Die Feier vor der Arbeit

Die Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn feiern am 10. September in Bern ein grosses Fest. Es nennt sich «Doppelpunkt 21» und ist das Ergebnis eines langjährigen Prozesses zur Visionsfindung. Die Umsetzung der neuen Leitidee steht allerdings erst noch bevor.

Hier soll es am 10. September voll werden: Der Bundesplatz in Bern. (Bild:Wikimedia/Baikonur )

Neun Gottesdienste in verschiedenen Stilrichtungen, ein tausendstimmiger Chor, Risotto auf dem Waisenhausplatz und der Komiker Massimo Rocchi mit einem «Wort zum Sonntag … Nachmittag» erwarten die Besucher an diesem Sonntag in Bern. «So haben wir in unserer Kirche noch nie gefeiert», sagt Synodalrat Iwan Schulthess, der mit der Organisation des Festes «Doppelpunkt 21» betraut ist.

Nicht nur über Strukturen debattieren

Der Titel des Anlasses rührt daher, dass gleichzeitig ein Abschluss und ein Anfang gefeiert werden soll: Abschluss eines im Jahr 2013 beschlossenen Reflexion zur Zukunft der Kirchen Bern-Jura-Solothurn, Auftakt zur Umsetzung der als Ergebnis verabschiedeten «Vision Kirche 21». Der Wunsch nach einer neuen Vision des Kircheseins sei in der Synode aufgekommen, weil in den letzten Jahren vor allem über die grossen Strukturreformen debattiert worden sei, so Schulthess. «Wir wollten aber auch über inhaltliche Aspekte nachdenken und Leitsätze entwickeln, die uns für das kirchliche Handeln der Zukunft inspirieren.»

2015 wurden in einem ersten Schritt Fragen gesammelt, die die neue Vision beantworten müsste. 5‘784 gingen ein, über das Netz oder per Post, formuliert von Konferenzen oder Einzelpersonen. Die Fragen wurden dann von Experten zu 13 Spannungsfeldern verdichtet und im Sommer 2016 auf einer erweiterten Gesprächssynode diskutiert. Die Ergebnisse flossen in sieben Leitsätze ein, die im Mai von der Synode verabschiedet wurden. Es handelt sich dabei immer um Gegensatzpaare: «Vielfältig glauben – Profil zeigen» heisst es da, oder: «Den Einzelnen stärken – Gemeinschaft suchen». Alle stehen sie unter dem Hauptsatz: «Von Gott bewegt. Den Menschen verpflichtet.»

«Einen ähnlich breit abgestützten Text hat es in den Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn noch nicht gegeben», schreibt dazu Matthias Zeindler, Leiter der Fachstelle Theologie, im Mitarbeitermagazin «Ensemble». Es handele sich um einen Text voller «Kraft, Tiefe und Dynamik».

Kritiker hätten es gerne konkreter

Allerdings gab es zum Visionsprozess auch kritische Stimmen. So sei bei den Anhörungen in den Gemeinden mitunter gefragt worden: «Was ist daran neu? Das machen wir doch schon», erinnert sich Iwan Schulthess. Auch die jurassische Fraktion der Synode hätte es gern etwas konkreter gehabt. Es sei aber notwendig, mit der «ganzen reformierten Breite kompatibel zu sein», so Schulthess. Wenn man dann ins Detail gehe und konkrete Umsetzungen diskutiere, böten die Leitsätze sehr viele Anregungen zum kirchlichen Handeln.

Startschuss zum ersten Projekt

Eine Idee wird bereits kommenden Sonntag am Kirchenfest umgesetzt. Inspiriert vom letzten Leitsatz «die Gegenwart gestalten – auf Gottes Zukunft setzen» gibt es eine Kollekte zur Anstossfinanzierung für das Projekt «Leben und Sterben». Dieses will Beratung beim assistierten Suizid leisten und hat dabei auch die Angehörigen im Blick. «Wir haben beobachtet, dass die Angehörigen von Menschen, die sich das Leben nehmen wollen, vielfach allein gelassen werden und oft hilflos zurückbleiben», sagt Schulthess. «Menschen, die sich mit dem Problem beschäftigen, erhalten oft nur Antwort von einer Seite, den Sterbehilfeorganisationen. In dem Projekt soll es um Öffentlichkeitsarbeit sowie ganz direkte Beratung und Seelsorge gehen.»

Doch bevor die Umsetzungsarbeit losgeht, soll nun am Sonntag gefeiert werden. Schulthess hofft, dass es voll wird in der Stadt. «Auf den Bundesplatz passen 10‘000 Leute. Und wir stellen 5‘000 bis 6‘000 Portionen Risotto bereit.»

 

Weitere Informationen zum Fest finden sich hier.