Pfarrerinnen erzählen von sexuellen Übergriffen

Unter dem Begriff «metoo», also «ichauch», schildern Frauen in Sozialen Medien ihre Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen. Ob durch Kirchenvertreter oder auf Facebook – auch bei reformierten Pfarrerinnen wurden Grenzen schon massiv überschritten.

Unter dem Hashtag «metoo» haben Frauen auf sozialen Medien wie Twitter oder Facebook über ihre Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen berichtet. (Bild: dpa/Britta Pedersen)

Als ein hoher Schweizer reformierter Kirchenvertreter Carla Maurer vor einigen Jahren für ein kollegiales Gespräch ins Café einlud, dachte sich die Pfarrerin der Swiss Church in London nichts Böses. «Plötzlich kam das Gespräch jedoch auf das Thema Sexualität zwischen Mann und Frau», erinnert sich Maurer. Was der Kirchenvertreter dann von sich gab, irritierte sie zutiefst. «Er sagte, dass Männer nunmal eine aktiv-aggressive Sexualität in sich tragen würden und Frauen eine passive. Deshalb müssten Männer manchmal über Frauen herfallen, um sich sexuell ausleben zu können.»

Nicht nur die Bemerkung an sich empfand Maurer als unangebracht. Sie fühlte sich auch unwohl, weil sie überhaupt in so einen Dialog verwickelt wurde. «Dabei kann man ja nur verlieren», sagt sie. Schweige man, stimme man dieser unsäglichen Aussage zu und bestätige, dass die Frau ein Objekt männlicher Begierde ist. «Hätte ich mich aber dazu geäussert, hätte ich mit dem Kirchenvertreter über meine Sexualität sprechen müssen. Das wäre absurd gewesen.»

Die Pfarrerin schilderte ihr Erlebnis auch unter dem Hashtag #metoo, zu Deutsch #ichauch, auf Facebook. Unter diesem Begriff teilen zurzeit Hunderttausende Frauen in Sozialen Medien ihre Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen von Männern. Auslöser war der Skandal um den Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein, der über Jahre seine Macht ausgespielt und Frauen sexuell belästigt und missbraucht haben soll.

Angst vor negativen Konsequenzen

Der Vorfall beschäftigte Maurer noch lange. «Weil der Mann keinerlei Vorstellung davon hatte, dass Frauen genau unter diesem Deckmantel der ‹unkontrollierbaren männlichen Triebhaftigkeit› seit Jahrhunderten systematisch missbraucht werden.»

Laut Maurer müssten Grenzüberschreitungen und Machtmissbrauch auch innerhalb der Kirche thematisiert werden. Für die Frauen brauche es kirchliche Fachstellen, an die sie sich wenden könnten, und bei der jede Übergriffigkeit auch ernstgenommen werde. Auf diese Fachstellen müsse aktiv aufmerksam gemacht werden, denn oft seien sie nur schwer zu finden. Und Maurer fordert, dass sich auch die Männer mit der Thematik auseinandersetzen: «Es kann nicht sein, dass man solche Themen an Frauengremien abschiebt.»

Sie selber habe lange gezögert, mit dem Vorfall an die Öffentlichkeit zu gehen, weil dies negative Konsequenzen für ihre Karriere haben könnte. «Aber genau darauf wird ja spekuliert. Dass man aus diesem Grund bei Grenzüberschreitungen von Vorgesetzten schweigt. Das kann es nicht sein», sagt Maurer. 

Penisbilder auf Facebook

Auch die reformierte Pfarrerin Sibylle Forrer wurde schon zur Zielscheibe von sexuellen Anzüglichkeiten. Zwar nicht durch Kirchenvertreter, sondern von fremden Männern, die ihr beispielsweise Bilder ihres Glieds auf Facebook schickten. «Einige schrieben mir, dass es sie erregt, wenn ich den Talar anhabe», sagt Forrer. Oder dass sie es «heiss» fänden, dass sie Pfarrerin sei. «Das ist natürlich völlig daneben. Ich schreibe je nachdem etwas zurück und versuche, den Männern deutlich zu machen, dass ihr Verhalten grenzüberschreitend ist.»

Manchmal blockiere sie diese Männer auch einfach, damit sie sie nicht mehr kontaktieren könnten. Physisch übergriffig sei bis jetzt zum Glück noch niemand geworden.

Pornografie im Unterricht thematisieren

Forrer findet, dass auch innerhalb der Kirche Geschlechterbilder thematisiert werden müssten. Als Beispiel nennt sie den hohen Pornokonsum vieler Jugendlicher und das daraus resultierende Männer- und Frauen-Bild. «Dieses ist höchst problematisch. Im Konfirmanden-Unterricht thematisiere ich das jeweils und versuche, den Zusammenhang zwischen Zwangsprostitution und Pornographie zu zeigen.»

