Sibylle Lewitscharoff ist tot
Die in Stuttgart geborene Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff ist tot. Sie wurde vor allem für ihre frühen Arbeiten mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Ihr Stil galt als ebenso leichtfüssig wie wortgewaltig. Immer wieder widmete sie sich Motiven aus dem christlichen Kosmos, Themen wie die Sünde oder das Fegefeuer faszinierten sie.
Sibylle Lewitscharoff war von 2019 bis 2021 für das «bref»-Magazin der Reformierten Medien, die auch das Portal ref.ch betreiben, als Kolumnistin tätig. Im Oktober 2019 gab sie dem Magazin ein grosses Interview. Darin äusserte sie sich unter anderem über den Tod: «Ich fürchte den Tod durchaus. Zugleich bin ich von ihm fasziniert. Literatur, die vom Jenseits handelt, hat mich schon immer angezogen. Nicht umsonst bin ich eine Dante-begeisterte Dame.»
Auf die Frage, ob sie im Jenseits auf ihren verstorbenen Mann treffen wird, antwortete Lewitscharoff: «Ich wünsche es mir sehr, kann aber nicht so recht daran glauben. Aber falls doch: Es gibt auch noch andere Wunschkandidaten, die ich gerne treffen möchte.» Darunter sei bestimmt ihre Grossmutter. Dann unbedingt der Dackel ihrer Kindheit und ebenfalls der Berner Sennenhund, den sie eine Zeitlang hatte. «Franz Kafka bitte auch. Und natürlich meine Freunde. Sie alle würde ich ungern vermissen», sagte die Schriftstellerin.
Zudem äusserte sie eine klare Vorstellung vom Paradies: «Auch wenn das kindlich klingen mag: Für mich ist das Paradies wirklich. Ich möchte neben einem Löwen schlummern. Ich möchte, dass Tiere und Pflanzen in einer schönen Geneigtheit zueinander wesen und niemand fürchten muss, vom anderen aufgefressen zu werden.»
Prämierte Autorin
Lewitscharoff gehörte zu den bekanntesten und erfolgreichsten Schriftstellerinnen Deutschlands. Mit ihrer Erzählung «Pong» überzeugte sie 1998 beim Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt. In den Jahren danach schrieb Lewitscharoff die Romane «Der Höfliche Harald» (1999), «Montgomery» (2003) und «Consummatus» (2006). Für den Roman «Apostoloff» wurde sie 2009 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet.
2013 erhielt die Schriftstellerin den Georg-Büchner-Preis. Zweimal konnte sich Lewitscharoff auch Hoffnung machen auf den Deutschen Buchpreis. 2016 stand ihr Name auf der Longlist, fünf Jahre zuvor hatte sie sogar die Shortlist erreicht.
Entschuldigung für Skandal-Rede
2014 sorgte Lewitscharoff mit ihrem Beitrag im Rahmen der traditionsreichen Dresdner Reden für Aufsehen und nachhaltige Kritik. Darin bezeichnete sie Kinder, die mittels künstlicher Befruchtung gezeugt wurden, als «Halbwesen».
In der Rede hiess es: «Nicht ganz echt sind sie in meinen Augen, sondern zweifelhafte Geschöpfe, halb Mensch, halb künstliches Weissnichtwas.» Sie verglich die Reproduktionsmedizin mit Praktiken aus dem Nationalsozialismus und sprach von «gegenwärtigem Fortpflanzungsgemurkse», das ihr «widerwärtig erscheint». Die Reaktion war gewaltig, die Ablehnung reichte vom Schwulen- und Lesbenverband über die Akademie der Wissenschaften bis hin zur Kirche. Kritiker forderten auch, ihr den Büchner-Preis abzuerkennen. Später entschuldigte sich Lewitscharoff für ihre Äusserungen.
Auch im «bref»-Interview nahm sie Stellung zu dieser Rede: «Ich habe den Fehler begangen, mich zu bösartig und niedermachend über Menschen auszulassen, die nichts dafür können, dass sie so auf der Welt sind. Das waren aggressive und feindliche Sätze von mir – und sie tun mir aufrichtig leid. Vermutlich waren es tiefenpsychologische Gründe, die dazu geführt haben. Mein Vater war Gynäkologe.» Ihr Vater beging Suizid, als Lewitscharoff elf Jahre alt war. Er stammte aus Bulgarien, ihre Mutter war Deutsche.
Schwere Erkrankung
Sibylle Lewitscharoff studierte Religionswissenschaften in Berlin, wo sie nach längeren Aufenthalten in Buenos Aires und Paris auch lebte. Die Autorin war Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sowie der Berliner Akademie der Künste.
Lewitscharoff war seit 2010 an Multipler Sklerose erkrankt. Am Samstag, dem 13. Mai, ist sie nun in Berlin gestorben, wie der Suhrkamp Verlag unter Berufung auf das Umfeld der Schriftstellerin mitteilte. (sda/ bat/ vbu)