Syrien
Sorge vor Ausbrüchen aus IS-Gefängnissen
Trotz eines angekündigten Waffenstillstands zwischen Regierungstruppen und den kurdisch angeführten Milizen bleibt die Lage im Norden Syriens weiter angespannt. Beide Seiten werfen sich erneut gegenseitige Angriffe vor.
Die Regierung von Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa hatte nach erneuten Gefechten im Konflikt mit den kurdisch angeführten Syrischen Demokratischen Kräften (SDF) einen Waffenstillstand angekündigt. Regierungstruppen waren mit Hilfe arabischer Stammeskämpfer zuvor in Gebiete vorgerückt, die seit Jahren von den SDF kontrolliert werden.
Kämpfe bei IS-Gefängnissen
Die SDF warnten vor einer deutlichen Verschärfung der Sicherheitslage. Im Umfeld des Gefängnis al-Akttan komme es derzeit zu schweren Kämpfen, teilten sie in einer Pressemitteilung mit. In dem Gefängnis sind Mitglieder des IS untergebracht. Die Regierungstruppen und ihre Verbündeten probierten laut SDF das Gefängnis unter ihre Kontrolle zu bringen. Die SDF warnten vor «katastrophalen Folgen». Es besteht die Sorge, dass bei Kämpfen oder einem Abzug der kurdischen SDF auch IS-Angehörige aus dem Gefängnis freikommen könnten.
Auch bei dem berüchtigten al-Hol-Lager ist es nach Angaben der kurdischen Selbstverwaltung im Nordosten Syriens bereits zu Ausbruchsversuchen gekommen. In dem Lager nahe der irakischen Grenze werden neben IS-Kämpfern auch deren Angehörige festgehalten. SDF-Sprecher Farhad Schami sagte der dpa, dass im al-Hol-Camp Frauen mit IS-Bezug versucht hätten zu fliehen. Der Versuch sei jedoch vereitelt worden. Die Frauen griffen nun das Sicherheitspersonal an. Es besteht auch die Sorge, der IS könnte die durch den Machtwechsel entstehende Instabilität ausnutzen, um neue Angriffe zu planen.
Ende der kurdischen Selbstverwaltung?
Eine Einigung mit der SDF sieht nach Angaben aus Damaskus unter anderem vor, dass die Regierung die Kontrolle über die Provinzen al-Rakka und Dair al-Saur von den SDF übernimmt. SDF-Kämpfer sollen in staatliche Strukturen integriert werden. Damaskus soll die Kontrolle an Öl- und Gasfeldern und Grenzübergängen im Nordosten übernehmen.
Kritiker und vor allem die kurdische Bevölkerung fürchten, dass die Einigung das faktische Ende der kurdischen Selbstverwaltung im Nordosten Syriens einläutet. Die als «Rojava» bekannte Verwaltung ist Teil des langen Strebens der Kurden nach einem eigenen Staat. Die ethnische Gruppe mit schätzungsweise 30 Millionen Mitgliedern lebt neben Syrien vor allem im Irak, im Iran und in der Türkei. Auch in Syrien dreht sich der Konflikt vor allem darum, wie viel Autonomie und welche Rechte die Kurden erhalten.
Die SDF waren ein wichtiger Verbündeter des US-Militärs beim Kampf gegen die Terrormiliz IS, die in Syrien und im Irak einst grosse Gebiete beherrschte. Al-Rakka war zu dieser Zeit die faktische Hauptstadt des «Kalifats», das der IS in der Region ausgerufen hatte. Nach schweren Kämpfen übernahmen die SDF mit Unterstützung des US-Militärs im Oktober 2017 schliesslich wieder die Kontrolle. (dpa/ gab)