Missbrauch
Täter gedeckt – Kommissionsbericht belastet Anselm Grün
Das Wichtigste in Kürze
Welche Rolle spielte Anselm Grün im Fall eines wegen sexuellen Missbrauchs beschuldigten Vikars?
Laut dem Jahresbericht der unabhängigen Aufarbeitungskommission im Erzbistum Paderborn war Anselm Grün 1991 an Gesprächen über den beschuldigten Vikar beteiligt. Der Benediktiner war bereit, den Mann im Kloster Münsterschwarzach aufzunehmen und schlug vor, ihn vorübergehend in der Seelsorge im Bistum Würzburg einzusetzen.
Wie reagierte die katholische Kirche nach dem sexuellen Übergriff?
Der zuständige Pfarrer versuchte nach Angaben der Kommission, die Familie des 16-jährigen Betroffenen von einer Strafanzeige abzuhalten und den «Schaden einzugrenzen». Der beschuldigte Vikar bekam eine Auszeit im Recollectio-Haus und wurde später trotz der Vorwürfe erneut als Seelsorger eingesetzt.
Was sagt Anselm Grün heute zu den Vorwürfen?
Grün erklärte zunächst, er könne sich an den mehr als 30 Jahre zurückliegenden Fall nicht erinnern. Die Abtei Münsterschwarzach bestätigte später, dass er sich für einen weiteren Einsatz des Beschuldigten in der Seelsorge offen gezeigt habe. Sie betont jedoch, Grün habe ihn weder an das Bistum Würzburg noch an eine konkrete Gemeinde vermittelt.
Der vierte September 2026 könnte dem Benediktiner, Buchautor und Redner Anselm Grün in Erinnerung bleiben. Dann nämlich hat die «Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs im Erzbistum Paderborn» ihren vierten Jahresbericht vorgelegt.
Und in diesem kommt auch Grün vor. Der katholische Mystiker mit Hang zur Ökonomie hat über 300 Bücher verfasst, deren Gesamtauflage über 20 Millionen Stück umfassen soll. Der bekannte deutsche Benediktinerabt Notker Wolf soll einmal über Grün gesagt haben: «Seine Bücher haben Millionenauflagen, er könnte sehr reich sein, aber er braucht für sich keine 50 Euro im Monat.»
Grün ist eine Art spiritueller Superstar. Er tritt im Fernsehen auf, hält bis zu 200 Vorträge im Jahr und berät Manager in spirituellen Dingen. Seit 1991 wirkt er im sogenannten Recollectio-Haus, in das Ordensleute, Priester und kirchliche Angestellte in persönlichen Krisen kommen und betreut werden. Dort soll Grün vor über 30 Jahren mitgeholfen haben, einen Missbrauchsvorfall zu vertuschen (ref.ch berichtete).
Was hat die Kommission herausgefunden?
Die unabhängige Untersuchungskommission hat in den vier Jahren ihrer Arbeit 262 Kleriker und Beschäftigte des Bistums Paderborn registriert, die als Beschuldigte von Missbrauchstaten gelten oder gegen die ein Verfahren zur Aufarbeitung eingeleitet worden ist. Einer davon ist ein Vikar, der 1990 ein Herbstlager von Messdienern begleitet hat. In der letzten Nacht des Aufenthalts verging er sich an einem 16-Jährigen. Der Beschuldigte hat die Tat gegenüber der Staatsanwaltschaft Paderborn gestanden.
Die Kommission beschreibt detailliert, was im Anschluss an die Tat geschah. Der Jugendliche gab seine Tätigkeit als Messdiener nach dem sexuellen Übergriff auf. Danach «kam es tags und nachts zu Telefonterror durch den Beschuldigten», schreibt die Kommission. Die Eltern des Jugendlichen informierten schliesslich den Pfarrer, sie sähen sich nach einem Jahr der Anrufe gezwungen, den Mann anzuzeigen.
Wie hat die Kirche reagiert?
Der Gemeindepfarrer besuchte daraufhin die Familie – doch nicht, um sich um den Betroffenen zu kümmern. Er versuchte, dessen Eltern davon abzubringen, einen Strafprozess gegen den Vikar anzustrengen. Seinem Vorgesetzten schrieb er anschliessend, man versuche «mit allen Mitarbeitern den Schaden einzugrenzen». So hält es die Kommission fest.
Praktisch zeitgleich schlug er dem des sexuellen Missbrauchs Beschuldigten vor, sich eine längere Pause zu nehmen – im Recollectio-Haus im Kloster Münsterschwarzach, das von Anselm Grün geführt wurde. Seiner Kirchgemeinde gaukelte der Pfarrer vor, der Vikar sei wegen einer schmerzhaften, langwierigen Behandlung einer Hauterkrankung abwesend.
Welche Rolle spielte Anselm Grün?
Nach zwei Monaten im Recollectio-Haus traf sich der Beschuldigte mit einem hohen Vertreter des Erzbistums und Anselm Grün zum Gespräch. Der Vikar stritt ab homosexuell zu sein. Grün habe dies bestätigt und erklärt, er könne «nach zwei Monaten des Aufenthalts des Beschuldigten im Recollectio-Haus» dafür einstehen, heisst es im Bericht.
Grün ging sogar noch weiter und zeigte sich bereit, den Mann im Kloster Münsterschwarzach aufzunehmen. Dann schlug er vor, den Beschuldigten bis zum Zeitpunkt der Aufnahme als Seelsorger in einer Gemeinde des Bistums Würzburg einzusetzen. Das Erzbistum Paderborn setzte das in der Folge um.
Welche Konsequenzen gab es für den Täter?
Zwar deckte das «Westfälische Volksblatt» den Missbrauchsfall auf, die Staatsanwaltschaft ermittelte in der Folge, stellte zwei Übergriffe fest und erliess einen Strafbefehl, doch: 1995 schrieb der Beschuldigte an den Erzbischof, er fühle sich im Bistum Würzburg «sehr wohl». Dort blieb er bis 2009 und wechselte dann ins Bistum Erfurt.
Mit den Ergebnissen der Untersuchungskommission konfrontiert erklärte Anselm Grün zuerst, er könne sich nicht an den Fall erinnern. Laut Medienberichten hat die Abtei Münsterschwarzach in der Zwischenzeit die Unterlagen selbst geprüft und relativiert: Grüns erste Reaktion sei «überstürzt» gewesen. Es treffe zu, dass Grün sich für einen Einsatz des Beschuldigten in der Seelsorge «offen gezeigt» habe. Doch Grün habe den Mann weder an das Bistum Würzburg noch an eine konkrete Gemeinde vermittelt.