«Schwingen ist ein Lehrstück in Fairness»

«Einwurf Locher»: In loser Folge wirft Gottfried Locher, Präsident des Kirchenbundes, auf ref.ch private Gedanken und Ansichten ein. Dieses Mal augenzwinkernd zu einem urchigen Thema: dem Schwingsport.

(Bild: SEK/ref.ch)

Herr Locher, Sie werden am nächsten Sonntag am kantonalbernischen Schwingfest eine Andacht halten. Tausende werden zuhören. Was wird das Publikum zu hören bekommen?
Zuerst eine Treichlergruppe, dann die Geschichte von David und Goliath, neu und anders erzählt als in der Bibel. Dann ein Gebet vom Synodalratspräsidenten Andreas Zeller, und dann stimmt die Ortspfarrerin Ruth Ackermann den Schweizerpsalm an. Auf dem Land kann man den ja noch auswendig… und Sie, Herr Böhni?

 

Tja. Ich kann ihn nicht auswendig. Zurück zu Ihnen. Haben Sie schon mal geschwungen?
Ja, als Bub, damals war meine Stärke die Flinkheit. Heute wärs vielleicht eher das Gewicht.

 

Wissen Sie, was ein Buur, ein Wyberhaken, ein Buebetrickli ist?
Vermutlich drei Arten, wie man den Gegner zu Fall bringt, stimmts? «Wyberhaken», das klingt fröhlich politisch unkorrekt. Oder ist es vielleicht Ausdruck einer gewissen Furcht der Männer vor weiblicher List? Wie auch immer, das Schwingfest ist eindeutig kein Männerfest, sondern ein Fest, an welchem alle teilnehmen, Frauen und Männer, Junge und Alte.

 

Buur und Wyberhaken sind Schwünge, das Buebetrickli stammt aus dem Eishockey. A propos andere Sportarten: Sind Fussballer im Vergleich zu Schwingern Weicheier?
Verglichen mit einem richtigen Kranzschwinger sind wir vermutlich alle «Weicheier». Kranzschwinger, das sind die Besten unter den Besten, die ganz «Bösen»! Die sind hart im Nehmen. Die machen lieber einen Wyberhaken als «die Schwalbe». Im Sägemehl wird halt nicht so viel gejammert wie auf dem Fussballfeld.

 

Beim Schwingen gibt es keine Gewichtsklassen. So gibt es immer wieder David-gegen-Goliath-Paarungen, und oft gewinnt David. Eine biblische Komponente?
Ja und nein, denn in der Bibel gewinnt der Kleinere, aber beim Schwingen ist das eher selten, habe ich mir sagen lassen. Da muss einer schon sehr gewitzt sein, um einen Fätzen wie den Santschi Johann oder den Forrer Nöldi zu Fall zu bringen. Steinschleudern sind jedenfalls nicht zugelassen, Schummeln liegt nicht drin. Aber es braucht schon auch noch Wendigkeit, nicht nur Masse. Gute Schwinger haben von beidem etwas, und sie können beides je dann einsetzen, wenn es gebraucht wird. Manchmal zählt die List, manchmal die Kraft, manchmal muss man dynamisch sein, manchmal statisch.

 

Was bedeutet Schwingen für Sie?
Sehe ich zwei Schwinger im Sägemehl sehe, dann denke ich: Wenn doch nur alle so fair miteinander kämpfen würden wie die beiden hier. Schwingen ist ein Lehrstück in Fairness. Die Freude am Kämpfen wird ja nicht verschwiegen, und jeder will siegen dabei. Aber niemand will verletzen oder demütigen. Im Gegenteil, nach dem Kampf wischt der Gewinner dem Verlierer das Sägemehl vom Rücken. Das ist ein starkes Zeichen der Wertschätzung.

 

Schwinganlässe sind eigentliche Volksfeste. Eine vorbildliche Art der Gemeinschaft?
Im Mai war ich am Mittelländischen in Richigen (Kanton Bern). Da hatte es Tausende von Menschen, aber trotz der vielen Leute verlief alles friedlich, nicht ein Polizist oder Securitas war nötig. Statt Cüpli gabs Bier und statt Lachsbrötli Bratwurst. Kaum jemand warf seinen Abfall achtlos zu Boden, und niemand pöbelte herum. Auf dem Land geht’s anders zu als in der Stadt. Man kennt sich und nimmt Rücksicht, so scheint es. Aber ich will nichts schönreden, auch auf dem Land gibt es Negatives und Positives.

 

Haben wir einen Stadt-Land-Graben in der Schweiz?
Das Leben auf dem Land ist sicher anders, die Verbundenheit mit der Natur, mit den Tieren, mit der Landwirtschaft, das gibt ein anderes Lebensgefühl als in der Stadt. Landbevölkerung ist eher konservativer. Das gilt übrigens auch für die Kirche. Urbanes Leben ist anonymer, schneller, internationaler, auch etwas abgekoppelter von den Jahreszeiten. Es ist deshalb wichtig, dass Stadt und Land nicht auseinanderdriften, sondern im Kontakt bleiben. Beide haben ihre Stärken und ihre Schwächen, beide brauchen einander.

 

Der Eidgenössische Schwingerverband hat es nicht immer leicht: Er muss zwischen Tradition und Moderne vermitteln, zwischen den grossen und kleinen Verbänden ausgleichen, den Sport fördern und ihn vor allzu grosser Kommerzialisierung schützen. Ist das beim Kirchenbund ähnlich?
Lukratives Sponsoring durch Grosskonzerne bekommen wir jedenfalls beide nicht, da sind wir uns ähnlich. Vielleicht verbindet uns auch, dass wir Frauen und Männer aus allen Regionen der Schweiz zusammenbringen. Das ist wichtig, so lernen alle voneinander, und es macht erst noch Freude. Zwischen Tradition und Moderne vermitteln in der Kirche übrigens viele Menschen, nicht nur auf Ebene des Kirchenbundes. Wir leben immer in der Gegenwart, Tradition alleine hilft uns nur bedingt weiter. Aber Tradition gibt Halt und Zusammenhalt, darum pflegen wir sie auch in der Kirche. Man kann Tradition modernisieren, manchmal sanft, manchmal betonter. Entscheidend ist, dass wir uns dabei selber treu bleiben. Reformieren können wir alles Zeitbedingte, aber das Wesentliche sollten wir bewahren.

 

Beim Schwingen gibt es die Rivalität zwischen den reformierten Bernern und den katholischen Innerschweizern, vor allem auch beim Brünigschwinget, das genau auf der Kantonsgrenze zwischen Bern und Obwalden stattfindet. Sehen Sie da auch eine konfessionelle Rivalität?
Sicher schon – wir Berner schlagen dänk die Katholischen, ist ja klar. Wir sind die «Bösen»! (lacht)

Gottfried Locher ist seit 2011 Ratspräsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes SEK. Von 1994 bis 1999 war er Pfarrer der Schweizer Kirche in London. Er ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt in Bern.