Roms neuer Blick auf den Reformator

Jahrhundertelang galt Luther in Rom als Unperson, Lutheraner wurden in der Ewigen Stadt verfolgt. Vor dem grossen Reformationsjubiläum 2017 wird der Blick auf den Reformator freundlicher.

Im Parco delle Colle Oppio beim Kolosseum in Rom gibt es seit 2015 eine «Piazza Martin Lutero». (Bild: Lalupa/Wikimedia)

Es war ein Augenblick, den Roms Lutheraner nicht so schnell vergessen werden. In der evangelischen Christuskirche schenkte Papst Franziskus Gemeindepfarrer Jens-Martin Kruse im vergangenen November einen Abendmahlskelch.

Ein Zeichen der Ökumene zum Abschluss des Papstbesuches in dem Gotteshaus im Norden der italienischen Hauptstadt, wo Franziskus zuvor in seiner Predigt mit Blick auf Lutheraner und Katholiken den «Skandal der Teilung» angeprangert hatte. «Ein spektakuläres Geschenk», befand Kruse.

Katholiken und Protestanten in der Ewigen Stadt verstehen sich. Lange her sind die Zeiten, als Lutheraner ihre Gottesdienste dort nur im Verborgenen feiern konnten.

Im vorigen Jahr wurde sogar ein Platz nach Martin Luther benannt – rechtzeitig zum Reformationsjubiläum, dem 500. Jahrestag von Luthers «Thesenanschlag» am 31. Oktober 1517. Schon am 31. Oktober dieses Jahres reist Franziskus nach Lund, um in der südschwedischen Stadt mit dem Lutherischen Weltbund den Auftakt zum Lutherjahr zu feiern.

Papst fordert Neubewertung

Anscheinend sieht die römische Kirche den einst von ihr gebannten Wittenberger Theologen (1483-1546) heute mit anderen Augen. Papst Franziskus forderte in einem Predigttext «eine aufmerksame und ehrliche Neubewertung der Absichten der Reformation und der Person Martin Luthers». Der Jesuitenorden, dem Jorge Mario Bergoglio angehört, hat sich in diese Arbeit vertieft.

Bei einer Veranstaltung der Jesuitenzeitschrift «La Civiltà Cattolica», zu der auch Pfarrer Kruse eingeladen war, lobte der Jesuit Giancarlo Pani die «Aufrichtigkeit» und «Rechtschaffenheit» Luthers.

Dieser habe in seinen 95 Thesen gegen den Ablasshandel berechtigte Fragen an die Kirche gestellt, eine Reflexion über den Glauben erbeten und nie eine Antwort bekommen. «Mir erscheint es schwerwiegend, dass die Kirche nicht mit ihm gesprochen und ihm ihre Position erläutert hat», sagte Pani.

Schon einige Jahre zuvor hatte ein anderer Jesuit, der Brite Philip Endean, auf erstaunliche Gemeinsamkeiten zwischen Martin Luther und dem Ordensgründer Ignatius von Loyola (1491-1556) hingewiesen. So hätten beide eine Erneuerung der damaligen Kirche und eine Reform des Priestertums angestrebt und ähnliche Erweckungserlebnisse gehabt, schrieb Endean 2011. Ignatius werde heute zu Unrecht als Bannerträger der Gegenreformation gesehen.

Offener Weg zur Wiedervereinigung

Von einer wirklichen Einheit oder einem gemeinsamen Abendmahl sind katholische und evangelische Kirchen allerdings noch weit entfernt. Immerhin habe Luther die Tür zu einer möglichen ökumenischen Verständigung offen stehen lassen, befand kürzlich der emeritierte Kurienkardinal Walter Kasper.

«Der Weg in Richtung der vollen Einheit ist offen, so sehr dieser auch lang und voller Hindernisse sein mag», schrieb der langjährige Präsident des vatikanischen Einheitsrats in der Vatikan-Zeitung «L’Osservatore Romano».

«Gerade Franziskus hat ein grosses Interesse an einem sachgemässen Umgang mit Martin Luther», glaubt Pfarrer Kruse. Er habe erkannt, dass die Christen noch sehr viel stärker mit einer Stimme sprechen könnten und müssten.

Auf dem gemeinsamen Forum mit Pani hielt Kruse einen Vortrag, in dem er betonte, dass Luther eigentlich keine neue Kirche gründen und auch das Papsttum nicht unbedingt abschaffen wollte. Papst Franziskus tue genau das, was Luther von einem erneuerten Papsttum erwartete.

Kruses Text las auch Franziskus, denn Antonio Spadaro, Chefredaktor von «La Civiltà Cattolica» und enger Ratgeber des Papstes, hatte ihn gleich weitergeleitet. Zwei Tage später begegnete der Pastor dem Pontifex in der Basilika Sankt Paul vor den Mauern. «Da kam der Papst ganz fröhlich auf mich zu und gratulierte mir zu diesem Vortrag, bedankte sich und sagte, das sei ganz genau seine Sicht der Dinge», sagt Kruse. (sda dpa/Klaus Blume)