Reformierte VD: Aufräumarbeiten nach Arbeitskonflikten

Die Synode der waadtländischen reformierten Kirche (EERV) hat sich am 17. und 18. Juni im Juradörfchen Vaulion versammelt. Am Tag zuvor war der Lausanner Pfarrer Daniel Fatzer aus Protest gegen die Kirchenleitung in den Hungerstreik getreten. Angesichts dieses neuen Dramas verlief die Sitzung erstaunlich konstruktiv.

Es wurde sogar ab und zu gelacht: Waadtländische Synodale am 18. Juni im Gemeindesaal von Vaulion. (Bild: ref.ch/Weymann)

Eigentlich hätte es eine normale ordentliche Frühjahrssynode werden sollen, mit Abnahme von Jahresrechnung und Jahresbericht sowie – als Hauptpunkt – zweiter und dritter Lesung der Neufassung der Kirchenordnung. Aber natürlich schlug der von einem enormen Medienecho begleitete Hungerstreik von Daniel Fatzer auch hier seine Wellen. Wobei Fatzers Aktion zwar grosse Betroffenheit, aber wenig Verständnis auslöste.

Am vergangenen Donnerstag, den 16. Juni, trat Daniel Fatzer, Pfarrer der Lausanner Kirche Saint-Lauent in den Hungerstreik.  Seine Protestaktion markiert den bisherigen Höhepunkt einer Reihe von Personalkonflikten, die der EERV seit knapp zwei Jahren das Leben schwer machen. In der EERV werden die Pfarrpersonen nicht von der Kirchgemeinde, sondern vom Synodalrat (Exekutive) angestellt. Letzterer beendete 2015 das Arbeitsverhältnis von mehreren Pfarrpersonen.  Mehrere Prozesse sind deswegen vor dem Arbeitsgericht am Laufen. Erst vor einigen Wochen sorgte eine neue Entlassung für weitere Unruhe in der ohnehin schon angespannten Lage.

«Autoritäre Gartenzwerge»

Der Fall Fatzer steht in unmittelbarem Bezug zu den Pfarrerentlassungen. Im Radiogottesdienst vom 12. Juni verlieh der Pfarrer seinem Unmut Ausdruck. Sich auf Martin Luther King berufend, sagte er, dass man nicht schweigen dürfe, wenn Freunden durch an «autoritäre Gartenzwerge» erinnernde Leitungen Unrecht angetan werde. Er trug dabei ein Gebet des letzten Entlassenen vor und erwähnte diesen dabei namentlich (und gegen dessen Willen) als einen dieser leidenden Freunde. In der Fürbitte las er dann noch ein per SMS empfangenes Anliegen einer ehemaligen kirchlichen Mitarbeiterin vor, deren Leben nach der Entlassung durch einen vormaligen Synodalrat zerstört sei – wieder mit Namensnennung.

Nach Ausstrahlung der Sendung liess Radio Television Suisse (RTS) verlauten, dass sie eine künftige Zusammenarbeit mit Fatzer ausschliesse. Die für Radiogottesdienste verantwortliche Pfarrerin Sabine Petermann sagte auf Anfrage, dass sie schon im Vorfeld Fatzer mehrfach per Mail darauf aufmerksam gemacht habe, dass dieses Verhalten unvereinbar mit den geltenden berufsethischen Richtlinien sei. Antwort bekam sie keine.

Gute Dienste einer Regierungsrätin

Am Mittwoch nach dem Gottesdienst wurde Fatzer vor den Synodalrat zitiert. Die Regierungsrätin Béatrice Métraux versuchte zu vermitteln. Nachdem Fatzer alle Einigungsvorschläge abgelehnt habe, habe man keine andere Möglichkeit gesehen, als ihn fristlos zu entlassen, so Synodalratspräsident Xavier Paillard. Fatzer begann darauf seinen Hungerstreik in der Kirche Saint-Laurent, was ihm nicht nur in den lokalen Tageszeitungen Schlagzeilen bescherte. Auch die Tagesschau der RTS und der «Tagesanzeiger» vom 18. Juni griffen den Fall auf.

In der Synode stiess Fatzers Vorgehen auf wenig bis gar keine Zustimmung. Was sein Anliegen angeht, sind die Meinungen gespalten. Das betrifft schon die Anzahl der Entlassungen. So sagte Fatzer der RTS, dass es in den letzten anderthalb Jahren «sechs oder sieben» Entlassungen von Pfarrpersonen gegeben habe. Laut Synodalrätin Line Dépraz sind es mit Fatzer vier. Eine fünfte sei im gegenseitigen Einvernehmen geschehen, bei einer weiteren Pfarrperson sei ein befristeter Arbeitsvertrag nicht verlängert worden. Und mit den restlichen 240 Pfarrpersonen gebe es keinerlei Probleme.

Was darf der Synodalrat?

Auch wenn sie keine Probleme machen: Viele waadtländische Pfarrer sind beunruhigt, das zeigte sich auch auf der Synode. Besonders umstritten ist Personalchef Nicolas Besson, dem von verschiedenen Seiten autoritäres Führungsverhalten vorgeworfen wird. «Besson geniesst das volle Vertrauen des Synodalrats», sagte dazu Line Dépraz. Besson selbst wollte sich zu den Vorwürfen nicht äussern.

Es gibt aber (auch unter den Pfarrpersonen) Stimmen, die das Verhalten des Synodalrats rechtfertigen oder sogar begrüssen. Bei einem Pfarrer habe man jahrelang die Augen vor seiner katastrophalen Amtsführung verschlossen, sagte ein Synodaler. Es sei gut, dass der Synodalrat endlich Konsequenzen gezogen habe. Verbreitet ist die Meinung, dass der Synodalrat wie andere Arbeitgeber das Recht habe Mitarbeiter zu entlassen, mit denen er keine Möglichkeit der Zusammenarbeit mehr sehe. Auch Pfarrpersonen hätten eine Pflicht zur Loyalität und müssten sich an bestimmte Regeln halten. Und nur darum geht es laut Dépraz, kein einziger Pfarrer sei wegen inhaltlicher Differenzen entlassen worden.

Regeln für besseres Konfliktmanagement

Die Neufassung der Kirchenordnung, die die Synode in Angriff genommen hat, zielt darauf, derartige Arbeitskonflikte in Zukunft zu vermeiden oder zumindest nicht eskalieren zu lassen. Die Kompetenzen des Synodalrats und des Personalverantwortlichen sollen klarer definiert und eine Schiedskommission geschaffen werden. Am 17. und 18. Juni waren die zweite und die dritte Lesung vorgesehen. Abschnitt für Abschnitt rangen die Synodalen um Formulierungen und juristische Finessen, aber die Diskussion blieb immer sachlich und konstruktiv. Geschafft wurde schliesslich nur die zweite Lesung sowie die Entgegennahme des Jahresberichts und der Jahresrechnung (das Defizit ist viel kleiner als budgetiert). Zum Abschluss sagte Synodepräsidentin Sylvie Arnaud: «Ich bin unzufrieden, weil wir unser Pensum nicht geschafft haben. Aber ich bin sehr zufrieden mit dem Niveau der Arbeit, die wir heute geleistet haben.»