Weihnachten
Samichläuse in der Endlosschleife
Der Dichter und Theologe Kurt Marti bemerkte einmal, er schreibe keine Weihnachtsgeschichten mehr, denn das Thema sei «zerzählt». Die biblische Geschichte von der Geburt Jesu sei so überstrapaziert worden, dass sie keine weiteren Erzählungen mehr hergebe, so Marti.
Doch längst nicht allen Künstlerinnen und Künstlern ist Weihnachten verleidet. Zeitgenössische Kunstschaffende setzen sich weiterhin auf kreative Weise mit dem Thema auseinander.
ref.ch hat eine kleine Auswahl von Werken zusammengestellt, die den vielfältigen Blick der zeitgenössischen Kunst auf Weihnachten dokumentieren: mal als Kritik an Kommerz und Festtagsrummel, mal als feinsinnige Kindheitserinnerung.
James Colomina, «Santa Claus»
Der französische Street-Art-Künstler James Colomina ist für seine leuchtend roten Figuren bekannt, die er an symbolträchtigen Orten im öffentlichen Raum platziert. Mit seinen Skulpturen greift er aktuelle gesellschaftliche Themen auf und möchte zum Nachdenken anregen. So stellte er 2022 zum Jahrestag der Abschaffung der Sklaverei in Spanien auf dem ehemaligen Denkmal eines Sklavenhändlers in Barcelona eine Skulptur aus: einen Teddybären und ein Kind, die sich innig umarmen.
Von sich reden machte Colomina auch im vergangenen Jahr, als er auf dem Platz der Republik in Paris die Skulptur «Santa Claus» präsentierte. Sie zeigt einen von einem gigantischen Weihnachtsgeschenk erschlagenen Nikolaus. Mit seiner Installation wolle er den «übermässigen Konsum und die materialistischen Auswüchse» der Weihnachtszeit hinterfragen, hiess es in einem Communiqué.
Banksy, «Scar of Bethlehem»
Wer steckt hinter Banksy? Diese Frage treibt Kunstszene und Medien seit Jahren um. Der Graffiti-Künstler hat es zu Weltruhm gebracht, doch seine Identität ist weiterhin ungeklärt. Sicher ist, dass seine oft politischen und gesellschaftskritischen Werke auf dem Kunstmarkt Millionenpreise erzielen.
Zu provozieren vermochte Banksy auch mit seiner Installation «Scar of Bethlehem» (Narbe von Bethlehem) von 2019. Das Werk – von vielen als Kommentar zum israelischen Sperrwall verstanden – zeigt eine traditionelle Krippenszene vor einer Betonwand mit einem sternförmigen Detonationsloch. Ausgestellt wurde es im Walled Off Hotel in Bethlehem, das unmittelbar an einen Abschnitt der israelischen Sperranlage im Westjordanland grenzt. Diese trennt Teile der palästinensischen Stadt von Israel.
Die Reaktionen fielen entsprechend kontrovers aus: Während einige Kommentatoren das Werk als politische Weihnachtsbotschaft feierten, sahen andere darin billige antiisraelische Propaganda.
Roman Signer, «Zimmer mit Weihnachtsbaum»
Wer kennt sie nicht – die wasserspeienden Gummstiefel, schwebenden Kajaks und explodierenden Bürostühle? Mit seinen spektakulären und oft humorvollen Aktionen gehört der Schweizer Künstler Roman Signer zu den bekanntesten Grössen der Kunstszene. Lange jedoch wurde der «Sprengmeister», wie ihn die Medien gerne nennen, in seiner Heimat verschmäht und angefeindet. Als Signer in den 80er Jahren im St. Galler Grabenpark ein rotes Fass auf Stelzen installierte, aus dem ein Wasserstrahl spritzte, löste das einen Sturm der Entrüstung aus. Von einer «Verschandelung unserer Stadt» war in Leserbriefen die Rede.
Heute lösen Signers Arbeiten kaum noch Empörung aus, ihre Faszination ist jedoch ungebrochen. So konnte das Publikum im Zürcher Kunsthaus in diesem Jahr Skulpturen aus 50 Jahren entdecken, darunter auch das Werk «Zimmer mit Weihnachtsbaum». Zur Vernissage liess Signer darin einen motorisierten Tannenbaum rotieren, bis die Glaskugeln durch den Raum flogen und zerbarsten. Für die Besucherinnen und Besucher der regulären Ausstellung war diese ungewöhnliche Bescherung dann allerdings schon vorüber.