Aber auch die Geschichte der Kirche sei voll von Gewalt an Frauen. Diese Gewalt habe oft unter dem Deckmantel einer rigiden Sexualmoral stattgefunden, die die weibliche Sexualität verteufelt und sie als ewige Verführerin herabgewürdigt habe. «Vor diesem Hintergrund stehen wir als Kirche in besonderer Verantwortung hinzusehen und zu handeln, wenn Frauen Opfer von sexueller Gewalt werden», sagt Forrer. Dazu gehöre auch, Strukturen und Geschlechterbilder zu kritisieren, die diese Gewalt möglich machen oder sogar befördern.

Die #metoo-Aktion findet Forrer daher wichtig. «Es ist gut, dass sich nun so viele Frauen zum Thema äussern. Wir müssen aber auch die Männer in die Pflicht nehmen.» Sie seien schliesslich jene, die Grenzen überschritten. «Auch sie müssen sich mit dem Thema auseinandersetzen», sagt Forrer.

«Mitten in der eigenen Bubble»

Bereits getan hat das Stephan Jütte, Bereichsleiter Hoch- und Mittelschule der reformierten Kirche Zürich. Auf dem Blog «Diesseits» der Zürcher Landeskirche schrieb er einen Beitrag zum Thema. «Ich musste mich damit  beschäftigen, weil meine Timeline voll war mit Beiträgen von Freundinnen, Kolleginnen und Bekannten, die unter #metoo von Erfahrungen berichteten», sagt Jütte auf Nachfrage. Da sei ihm klar geworden, was er eigentlich schon hätte wissen müssen: Sexistische und sexuelle Gewalt sei kein Phänomen, das weit weg stattfinde, sondern mitten in seiner eigenen Bubble.

Er habe sich dann gefragt, was er mit dem Ganzen zu tun habe. Wo er geschwiegen habe, anstatt zu intervenieren, wo er selbst übergriffig geworden sei und wo er sich so verhalten habe, dass es leicht auch als Übergriff hätte ankommen können. «Da ist mir mehr dazu eingefallen, als mir lieb ist», sagt Jütte. «Gewisse Situationen sehe ich nun in einem anderen Licht. Und ich merke, dass mir zu jeder Situation sofort eine Entschuldigung einfällt. Das macht es aber nicht wirklich besser.»

Da das Thema ein gesellschaftliches sei, müsse sich natürlich auch die Kirche damit auseinandersetzen. «Wenn wir als Kirche wirklich verstanden haben, dass sexuelle Gewalt und Sexismus keine Folgen der männlichen Natur, sondern ein Mangel an kultureller Entwicklung sind, können wir das Thema angehen. Aber vielleicht müssen wir dazu zuerst selbst einen Lernprozess durchlaufen», sagt Jütte.

Die Sache mit den Komplimenten

Dass dieser Prozess nötig sei, zeige auch die Reaktion vieler Männer auf die #metoo-Debatte. Diese monieren, dass man nicht einmal mehr wisse, wann nun ein Kompliment – etwa am Arbeitsplatz – angebracht sei und wann nicht. «Mir fällt auf, dass praktisch alle konkreten Beispiele, die ich dazu finden kann, Komplimente für Frisuren, Bräunungsgrad und vor allem für Kleidung sind», sagt Jütte. Wahrscheinlich würde man aber kaum anecken, wenn man seiner Kollegin ein Kompliment für ihre berufliche Leistung mache.

Männer müssten sich im Klaren darüber sein, dass die Arbeitswelt für viele Frauen noch immer ein Ort von Ungerechtigkeit – etwa bei Gehalt oder Beförderungschancen – darstelle, also nicht nur ein Wohlfühlort sei. «Da kann auch ein nett gemeintes Kompliment für schöne Stiefel als Reduktion auf Äusserlichkeiten gedeutet werden.»

Dabei wäre die Sache eigentlich ganz einfach, meint Jütte: Aufrichtige Bewunderung für etwas, wofür man am Arbeitsplatz geschätzt werden möchte, sei ein gutes Kompliment. Bewunderung für etwas, das nicht primär in diesen Kontext gehöre, sei ein schlechtes Kompliment. Und ein schlechtes Kompliment am Arbeitsplatz zu einer Person, zu der man eine hierarchische Beziehung habe, sei schlicht ein No Go.

Mehr Informationen zum Thema «Sexuelle Übergriffe» in der Kirche gibt es unter diesem Link.