«Brauche ich das wirklich?»

Die Uno hat neue Ziele für eine nachhaltige Entwicklung beschlossen, die Agenda 2030. Sie ersetzt die bisherigen Millenniumsziele. Miges Baumann, Leiter Entwicklungspolitik bei «Brot für alle», erklärt, was das für die Welt und die Schweiz bedeutet.

Erfreut, dass durch die Agenda 2030 auch die Industrieländer vermehrt in die Pflicht genommen werden: Miges Baumann von Brot für alle. (Bild: zVg/«Brot für alle»)

Herr Baumann, die Agenda 2030 ersetzt die seit 2000 geltenden Millenniumsziele. Ein Grund zur Freude für Sie?

Ja, das ist eine positive Entwicklung. In der Agenda 2030 stehen nicht mehr nur die Länder des Südens im Fokus wie bei den Millenniumszielen. Neu werden auch die Industrieländer mit ihrem Entwicklungspfad, ihrem Konsumverhalten und dem Ressourcenverbrauch in die Verantwortung genommen.

 

Die Agenda 2030 will unter anderem bis 2030 Hunger und Armut beenden, den Zugang zu Wasser, Bildung und Gesundheitsdiensten für alle sichern und nachhaltigen Konsum und Produktion fördern. Sind das realistische Ziele?

Die Ziele spiegeln das wider, was wirklich notwendig ist. Einige sind für das Überleben des «Raumschiffs Erde» sogar lebensnotwenig. Ob sie eingehalten und umgesetzt werden, ist eine andere Frage. Jedes Land ist gefordert. Auch wir in der Schweiz können nicht mehr sagen, das gehe uns nichts an. Auch wir werden in die Pflicht genommen und tragen Verantwortung.

 

Nochmals: Ist denn die Beseitigung von Armut und Hunger wirklich machbar?

Ja, wenn der politische Wille da ist, ist das machbar. Es bedingt, dass die vorhandenen Güter und der Reichtum gerechter verteilt werden. Wir müssen aber vor allem zu einer anderen Denkweise kommen. Wir können nicht mehr so weiterkonsumieren wie bisher und die Ressourcen der Erde verschleudern. Firmen müssen sich etwa die Frage stellen: Welchen Nutzen für die Gesellschaft hat mein Tun? Der beste Aktionärsgewinn ist dabei nicht das oberste Ziel. Wir müssen also genügsamer werden und jede Person muss sich fragen: Brauche ich das wirklich?

 

Wie ist die Schweiz durch die Agenda 2030 herausgefordert?

Wir müssen unseren Konsum und die Folgen unseres Handelns in der Schweiz global betrachten. Auch die Politik ist gefordert: Unsere Innen-, Aussen- und Wirtschaftpolitik muss kohärenter und damit nachhaltiger werden. Grosse Unternehmen zum Beispiel Rohstoffhändler – müssen auch für das, was ihr Tun im Ausland bewirkt, Verantwortung tragen. Nicht nur ökologisch, sondern auch sozial und in Bezug auf die Menschenrechte.

 

Entwicklungsorganisationen wie «Brot für alle» kämpfen dafür, dass die Agrarpolitik verstärkt auf die Bedürfnisse der Kleinbauern ausgerichtet wird. Bringt da die neue Agenda Verbesserungen?

Ich hoffe es. Landgrabbing, also die illegitime Aneignung von Land, wird in der Agenda zwar nirgends explizit abgelehnt. Doch die bisher geltenden Millenniumsziele geben uns die Legitimation, für den notwendigen Kurswechsel in der Landwirtschaft einzustehen.

 

Die Agenda 2030 gibt also kein Gegensteuer gegen global tätige Unternehmen und private Investoren aus Industrie- und Schwellenländern, die in Ländern des Südens immer mehr grosse Agrarflächen aufkaufen und damit Kleinbauern die Ernährungsgrundlage entziehen?   

Nur indirekt. Die Agenda 2030 ist ein Rahmen und gründet auf der Nachhaltigkeit. Landraub, industrielles Agrobusiness mit grossem Chemie- und Energieeinsatz ist nicht nachhaltig.

 

Kann die wachsende Weltbevölkerung mit einer ökologischen und kleinbäuerlichen Landwirtschaft ernährt werden?

Ja, das kann sie. Die industrielle Landbewirtschaftung will ja nicht Nahrungsmittel, sondern Rohstoffe produzieren. Diese Rohstoffe können für x-beliebige Sachen verwendet werden: für Plastik, Maschinenteile, Treibstoffe, Futtermittel und zu einem kleinen Teil – auch als Nahrungsmittel. Die ökologische und bäuerliche Landwirtschaft hingegen produziert in erster Linie Nahrungsmittel für Menschen.

 

Stichwort: Agenda 2030

Ende September 2015 hat die Uno-Vollversammlung in New York die Agenda 2030 einstimmig verabschiedet: Die 17 Ziele für eine nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals) und 169 Unterziele ersetzen die bisherigen Millenniums-Entwicklungsziele (Millennium Development Goals) der Vereinten Nationen. Statt den Fokus ausschliesslich auf Armutsbekämpfung zu richten, stehen bei der neuen Agenda die drei Dimensionen der Nachhaltigkeit im Zentrum: Ökologie, Wirtschaft, Soziales. Rechtlich verbindlich ist die Agenda 2030 für die Unterzeichnenden nicht. Doch nimmt sie als globales Rahmenwerk alle Länder in die Pflicht, die Wirtschaft zu einem nachhaltigen Umgang mit natürlichen Ressourcen umzubauen und gerechtere gesellschaftliche Verhältnisse zu schaffen.

Website «Agenda 2030»

 

 

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».
Stefan Schneiter/reformiert.info