«Sollen doch andere austreten!»

Als Feministin und überzeugte Katholikin wurde Silvia Schroer 1997 Professorin an der Evangelisch-theologischen Fakultät in Bern. Heute ist sie Vizerektorin der Universität. Aus der katholischen Kirche auszutreten oder zu konvertieren, kommt für Schroer nicht infrage – auch wenn sie manchmal an der Institution verzweifelt.

(Bild: Adrian Moser /zVg)

Bis das Interview zustande kommt, braucht es einiges an Überzeugungsarbeit. Kurz nach der Wahl zur Vizerektorin der Universität Bern im Februar 2017 meint sie, es sei noch zu früh dafür. Nach Amtsantritt ein halbes Jahr später sagt sie, es sei nicht Usus, dass Vizerektoren überhaupt Interviews geben. Erst nach einem längeren Gespräch unter anderem darüber, dass weibliche Expertinnen in den Medien untervertreten sind, willigt die Feministin Silvia Schroer schliesslich ein. Doch, ein Portrait, das liege schon drin, sagt Schroer, die als Vizerektorin auch verantwortlich ist für den Bereich der Gleichstellung von Frau und Mann.

Im Clinch mit dem Bischof

Dabei ist die Theologie-Professorin eigentlich alles andere als scheu. In Süddeutschland tobte Anfang der 90er-Jahre ihretwegen gar das, was man heute Shitstorm nennen würde. An die renommierte Universität Tübingen hätte sie damals berufen werden sollen, belegte im Verfahren den ersten Listenplatz.

Doch dann schaltete sich der zuständige Bischof von Rottenburg ein und meinte, die Frau weiche von der katholischen Lehre ab. Grund dafür waren die feministischen Ansätze in der Forschung der Alttestamentlerin: Beispielsweise ihre Aussagen über weibliche Gottesbilder oder über Maria, die im Mattäusevangelium in eine Reihe mit widerständigen Frauen des Alten Testaments wie Tamar, Rahab, Ruth und Batseba gestellt wird, die nicht mit dem Bild der Heiligen Mutter Gottes zusammengehen wollen.

Eine Zeit lang waren die Zeitungen voll mit diesem Streit. Die Fakultät, Verbände und Einzelpersonen setzten sich für die Theologin ein. Vergebens: Die Professur in Tübingen blieb ihr nach der bischöflichen Intervention verwehrt.

 

«In Bern wird es als willkommene Vielfalt wahrgenommen,
dass ich römisch-katholisch bin.»

Einige Jahre später öffnete sich an der damals evangelisch-reformierten Fakultät der Universität Bern eine Tür. «Dass ich hier als römisch-katholische Theologin Professorin werden konnte, dafür bin ich bis heute sehr dankbar», sagt sie. «Es wird als willkommene Vielfalt wahrgenommen, dass ich römisch-katholisch bin – nie wurden mir deswegen Steine in den Weg gelegt.» Die Fakultät hat unterdessen ein stark ökumenisches Profil, eine römisch-katholische Ausbildung gehört aber nicht dazu.

Ein Austritt ist keine Option

Geboren ist die heute 59-jährige Schroer im deutschen Münster in Westfalen. Sie stamme weder aus einer Theologenfamilie noch aus einem besonders religiösen Haushalt, sagt sie selber. Theologie habe sie aus Interesse zu studieren begonnen, angeregt durch den Religionsunterricht am Gymnasium und «weil ich mich nach dem Abitur nicht für ein einziges Studium entscheiden konnte.» Das Multidisziplinäre der Theologie, die verschiedenen Elemente von Philosophie, Geschichte und Sprachen reizten sie.

1980 wollte Schroer für ein Semester in Freiburg in der Schweiz studieren. Daraus wurden Jahre, sie promovierte, habilitierte, kämpfte mit Studienkolleginnen für die Anerkennung der Frau und der feministischen Theologie. 1989 erhielt sie als erste Frau der Katholisch-Theologischen Fakultät in Freiburg die universitäre Lehrberechtigung.

«Abgesehen davon, dass mich vieles auf die Palme bringt,
ist es doch eine überzeugende Kirche – es gibt weltweit
kaum eine multikulturellere Institution.»

