Die Midterm-Wahlen haben in den USA bereits vor dem 3. November begonnen: Einige Wählende aus New York und New Jersey gaben ihre Stimme bereits Ende Oktober ab. (Bild: John Angelillo/ Keystone)

Herr Jones, die Zustimmungswerte für Donald Trump sind kurz vor den Midterms auf einen Tiefststand gefallen, sie liegen bei nur noch 32 Prozent. Wie stark stehen die weissen Evangelikalen noch hinter ihm? 
Aussergewöhnlich stark: Nach unserer Umfrage sehen ihn 67 Prozent der Befragten positiv, fast doppelt so viele wie in der Gesamtbevölkerung. Bei allen drei Präsidentschaftswahlen erzielte Trump in dieser Gruppe hohe Werte, ganz unabhängig davon, welche Skandale er sich auch leisten mochte. Interessant sieht es bei anderen christlichen Gruppen aus.

Bei welchen?
Bei den weissen nicht evangelikalen Protestanten, etwa Episkopalen, Presbyterianern und Methodisten. Und bei den weissen Katholiken. Beide Gruppen unterstützten Trump bei seinen Kandidaturen mehrheitlich. Doch ihre Bindung an ihn und an die republikanische Partei insgesamt ist deutlich weniger fest.

Zur Person

Der Religionswissenschaftler Robert P. Jones gründete 2009 das Meinungsforschungsins
titut Public Religion Research Institute und forscht an der Schnittstelle von Religion, Kultur und Politik. Mehrfach hat er zum christlichen Nationalismus publiziert, zuletzt «Backslide: Reclaiming a Faith and a Nation After  the Christian Turn Against Democracy». Jones ist gefragter Experte in Medien wie der «New York Times» und CNN.

Welche Rolle spielen sie in den Midterms?
Für die Midterms sind diese Wählergruppen wichtig, denn in jenen Bundesstaaten, in denen ein knappes Rennen erwartet wird, sind die nicht evangelikalen Wähler mindestens so stark vertreten wie die evangelikalen. Zwar gibt es Ausnahmen, etwa North Carolina. Doch in Michigan und Pennsylvania leben viele weisse Nicht-Evangelikale und weisse Katholiken. In unseren jüngsten Umfragen haben die Republikaner zwar weiterhin einen Vorsprung, er beträgt aber weniger als zehn statt knapp zwanzig Prozentpunkte wie bei der Wahl 2024.

Wo stehen die Katholiken mit lateinamerikanischer Herkunft?
Katholiken wählen traditionell je nach der Herkunft unterschiedlich. Rund 60 Prozent der weissen Katholiken wählten republikanisch, während etwa 70 Prozent der Katholiken mit lateinamerikanischem Hintergrund die Demokraten unterstützten. Deshalb ist das Rennen um den Senatssitz in Texas ja so spannend: Dort gibt es dreimal so viele Katholiken, die aus Lateinamerika stammen, wie weisse Katholiken. Auch viele Protestanten lateinamerikanischer Herkunft haben sich in Texas spürbar von Trump entfernt.

Auch der Demokrat James Talarico beruft sich im Senatswahlkampf in Texas offensiv auf seinen christlichen Glauben und das Evangelium. Wen will er damit erreichen? Und kann das funktionieren?
Ja. Texas ist religiös vielfältiger, als man landläufig denkt. Nur 13 Prozent der Bevölkerung sind weisse Evangelikale. Daneben gibt es viele weisse nicht evangelikale Protestanten und eine grosse katholische Latino-Bevölkerung, die traditionell demokratisch wählt. Auch die Latino-Protestanten haben sich deutlich von Trump entfernt. Bei ihnen dürfte Talarico auf Resonanz stossen. Hinzu kommt, dass sein republikanischer Gegner Ken Paxton wegen Korruptionsvorwürfen selbst in der eigenen Partei umstritten ist.

Trump hat sich zu Jahresbeginn auf beispiellose Weise mit dem Papst angelegt. Spielt das für die katholische Wählerschaft noch eine Rolle?
Ich denke schon, vor allem wegen der Kritik des Papstes am ohnehin unpopulären Irankrieg. Seine klaren Aussagen wie auch jene einiger Bischöfe fanden grosse Beachtung. Ob viele Amerikaner wissen, dass der Papst Behauptungen von Vizepräsident J. D. Vance zur Glaubenslehre widersprochen hat, weiss ich nicht. Tatsache ist aber, dass viele amerikanische Katholiken sich mit dem Papst stärker verbunden fühlen, allein weil er Amerikaner ist.

