Fotoausstellung
Der Tod ist lila
Einmal setzt Anja Niederhauser ihre Totenmaske auf und fragt eine Teilnehmerin des Fotoprojekts: «Was würdest du dir wünschen, wenn ich der Tod wäre?» Die Frau antwortet: «Bitte umarme mich, wenn es soweit ist. Ich will keine Angst vor dir haben müssen.»
Der Tod macht vielen Angst. Wie wäre es, sich dieser Angst zu stellen?
Das fragt die Künstlerin, Theologin und Trauerexpertin Anja Niederhauser in ihrem Fotoprojekt «Bülacher Totentanz», das von der Reformierten Kirche Bülach angestossen wurde. Wie wäre es, den eigenen Tod einmal an sich ranzulassen, ihn ganz nah zu spüren, sich sogar mit ihm porträtieren zu lassen?
Fünfzehn Frauen und drei Männer nehmen an diesem Experiment teil. Jede und jeder trifft sich mit Niederhauser zu einem eineinhalbstündigen Gespräch. Danach lassen sie sich fotografieren: mit einer Totenmaske oder einem Gegenstand, der zu ihnen passt.
Sara Möckli aus Bachenbülach hat die Totenmaske gewählt. Die 45-Jährige hat sich dieses Jahr vorgenommen, häufiger ihre Komfortzone zu verlassen. In diesem Fall gleich doppelt: Erstens lässt sie sich nicht gerne fotografieren, zweitens spricht sie nicht gerne über den Tod. Beides will sie ändern.
«Der Tod hat etwas Schweres», sagt sie nach dem Treffen mit Anja Niederhauser. Diese Schwere wollte sie ihm nehmen. Durch Konfrontation – und indem sie sich den Tod bildlich vorstellt. Nicht schwarz und schwer, wie er häufig dargestellt wird. «Leicht und lila soll er sein», sagt Möckli.
«Und wohin gehen wir, wenn ich der Tod wäre?», wird Möckli anschliessend von Niederhauser gefragt: «In eine andere Welt, die sehr schön ist», antwortet sie. «Ich stelle mir den Tod als einen netten Typen vor, einen Türsteher, der mich in diese schöne Welt führt.»
Bedeutungsfäden im Leben
Die Idee für ihr Projekt kam Anja Niederhauser durch die Gespräche, die sie als Trauercoach mit Angehörigen von Verstorbenen führt.
«Wenn der Tod näher rückt, schauen viele auf ihr Leben zurück und fragen sich, ob sie so weitermachen wollen», sagt Niederhauser. Ihnen werde auf einmal bewusst, welche Werte ihnen wichtig sind und wo sie Prioritäten setzen wollen.
«Durch das Gespräch über das Ende kann man seine Bedeutungsfäden im Leben herausfinden und dem Unsichtbaren des Todes etwas entgegensetzen.»
Karin Leutwiler aus Winkel hat oft mit dem Tod zu tun. Sie arbeitet als Verlegungsdisponentin in der Notrufzentrale von Schutz und Rettung am Flughafen Zürich. In ihrer Freizeit engagiert sich die Mutter von zwei Kindern in der Feuerwehr. Dort hat sie auch ihren Mann kennengelernt. Für das Foto hat sie passenderweise ein Modell einer Autodrehleiter mitgebracht.
Leutwiler hat schon einige Unfälle gesehen, auch tödliche. Belastet habe sie das nie, sagt sie. In Beruf und Privatleben sei sie in unterschiedlichen Rollen.
Als ihr Vater vor eineinhalb Jahren starb, habe sie aber gemerkt, dass sie kaum über den Tod gesprochen habe. Das will sie durch ihre Teilnahme am Fotoprojekt nachholen.
Sich der Konfrontation entziehen?
Was spricht dagegen, den Tod zu ignorieren, solange es geht? «Natürlich kommt es stark auf die eigene Lebensgeschichte an», sagt Niederhauser. «Aber ich denke, dass man durch die Konfrontation mit dem Tod Ängste reduzieren kann. Und dass es weniger Energie kostet, sich dem Thema zu stellen, als es dauernd ignorieren zu müssen.»
Die Ausstellung in Bülach zeigt Fotos der achtzehn Teilnehmenden und ausgesuchte Zitate aus den Gesprächen. Sie sollen die Besucherinnen und Besucher dazu anregen, ihre eigenen Gedanken zu machen über den Tod – und vor allem über die Lebenszeit, die ihnen noch bleibt.
«Bülacher Totentanz», Ausstellung in der reformierten Kirche Bülach, vom 8. bis 14. März.