Tausende Reformierte am Feiern

Die Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn feierten am Sonntag mit einem grossen Fest ihre neue Vision. Nach dem Sinn einer solchen wurde etwa in der Nydeggkirche gefragt, wo einer von acht Gottesdiensten stattfand.

Der «1000-Stimmen-Chor» bei der Feier auf dem Bundesplatz. (Bild: Marianne Weymann)

Sie hatten einen Hauch von deutschem Kirchentag, die Stuhlreihen, die an diesem Sonntagnachmittag den Bundesplatz füllten und die doch nicht ausreichten. Fünf- bis sechstausend Menschen hatten sich laut Veranstaltern hier zur «Visionsfeier» versammelt, Hunderte von ihnen mussten die zweieinhalb Stunden im Stehen verbringen.

Schon am Vormittag konnte man die seltene Erfahrung überfüllter Gottesdienste machen, zum Beispiel in der Nydeggkirche, die trotz 500 Sitzplätzen brechend voll war. Dort fand der «sozialkritisch geprägte Gottesdienst» mit dem emeritierten deutschen Alttestamentler Jürgen Ebach statt. Es war eine von acht Feiern, die über ganz Bern verteilt stattfanden und verschiedene Stilrichtungen abdeckten – von klassisch im Münster bis zu «nicht ganz traditionell» auf dem Bundesplatz. Immer ging es darum, die «Vision 21» auszulegen: Die sieben Leitsätze, die in vierjähriger Arbeit bottom-up von den Kirchenmitgliedern entwickelt wurden und alle unter dem Hauptsatz: «Von Gott bewegt. Den Menschen verpflichtet» stehen.

Vielfältig und eindeutig

«Vielfältig glauben – eindeutig handeln» war das Thema in der Nydeggkirche, was an den dritten Leitsatz erinnert: «Offen für alle – solidarisch mit den Leidenden». Die biblischen Texte zum Thema seien «eindeutig» und ohne Aktualisierung verständlich, so Ebach: Hungrige speisen, Obdachlose beherbergen, Gefangene befreien.

Ebach warf die Frage auf, ob es denn überhaupt eine Vision brauche. Der deutsche Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt habe gesagt: «Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.» Die Theologin Dorothee Sölle dagegen: «Ein Volk ohne Vision geht zugrunde.» Tatsächlich seien Visionen «notwendig», wobei sie sich stets an der Wirklichkeit messen lassen müssten.

Eine Vision der Volkskirche

Zumindest die Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn haben nun eine Vision. «Fast ein wenig zu schweizerisch ausgewogen» sei diese, sagte Ebach. Synodalratspräsident Andreas Zeller sprach in seiner Eröffnungsrede auf dem Bundesplatz lieber von «Spannungen», die in den Gegensatzpaaren der Leitsätze zum Ausdruck kämen: «Darin zeigt sich der Charakter einer Volkskirche», sagte er. «Sie hält Spannungen aus, lässt Vielfalt zu. Mit unserer Vision stehen wir dazu, Volkskirche zu sein und zu bleiben.»

Für Nydegg-Pfarrerin Rosa Gädel war es ein «kleines Pfingstwunder», dass sich im Visionsfindungsprozess «so viele Menschen bewegen liessen, ihre Wünsche, Hoffnungen und Zweifel zu teilen». Und dann aus allen Regionen der Landeskirche nach Bern gekommen seien, um zu feiern. Wie an Pfingsten sei die «Starre der Resignation» einer neuen Dynamik gewichen.

Die Stimmung auf dem Bundesplatz passte zu diesem Sinnbild. Musikalische Einlagen von Jodel bis Hip-Hop, über tausend Chorsängerinnen und der Komiker Massimo Rocchi sorgten für Begeisterung.

Den Traum umsetzen

Es war auch ein grosser Akt der Selbstvergewisserung, der da an diesem Sonntag in Bern stattfand. Oder, wie es SEK-Ratspräsident Gottfried Locher ausdrückte: «Die Kirche ist gross. Die Kirche lebt.» Jetzt gelte es den Traum zu verwirklichen: «In Wort und Tat das Evangelium verkünden. Da sein für alle, die es nötig haben.»