Die «Grenzen religiöser Toleranz», da waren sich die vier Diskussionsteilnehmer schnell einig, sind dort, wo die Intoleranz beginnt und die Würde des Menschen verletzt wird. Insofern brachte der Abend im Asien-Orient-Institut der Universität Zürich nichts Überraschendes. Und trotzdem war er lehrreich, weil er den rund 120 Zuhörenden nicht nur inhaltlich etwas über das Verhältnis von Mehrheits- und Minderheitsreligionen mitgab. Interessant war auch das Diskursverhalten ihrer Vertreter (ausser der Moderatorin Amira Hafner Al-Jabaji war keine Frau auf dem Podium, denn alle angefragten Frauen hätten keine Zeit gehabt.)
Frieden, Frieden, Frieden
Die Teilnehmer erörterten zunächst, wie Minderheit- und Mehrheitsreligionen tolerant zusammenleben. Auch hier war das Ergebnis nicht überraschend: Indem sie dem Gebot des Friedens folgten und den Dialog suchten.
Der Wunsch nach Frieden sei überhaupt eine der wichtigsten Ressourcen der drei monotheistischen Religionen. Der Toleranzgedanke sei allerdings keiner in die Wiege gelegt, «und trotzdem können wir angesichts der heutigen Pluralität nicht anders als tolerant sein», so der reformierte Theologe Thomas Schlag. Der katholische Theologe Daniel Kosch ergänzte dazu den Begriff der Barmherzigkeit.
Bei «Barmherzigkeit» sei ihm aber eher unheimlich, bemerkte der jüdische Theologe Alfred Bodenheimer, «ich erinnere mich an die scharfe Barmherzigkeit von Luther gegenüber den Juden.»
Lackmustest
«Der Lackmustest für die Mehrheitsreligion ist, wie sie mit der Minderheitsreligion umgeht», so Bodenheimer weiter. Die Mehrheit könne der Minderheit nicht vorschreiben, wie sie sich verhalten soll. Es sei «ein kniffliger Weg der Religionsgemeinschaften, gemeinsam zum Frieden zu kommen», vielleicht sei eine revolutionäre Koalition zwischen den Religionen nötig, bei dem der Staat eine Rolle spiele, aber nicht die dominante, sondern eine vermittelnde. «Religionen implodieren, wenn sie gegeneinander kämpfen», fasste er zusammen.
Diffus und hybrid
Gemäss des Islam-Wissenschaftlers Abbas Poya gibt es eigentlich keine klaren religiösen Identitäten. «Im Islam gibt es unterschiedliche Schulen und Lehrmeinungen, man kann nicht von einer einheitlichen Identität sprechen, sie ist diffus und hybrid.»
Auch spreche der Koran nicht einfach von alleine, sondern werde immer ausgelegt. Man müsse die alten Texte in einer vernünftigen «Gebrauchsexegese» interpretieren. Zudem seien die Probleme im Nahen Osten nicht nur religiös geprägt, sondern politisch: «Alles will man mit Religion erklären. Es ist vor allem politische Stabilität notwendig. Momentan zerfleischen sich die Muslime im Nahen Osten gegenseitig.»
Mehrheit und Minderheit
Interessanterweise konnte man in der Diskussion gut wahrnehmen, wer zur Mehrheits- oder Minderheitsreligion gehörte. Auffällig war etwa, dass der Vertreter der Mehrheitsreligion «katholisch», Daniel Kosch, es sich leisten konnte, einfach nicht auf die Fragen von Hafner Al-Jabaji einzugehen. Er begann jeweils mit «Ich möchte zuerst noch etwas ganz anderes sagen» und redete dann auch über etwas ganz anderes.
Hafner-Al Jabajis Frage nach der innerreligiösen Toleranz bei den Katholiken beantwortete er beispielsweise nicht. Als sie ihn nach der Geschlechtertoleranz in der katholischen Hierarchie fragte, wich er aus und referierte über offene Fragen nach dem Minarettverbot.
Der andere Vertreter der Mehrheitsreligion «reformiert», Thomas Schlag, wich den Fragen nicht aus. Trotzdem merkte man, dass er zur Mehrheitsreligion gehört und dass es ihm in dieser Rolle vielleicht etwas unwohl war. Auf Hafner Al-Jabajis Frage, was Muslime von den Christen lernen könnten, bemerkte er spitz, die Christen hätten ihnen keinen Rat zu geben, das stehe ihnen nicht zu. Worauf der Vertreter der Minderheitsreligion «Islam», Abbas Poya, widersprach: «Die Muslime können schon von den Christen lernen. Man sollte einfach keine belehrende Sprache brauchen.»
Michel Müller: Religion bedeutet nicht nur Frieden
Der im Publikum anwesende reformierte Kirchenratspräsident Michel Müller ergriff schliesslich das Wort und beklagte in der Diskussion eine Engführung der Religion auf «Frieden»: «Ich merke es, es macht mich aggressiv, wenn Sie einen ganz wichtigen Bereich in Ihrer Toleranzdebatte ausblenden. Es geht auch um Gerechtigkeit, um Veränderung und Aufbruch und nicht nur um Frieden. Sonst sind wir nur noch eine saturierte Gesellschaft.»
Der Reihe nach widersprachen die Teilnehmer Müllers Einwurf: Natürlich gehe es auch um Gerechtigkeit, und man sei mitnichten saturiert. Bodenheimer betonte, wie aufgebracht er sei angesichts der Situation der Juden in Europa und in Israel. Trotzdem brachte der überraschende Auftritt des Kirchenratspräsidenten Pfeffer in die Runde. Schade kam die Schärfe erst am Schluss.