Missbrauchsstudie Katholische Kirche

Untersuchung gegen Walliser Abt

Der Abt von Saint-Maurice, Jean César Scarcella, wird in der Missbrauchsaffäre der katholischen Kirche angeschuldigt. Gegen ihn ermittelt der apostolische Sonderermittler Joseph Bonnemain.

In einer Medienmitteilung hat der Abt Jean César Scarcella angekündigt, sein Amt bis auf Weiteres ruhen zu lassen. Grund dafür sei ein Vorwurf, der gegen ihn erhoben worden sei. Derzeit läuft eine kirchliche Voruntersuchung wegen des Verdachts auf sexuellen Missbrauch und dessen Folgen durch Mitglieder der Schweizer Bischofskonferenz. Sie wurde vom Bischofskonzil angeordnet, die für solche Vorwürfe zuständigen Behörde in Rom.

Der Churer Bischof Joseph Bonnemain wurde mit der Leitung der Untersuchung beauftragt. Scarcella schrieb im Communiqué, er habe Bischof Bonnemain seine volle Kooperation zugesichert. Der Abt von Saint-Maurice ist auch Mitglied der Schweizer Bischofskonferenz (SBK).

Von Whistleblower gemeldet

Die Voruntersuchung wurde eingeleitet, nachdem der ehemalige Generalvikar Nicolas Betticher sich mit einem internen Schreiben an den Vatikan gewandt hatte. Darin erhob er schwere Vorwürfe im Umgang mit sexuellen Missbrauchsfällen gegen mehrere emeritierte und amtierende Mitglieder der Schweizer Bischofskonferenz.

Gegen einzelne Personen steht gar der Vorwurf im Raum, in der Vergangenheit selber sexuelle Übergriffe begangen zu haben. Am vergangenen Sonntag machte der «SonntagsBlick» die kircheninternen Untersuchungen publik.

Scarcella steht seit 2015 der Abtei St. Maurice im Kanton Wallis vor. In der SBK leitet er das Departement «Glaube, Liturgie, Bildung, Dialog». Der 1951 in Montreux geborene Ordenspriester wurde ausserdem im August 2022 zum Abtprimas der Konförderation der Augustiner Chorherren gewählt.

Reaktionen aus vielen Bistümern

Am Dienstag haben zwei Forscherinnen der Universität Zürich eine gross angelegte Studie zum Thema Missbrauch in der katholischen Kirche veröffentlicht. Darin wiesen sie über 1000 Fälle von sexuellen Missbräuchen seit den 1950er Jahren nach (ref.ch berichtete). Daraufhin gab es zahlreichen Reaktionen aus den Bistümern.

Der St. Galler Bischof Markus Büchel hat etwa Fehler im Umgang mit einem Pfarrer eingeräumt, der mehrere Missbräuche begangen haben soll und von dem im Bericht die Rede ist. Weil der Name des Pfarrers nicht bekannt ist, wurde Strafanzeige gegen unbekannt eingereicht.

Das Bistum Lugano hat eine bessere Aufarbeitung von Missbrauchsfällen in Aussicht gestellt. Gemäss dem Bericht der Universität Zürich wurden im Bistum Lugano zahlreiche Dokumente vernichtet.

Es sei für das Bistum Lugano unmöglich, die Schuld in dieser Sache nicht anzuerkennen, sagte der apostolische Administrator des Bistums Lugano, Alain de Raemy. Er stellte eine «definitive Veränderung» in Aussicht. Es brauche Gerechtigkeit für die Opfer.

Als konkrete Verbesserung stellte de Raemy die Schaffung einer unabhängigen Meldestelle für sexuelle Übergriffe in Aussicht. Die heute bestehende Kommission für solche Fälle ist Teil des Bistums Lugano selbst und dürfte daher für viele Opfer keine wirklich unabhängige Anlaufstelle darstellen.

Politiker fordert Sanktionen

In Bern verlangt der GLP-Grossrat Tobias Vögeli, dass der Kanton Bern alle Zahlungen an die katholische Kirche sistiert, die nicht in Zusammenhang mit einer Leistungsvereinbarung stehen. Der «Blick» hatte zuerst darüber berichtet.

Vögeli begründet seinen Vorstoss damit, dass es aus säkularer Sicht äusserst problematisch sei, wenn die gleichen Institutionen oder Personen die Vorfälle untersuchten, die bereits zum Zeitpunkt der Vertuschungen im Amt waren.

Die Ergebnisse und Massnahmen zur Anpassung des Systems der katholischen Kirche müssten deshalb unabhängig geprüft werden. Die Gelder dürften erst wieder freigegeben werden, wenn ein «Konzept vorliegt, das die Übergriffe innerhalb der katholischen Kirche des Kantons Bern in den letzten Jahrzehnten umfassend und transparent aufarbeitet und in Zukunft verhindert». (sda/ pef)