«Quest ist kaum in drei Jahren zu schaffen»

Seit Herbst studieren an den Universitäten Zürich und Basel Quereinsteiger, sogenannte «Questler», die sich Theologie für den Pfarrberuf beschleunigt aneignen können. Dies wirkt sich in Zürich positiv auf den Lehrbetrieb aus. Der Schuh drückt den Studierenden aber an einem anderen Ort.

Hier wird eifrig studiert: das theologische Seminar in Zürich.
Hier studieren Questler und «Reguläre»: das theologische Seminar in Zürich. (Bild: Wikimedia/Ikiwaner)

Jörg Frey, Professor für Neues Testament und als Prodekan zuständig für den Lehrbetrieb an der Fakultät, äussert sich positiv über den Einfluss der Questler: «Sie bereichern und beleben und haben Fragen mit stärkerem Praxisbezug.» Sie seien selbstbewusst und stellten andere Ansprüche als die jungen Studentinnen und Studenten.

«Ein junger Assistent ist durch Studierende, die vielleicht zehn oder 15 Jahre älter sind und eigene pädagogische Erfahrungen und Vorstellungen haben, noch einmal in anderer Weise gefordert.» Das könne verunsichern, aber auch positive Prozesse anregen. Man sei eine wissenschaftliche Lerngemeinschaft, bei der sich Questler und die «normalen» Studenten aufeinander zubewegen müssen. «Es gibt natürlich Diskussionen und Konflikte, aber das ist ja auch befruchtend. Ein Austausch findet statt, und man lernt voneinander.»

Frey sieht aber einen gewissen Vorteil bei den jungen Studenten: «Sie sind noch eher in einer Phase, in der sich Lebenseinstellungen formen und eine ‹theologische Existenz› entwickeln kann. Das ist später nicht mehr so leicht möglich.»

Der «Reguläre»

Auch Christopher Stübi, 25, «regulärer» Student der Theologie im ersten Semester, schätzt die Questler: «Am Anfang war ich skeptisch, weil sie in drei Jahren bewältigen, was die <Normalen> in fünf Jahren müssen. Aber sie stehen unter grossem Druck, das ist kein Honigschlecken.» Die Questler seien sehr interessiert und hätten ein grösseres Vorwissen.

Dieses Vorwissen zeige sich auch in der Lust am Diskutieren. «Es geht den Jüngeren meiner Meinung nach eher darum, den Stoff, der zum Lehrplan gehört, in einem adäquaten Zeitrahmen zu bewältigen. Hier waren die ausufernden Diskussionen mit den Questlern ein Hindernis fürs Vorwärtskommen.» Die meisten Jüngeren seien reformiert oder freikirchlich sozialisiert, während viele Questler nicht nur an einem christlich gefärbten Glauben interessiert seien.

Der Questler

Ähnlich äussert sich Jörg Wanzek. Er ist Quest-Student, 48, hat Geschichte und Volkswirtschaft studiert und arbeitet in der Kommunikation von «Schutz & Rettung Zürich». «Die normalen Studierenden könnten unsere Kinder sein», lacht er, «es ist sehr inspirierend mit ihnen, und es herrscht eine gute Stimmung. Mir gefällt das Studium.»

Er bestätigt die Eindrücke von Frey und Stübi: «Die Questler sind kritischer, stellen mehr Fragen, haben teilweise bereits Erfahrungen mit der Kirche. Sie getrauen sich mehr.» In diskussionsintensiven Fächern ist es Wanzek wichtig, dass sich die jüngeren Studierenden einbringen können und nicht erdrückt werden. Bei der Didaktik einzelner Dozierenden sähen die Questler durchaus Verbesserungspotenzial, einige hätten schon selbst als Dozenten gearbeitet.

Alles gut also? Eigentlich schon. Trotzdem sieht Wanzek Handlungsbedarf: «Quest ist kaum in drei Jahren zu schaffen, wenn man nebenbei noch 30 bis 40 Prozent arbeiten soll. Das Studium hat im ersten Semester fünf ganze Tage in Anspruch genommen. Und dann kam mein Job bei Schutz & Rettung hinzu. Von meinen Wochenenden ist nicht viel übrig geblieben.»

Die Aussprache

Am schwierigsten ist für Wanzek, dass alle Sozialversicherungen an den Arbeitsvertrag gekoppelt sind. Je weniger man arbeiten könne, desto weniger soziale Absicherung sei möglich. «Abhilfe könnten beispielsweise Lehrverträge schaffen», so Wanzek. Das wäre seiner Meinung nach ein stimmiges Modell, denn die Questler erhalten keinen Uniabschluss, sondern die Zulassung, als Pfarrpersonen gewählt zu werden. Es sei also klar, für wen sie später arbeiten werden.

Im Dezember hat es eine Aussprache mit der Questleitung von Uni und Kirche gegeben, in der vor allem die zeitliche Belastung Thema war. Und einzelne Landeskirchen gewähren den Questlern begrenzte finanzielle Hilfen, von Stipendien bis Darlehen. Allerdings reichten diese nicht sehr weit. «Momentan lastet zu viel finanzieller Aufwand und soziales Risiko auf den Questlern», so Wanzek.

Die Rolle des Fachvereins

Hinter manchen dieser Schwierigkeiten steckt übrigens auch ein Konflikt, der ausgetragen wurde, bevor die ersten Questler angefangen haben. Bei der Vernehmlassung von Quest hatte der Fachverein Theologie den Studiengang heftig kritisiert, worauf die Bedingungen für Quest verschärft wurden. Und das können die jetzigen Questler ausbaden.