«In meiner Studienzeit war viel Aufwind spürbar, der Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils wirkte», sagt Schroer. Hoffnung und Aufbruch lagen in der Luft: «Wir hofften, dass sich die Institution öffnet, auch hin zu Frauen in Priesterämtern.» Viel getan hat sich in dieser Hinsicht allerdings nicht. Für Schroer ist die patriarchale Verstockung ihrer Kirche ein Skandal. Aber austreten, das war nie eine Option: «Das Katholischsein, das bringt man nicht mehr aus dem Hemd. Und ausserdem – warum sollte denn gerade ich austreten, warum nicht andere?»

Nein, aufs Maul hockt Silvia Schroer nicht. Wenn sie in ihrem Dialekt, gefärbt von ihrer deutschen Herkunft und den langen Jahren in Bern, erzählt, ist die Begeisterung für ihre Sache spürbar.

Dennoch, und auch nach all den Jahren in der Berner Diaspora, konvertieren kam für sie nie in Frage: «Abgesehen davon, dass mich vieles auf die Palme bringt, ist es eben doch eine überzeugende Kirche – es gibt weltweit kaum eine multikulturellere Institution. Ihr Vorteil ist, dass sie durch Migrationsbewegungen stets neuen Zufluss erhält und sich die gelebte Kirche durch ihre Subjekte verändert.» Sie würde sich wünschen, dass diese Entwicklung nun wieder «nach oben» drückt, ähnlich wie das zu ihrer Studienzeit mit der feministischen Theologie der Fall gewesen sei.

Mut verzweifelt gesucht

Überhaupt kamen zwischen den 70er- und 90er-Jahren einige neue theologische Bewegungen auf, etwa die Befreiungstheologie oder die Auseinandersetzung mit der Frage, wie Theologie nach Auschwitz stattfinden kann. Heute erlebt Schroer die Theologie als politisch weniger mutig, sie melde sich kaum je mit lauter, gemeinsamer Stimme zu Wort, sei es zur Flüchtlingskrise oder dem Erstarken rechter Bewegungen in Europa. «Die Theologie ist eine Wissenschaft der Einmischung, sie ist stark in der Hermeneutik, der Übersetzungsleistung.» Sie meint damit nicht nur das blosse Interpretieren von Texten, sondern auch das Einordnen von Aktuellem, das Verstehen – und vor allem das Verhalten dazu.

«Es gibt viele Zeitgenossen, auch an den Universitäten,
die uns verdächtigen, in den Vorlesungen zu beten.»

«Wir Theologinnen und Theologen können so stolz auf unser Fach sein», sagt Schroer. Und ja, es tue ihr weh, dass dieser Stolz nicht wahrnehmbar sei. «Oft überwiegt eine defensive Grundhaltung, als ob wir uns entschuldigen müssten für unsere Disziplin.»

Mit ein Grund dafür: «Es gibt viele Zeitgenossen, auch an den Universitäten, die überhaupt kein religiöses Wissen, geschweige denn ein Wissen von einer theologischen Ausbildung haben, und die Theologen verdächtigen, in den Vorlesungen zu beten.» Das schaffe schwierige Gesprächssituationen.

Gerne im Gegenwind

Doch als Vizerektorin sei es nicht ihre Aufgabe, «die Fahne für die Theologie zu schwingen». Lieber setze sie Energie für ihre Aufgabenbereiche ein – Gleichstellung, Nachhaltigkeit und Qualitätssicherung. Sie tue das auch aus ihrer Erfahrung als Forschungsrätin beim Schweizerischen Nationalfonds, wo sie über sechs Jahre für Gesuche in Theologie und Religionswissenschaft zuständig war.

Silvia Schroers kämpferische Energie wird weiterhin gebraucht: Noch ist sie die einzige Frau in der Universitätsleitung der Uni Bern, und noch sind Professorinnen an den Hochschulen in der Unterzahl. Mit dem Gegenwind kann Silvia Schroer gut umgehen: «Spürte ich ihn nicht mehr, würde ich wahrscheinlich vornüber fallen.»