Extremismus

Das tragische Ende der Sonnentempler-Sekte

Vor 30 Jahren löste das Drama um die Sonnentempler-Sekte weltweit Bestürzung aus. 53 Menschen fanden den Tod, die meisten davon in der Romandie. Einige begingen Suizid, andere wurden ermordet.

Angestellte des Instituts für Rechtsmedizin in Lausanne laden am 5. Oktober 1994 insgesamt 23 Leichen zur Autopsie aus. Die Mitglieder der Sonnentempler-Sekte waren tot in einem Bauernhof in Cheiry vorgefunden worden. (Bild: Blaise Kormann / Keystone)

23 verkohlte Leichen wurden im Morgengrauen des 5. Oktober 1994 auf einem Bauernhof im kleinen Freiburger Dorf Cheiry entdeckt, die Körper waren in Kultgewänder gehüllt. Kurze Zeit später fand die Feuerwehr weitere 25 Leichen in den Trümmern eines Chalets in Granges-sur-Salvan im Wallis. Aus Kanada wurde zudem ein Brand mit fünf Toten gemeldet.

Rasch war klar: Alle drei Anwesen gehörten dem Orden der Sonnentempler an, einer bis dahin wenig bekannten Sekte. Zunächst ging man von Massenselbstmord aus, zumal ein Abschiedsschreiben vorlag: «Wir verlassen diese Erde ohne Bedauern.» Die Sektenführer Luc Jouret und Jo Di Mambro waren unter den Toten.

Die Untersuchungen zeigten allerdings, dass viele der Menschen erschossen worden waren. Die Brände wurden erst danach per Zeitzünder ausgelöst.

Viele Ermordete waren Aussteiger

Einige der Opfer waren Ausgestiegene, wie der Religionsexperte Georg Schmid von Relinfo der Nachrichtenagentur Keystone-SDA sagte. Die kirchliche Fachstelle befasst sich seit Jahrzehnten mit Religionen, Sekten und Weltanschauungen.

«Die Ausgestiegenen wollten ihr Geld zurück, was ihnen auch versprochen wurde. Sie wurden von den Sektenführern dann aber in eine Falle gelockt und kaltblütig erschossen», erklärte der Religionsexperte. Andere Sektenmitglieder liessen sich erschiessen oder begingen Suizid.

Sozialleben kontrolliert

Die Geschichte der Sonnentempler begann in den 1980er-Jahren als Esoterikzirkel. Der belgische Heilpraktiker Jouret zog Menschen in den Bann, die von einer friedlicheren, ökologischeren Welt träumten. Beim Aufbau der Gemeinschaft half ihm Jo Di Mambro, ein notorischer Betrüger und Seelenfänger.

1989 zählten die Sonnentempler 442 Mitglieder, die meisten davon in Frankreich, Kanada und in der Westschweiz. Die Gemeinschaft war bekannt, sie machte immer wieder öffentlich auf sich aufmerksam. Unbekannt war, dass es auch einen inneren Kreis mit nur einigen Dutzend Menschen gab.

Jouret und Di Mambro liessen diese glauben, sie seien Auserwählte und könnten die Apokalypse in «Überlebenszentren» überstehen. Di Mambro mixte ihnen einen Glaubens-Cocktail aus mystisch-religiösen und esoterischen Elementen. Vor allem aber nahm er die Menschen aus, kontrollierte ihr Sozialleben und täuschte sie nach Belieben.

Versprechen: «Transit zum Sirius»

Die dramatische Wende kam, als Sonnentempler in Kanada wegen illegalen Waffenbesitzes verurteilt wurden. Monatelang wurde der Orden überwacht, negative Presseberichte häuften sich. Geldgeber stiegen aus. Di Mambro und Jouret entschlossen sich zum Abschied von dieser als feindselig empfundenen Welt. Sie sprachen vom «Transit zum Sirius».

Das Drama hatte zwei Nachbeben. 1995 und 1997 wurden nochmals 21 Leichen in Grenoble und in Kanada entdeckt. In beiden Fällen handelte es sich um Sektenmitglieder, die den ersten «Transit» verpasst hatten. Sie starben freiwillig oder wurden von anderen Mitgliedern erschossen. Insgesamt verloren in der Schweiz, Kanada und Frankreich 74 Sektenmitglieder ihr Leben.

Die Ermittler kamen nach jedem Drama zum Schluss, alle Schuldigen seien tot. Vor Gericht stand nur ein Genfer Dirigent, der Di Mambro nahestand – er wurde in Frankreich freigesprochen. Viele Opfer sind bis heute verbittert, dass nie jemand verurteilt wurde.

Fruchtbarer Boden für Sekten

Sonnentempler gibt es heute nach Einschätzung von Experten nicht mehr. Die sektenhafte Szene in der Schweiz blüht indes weiter. «Die Schweiz hat eine enorme Dichte an Gruppierungen der weltanschaulichen Szene mit sektenähnlichen Zügen», sagte Religionsexperte Schmid.

Laut dem Szenenkenner gibt es insbesondere zwei Gründe dafür. Zum einen liege dies an der liberalen Tradition der Schweiz. Die Religionsfreiheit erleichtere es sektenähnlichen Gruppierungen, sich zu etablieren und Fuss zu fassen, so Schmid.

Zum anderen seien viele dieser Vereinigungen wohlstandsabhängig. Dies habe dazu geführt, dass es weltweit nur in Teilen der USA, insbesondere in Kalifornien, eine annähernd hohe Dichte an sektenähnlichen Gruppierungen gebe wie in der Schweiz.

Wenige «hochgefährliche Sekten»

In der Schweiz gibt es laut Schmid schätzungsweise 100'000 Anhängerinnen und Anhänger von Vereinigungen mit sektenhaften Zügen, je nachdem welche Gruppierungen man dazu zähle. Die Zahl der «hochgefährlichen Sekten» sei aber eher klein.

Ab wann eine Sekte als problematisch gilt, sei schwer zu definieren und hänge von der jeweiligen Situation eines Mitglieds einer solchen Gruppierung ab, sagte Schmid weiter. Wenn zum Beispiel ein Erwachsener sich aus freien Stücken für die Mitgliedschaft in einer Sekte entscheide, führe dies in der Regel zu weniger grossen Schwierigkeiten, als wenn ein Kind ohne freien Willen dazu gezwungen werde.