In Ihrem neusten Buch «Backslide» beschreiben Sie, wie weisse Evangelikale vor Trumps erster Wahl moralische Bedenken hatten. Heute halten sie ihm trotz aller Skandale die Treue. Wie kommt das?
Es geht um Macht. Die weissen evangelikalen Protestanten sind in den vergangenen Jahrzehnten zahlenmässig stark geschrumpft. Noch vor 25 Jahren machten sie etwa ein Viertel der Bevölkerung aus, heute lediglich 13 Prozent. Zugleich sahen sie sich schon immer als von Gott auserwählt, das Land zu regieren. Trump hat mit ihnen einen faustischen Pakt geschlossen: «Ihr unterstützt mich, ich bringe euch an die Macht.» Der Preis dafür ist, dass sie die politische Ethik hinter sich lassen. Als die Evangelikalen George W. Bush wählten, verstanden sie sich noch als «Wertewähler». «iVoteValues» («Ich wähle Werte») war eine grosse Kampagne damals. Heute sagt das fast niemand mehr.

Sie sind selbst in evangelikalen Kreisen aufgewachsen und haben auch an einem Seminar der Southern Baptists studiert. Hilft Ihnen Ihre Herkunft, die Bewegung besser zu verstehen?
Ich kenne die Innen- und die Aussenperspektive. In meiner Arbeit als Meinungsforscher analysiere ich sie wissenschaftlich. Zugleich weiss ich intuitiv, was im Büro von Trump geschah, als ihm evangelikale Pastoren die Hände auflegten.

Hat Ihre Arbeit Auswirkungen auf Ihre familiären Verbindungen oder Freundschaften?
Viele meiner Verwandten leben in tiefroten Bundesstaaten. Da gibt es Spannungen innerhalb der Familie und im Freundeskreis. Deswegen habe ich einige Freundschaften verloren. Doch solche Brüche erleben fast alle Amerikaner. Inzwischen geht es nicht mehr darum, ob man die Republikaner oder die Demokraten wählt, sondern ob man Trump und seine Maga-Bewegung unterstützt. Dort verläuft der Graben.

In «Backslide» schreiben Sie: «2025 ist unser 1933» und beziehen sich auf Martin Niemöller und Dietrich Bonhoeffer, die sich dem Nationalsozialismus entgegenstellten. Sehen wir in den USA nicht vielmehr Autoritarismus als Faschismus?
Darüber habe ich lange nachgedacht. Mit Hitler-Vergleichen muss man sehr vorsichtig sein. Kein Moment in der Geschichte gleicht einem anderen komplett. Aber ich habe mir Trumps Sprache genau angeschaut. Er macht Menschen zu Sündenböcken, spricht von «Ungeziefer». Das ist die entmenschlichende Sprache des Faschismus. Trump will keine Nationalsozialistische Partei aufbauen, aber faktisch errichtet er auf US-Boden Internierungslager für Migranten. Ich halte es deshalb für unverantwortlich, nicht vor dieser Entwicklung zu warnen.

Die Zeit des Brückenbauens sei vorbei, schreiben Sie im Buch. Nun brauche es deutlichen Widerstand. Wie müsste dieser aussehen?
Gerade unter weissen Christen gilt, dass unter einem Zeltdach alle Platz haben sollen und niemand kritisiert werden dürfe. Doch Martin Luther King und die Bekennende Kirche in Deutschland haben gezeigt, dass es Grenzen gibt. All jenen Leuten, welche die grundlegenden christlichen Werte missachten, gilt es klar und deutlich zu widersprechen.

Wie blicken Sie persönlich auf den Ausgang der Midterms?
Ich glaube, wir haben noch Handlungsfreiheit und können einen anderen Weg einschlagen. Die Midterms könnten eine letzte Chance sein, das Ruder noch herumzureissen. Aber wenn Trump und die Republikaner mit ihrem Maga-Profil nach den Wahlen beide Kammern weiterhin dominieren, dann wird es schnell sehr düster in den USA.

Falls die Demokraten gewinnen: Für wie gross halten Sie die Gefahr, dass Trump das Ergebnis der Midterms nicht anerkennt?
Für sehr gross. Einige Regierungsvertreter haben sich bereits entsprechend geäussert. Sie könnten den Wahlprozess an verschiedenen Stellen beeinflussen, wenn es für die Republikaner eng wird. Für mich sind die Wahlen erst am 3. Januar vorbei, wenn der neue Kongress vereidigt wird. 

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