Zürich: Wie die Nein-Kampagne die Kirchensteuer-Initiative bodigte

Über 70 Prozent der Zürcher Stimmberechtigten haben die Kirchensteuerinitiative abgelehnt. Die Nein-Kampagne hat offensichtlich gut gegriffen. Was waren die Gründe? Kam
pagnenleiter Christian Bretscher erläutert.


Die Kirchensteuerinitiative ist wuchtig abgelehnt worden. Haben Sie das erwartet?
Christian Bretscher:
In dem Ausmass nicht. Wir dachten zwar schon, dass es schön wäre, wenn wir die 70 Prozent Nein-Stimmen der Bündner Abstimmung erreichen könnten. Ich bin begeistert, dass es nun geklappt hat.

Warum diente Graubünden quasi als unerreichbares Vorbild?
Graubünden ist ländlicher als Zürich, man kennt sich besser und sieht direkter, was die Kirchen leisten. Kniffliger wird es, die Leistungen der Kirche im städtischen Umfeld zu zeigen: Nicht jeder weiss, was Spitalseelsorge ist oder dass die Kirche den Altersnachmittag organisiert. Mit dem Claim «Sorge tragen» konnten wir das offenbar gut erklären. Er war das Gefäss, in dem die kirchlichen Leistungen steckten.

War man im Vorfeld der Abstimmung nicht etwas pessimistisch?
Wir waren alle nervös und angespannt. Wenn man so lange intensiv daran arbeitet, dann verliert man vielleicht den Glauben an den Erfolg. Der Kopf wusste zwar schon, dass wir gewinnen können. Der Bauch aber war nervös. In der Kirche leidet man in der Tendenz sowieso nicht an Selbstüberschätzung, an sich ein sympathischer Zug. Aber deshalb kämpften wir auch bis zum Schluss.

Was war der wichtigste Erfolgsfaktor?
Die Leute bis in alle Gemeinden für die Sache zu begeistern. Sie waren die besten Botschafter und zeigten vor Ort, worum es geht. Das verlieh uns grossen Schub.

Wie bewerten Sie den Einsatz von Social Media?
Wir setzten fest auf Facebook. Unsere Page hat über 1000 Fans, das ist sehr viel für eine politische Kampagne. An den Kommentaren auf Facebook sah man die Argumente der Gegner, aber auch, wie sich der Widerstand formierte und die Leute immer mehr Mut fassten, etwas zu entgegnen.

Wie war die Zusammenarbeit mit den Landeskirchen?
Wir hatten einen stets positiven und auch fröhlichen Kontakt mit den Info-Beauftragten der Landeskirchen. Er war elementar für das Gelingen.

Und wie wichtig waren die Schilder, Plakate oder die Trage
tasche?
Dieses Material war sehr wichtig und wurde eifrig bestellt. Es machte 
das Argumentieren leichter, man konnte sich buchstäblich an etwas halten. Die Leute an der Basis merkten aber auch, dass sie von den Landeskirchen unterstützt und nicht allein gelassen wurden.

Der Schriftzug «Sorge tragen» hat die Kampagne geprägt.
Eine professionelle Grafik gehört zum Handwerk. Unser visueller Auftritt war vielleicht etwas 
hart, aber wir mussten deutlich 
«Nein!» sagen. Die Diakonie-
kampagne kommt im Vergleich sanfter daher.

Was können andere Kantonal
kirchen davon lernen?
Es ist immer heikel, als Zürcher anderen Kantonen etwas zu empfehlen (lacht). Man hat die Kampagne in den anderen Kantonen jedenfalls gut wahrgenommen.

Glauben Sie, dass die Kirchen 
frecher auftreten könnten?
Ja, warum nicht? Vor allem aber selbstbewusster. Ich glaube, dass sich das jetzt ändern könnte. Die Kampagne hat etwas angestossen. Die Leute bekamen richtig Freude beim Zeigen, was sie im Namen der Kirche alles machen. Wenn das so bleibt, wäre es ein grosser Schritt.

Christian Bretscher ist Geschäftsführer der Nein-Kampagne und Mitinhaber der PR-Agentur bretscher+partner.