Nataliia Zevaikina, «A walk with a Christmas friend»
Für die meisten Menschen ist Weihnachten mit schönen Kindheitserinnerungen verbunden. In der Stube stand der festlich geschmückte Tannenbaum, es gab Guetzli und ein besonderer Zauber lag in der Luft. Mit solchen Erinnerungen beschäftigt sich auch die ukrainische Künstlerin Nataliia Zevaikina in ihrem Gemälde «A walk with a Christmas friend». Darauf ist ein Mädchen zu sehen, das mit einer Gans unter dem Arm in eine unbestimmte Richtung geht. «In dieser Arbeit kehre ich zu den inneren Landschaften der Kindheit zurück – zu dem Gefühl von Zuhause, Wärme und tiefem Zugehörigkeitsgefühl», beschreibt Zevaikina ihr Werk. Die Gans auf dem Bild ist für sie ein «Symbol für stille Unterstützung, Spiel und eine intuitive Verbindung zum Leben.»
Die in Frankreich lebende Künstlerin erforscht in ihrem Werk Grenzzustände, Übergänge und Momente der Transformation. Ihre Bilder befinden sich in Privatsammlungen in Europa und den Vereinigten Staaten.
Victoria-Maria Geyer, «Les Étoffes de la Nativité»
An Weihnachten sollte Jesu Geburt gefeiert werden, doch längst ist der Feiertag zum Teil eines Kulturkampfes geworden. Diese Erfahrung musste auch die deutsche Künstlerin Victoria-Maria Geyer machen. In Brüssel stellte sie ihre Krippenszene «Les Étoffes de la Nativité» (Die Stoffe der Geburt) aus. Die Köpfe der biblischen Figuren sind aus Stofffetzen gefertigt und weisen keinerlei Gesichtszüge auf. Bei einigen Kritikern sorgte das für Empörung: Sie werteten die Installation als «Entstellung» der Weihnachtsgeschichte und damit der westlichen Kultur. Die konservativ-liberalen Partei Mouvement Reformateur lancierte deshalb sogar eine Petition, um die Installation entfernen zu lassen.
Dagegen betonte Geyer, dass die Gesichtslosigkeit der Figuren die Absicht habe, dass jede und jeder sich in den Figuren wiederkennen könne. «Die dahinterstehende Bedeutung ist zutiefst spirituell: Wir alle sind zu verschiedenen Momenten unseres Lebens einmal der besorgte Josef, eine hoffnungsvolle Maria oder ein Kind auf der Suche nach Mitgefühl gewesen», wird Geyer auf orf.at zitiert.
Shirazeh Houshiary, «Christmas Tree»
Die Weihnachtszeit sollte eine besonders friedliche Zeit sein, oft steht die Welt aber gerade in dieser Zeit Kopf. Das Attentat auf eine Chanukka-Feier in Sydney hat das auch dieses Jahr wieder vor Augen geführt. Vielleicht wollte die iranisch-stämmige Künstlerin Shirazeh Houshiary mit ihrem hängenden Weihnachtsbaum genau dieses Gefühl ausdrücken. Möglicherweise hatte sie mit ihrer Installation in der Tate Britain in London aber vor allem einen Perspektivenwechsel auf Weihnachten im Sinn.
Ihr Werk «Christmas tree» war 2016 zu sehen und setzte die Tradition des Museums fort, an Weihnachten jeweils einen unkonventionellen Christbaum auszustellen. Die Installation von Shirazeh Houshiary zeigte eine von der Decke hängende Kiefer, deren Wurzelwerk mit Blattgold verziert war. Es gehe ihr darum, auf die Bedeutung der Wurzeln hinzuweisen, schrieb die Künstlerin in einer Mitteilung. Denn diese stünden für Stabilität, Nahrung und Langlebigkeit.
Etwas davon – Gesundheit und Resilienz – wünschen wir Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, für das kommende Jahr. In diesem Sinne frohe Weihnachten und erholsame Feiertage!